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Die Welt · 1912-03-08 · 10 (8.3.1912) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
10 (8.3.1912)
Date
1912-03-08
Page
– (sequence 2)
Language
German
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sehr bedenkliche Dimensionen angenommen hat und künstlich durch zwangsweise Verlängerung der Pachtverträge verhindert werden muß. Wir hören noch von Ackerbauschulen in Rußland, von Produktiv-Genossenschaften und Leihkassen — aber wir hören kein Wort davon, was sich die Jca denn nun eigentlich zum Ziel gesetzt hat? Die Absichten des Baron Hirsch konnten nicht verwirklicht werden, und die Jca mußte daraus die nötigen Konsequenzen ziehen. Sie konnte an der Idee der Kolonisation und Konzentration festhalten — dann blieb ihr nur die Möglichkeit, in Gemeinschaft mit dem Zionismus in Palästina zu arbeiten, oder sie gab den großzügigen Pian ihres Schöpfers auf und zersplitterte ihre Kräfte in philanthropischen Einzelunternehmungen — diesen Weg hat sie in der Tat gewählt, aber sie gesteht es nicht ein. Daher bietet der Aufsatz des Herrn Sonnenfeld das Bild völliger Zerfahrenheit. Er beginnt mit einem schwungvollen Hinweis auf die Möglichkeit, aus den Juden wieder bodenständige Bauern zu machen, erzählt dann von dem „stolzen Wahne" des Baron Hirsch, wendet sich zu den Leihkassen in Rußland und stellt dann wieder dife Behauptung auf, daß man „ohne Ueberhebung von den Ergebnissen der Tätigkeit der Jca mit Genugtuung berichten" könne. Hier folgt dann eine Schilderung der argentinischen Kolonien und ihrer Bewohner, und vor dem flüchtigen Leser taucht das Bild einer stolzen und zufriedenen Bevölkerung von Ackerbauern und Viehzüchtern auf. Das ist so die Methode: Durch ein paar Reminiszenzen an die Ideengänge des Baron Hirsch wird der Eindruck erweckt, als sei eigentlich alles in schönster Ordnung, als werde der „Zweck" (nämlich die Kolonisation) bestens „erfüllt", und nur wer aufmerksam dem Gedankengang des Schreibers zu folgen sucht, gewahrt die Sprünge und Willkürlichkeiten, die völlige Planlosigkeit der Jca-Verwaltung, die aus jeder Zeile spricht. Sie gibt nicht zu, daß sie nur ein paar tausend Individuen helfen kann und will. Sie spricht von ihrem Kolonisationswerk noch immer so, als wenn es wirklich ihr Bemühen sei, große jüdische Siedlungen in stets wachsender Zahl zu schaffen und so dem „Wahn" des Baron Hirsch nachzustreben. Das ist der Vorwurf, den wir gegen ach so manche jüdische Gesellschaft erheben müssen! Sie täuschen sich1 und das jüdische Volk mit ihren phrasenreichen Rechenschaftsberichten, mit ihren Festreden und Vertrauensvoten. Sie haben immer die „besten Absichten", aber sie führen sie nicht aus, weil sie in ihrer Aengstlichkeit und Kleinlichkeit vor der starken Idee der jüdischen Nation und ihrer Wiederaufrichtung erschrecken. So wird ihr Tun planlos und zwecklos, es zerrinnt in Einzelheiten und verliert sich schließlich im Wüstensande der Gedankenlosigkeit. Es kann keinen besseren Beweis hierfür geben, als den Artikel des Herrn Sonnenfeld über die jüdischen Bauernkolonien. Und es gibt einen Satz in diesem Artikel, der blitzartig alles erhellt, was wir hier sagten: „Die junge Generation" — in den argentinischen Kolonien — „ist des Spanischen vollkommen mächtig, und schon ist aus ihrer Mitte ein talentvoller spanischer Novellenschreiber erstanden, dessen Erzählungen durch ihren rührend-schlichten Ton fesseln." Da haben wir's! Nun wissen wir, was der Baron Hirsch mit seiner Jca erreicht hat. Er wollte eine nach Millionen zählende jüdische Bauernbevölkerung schaffen — wohlgemerkt, eine jüdische! — und die Ica, die angeblich noch immer jüdische Bauernkolonien schaffen will, ist befriedigt, daß es ihr gelungen ist, ein paar tausend Kolonisten und einen spanischen Dichter zu züchten. Der spanische Novellenschreiber mit dem südamerikanischen Akzent, der Kenner der Gauchoseele mit dem schlichten Ton — der hat uns gefehlt! Dazu müssen in Paris dreihundert Millionen Franken behütet werden, damit uns die Geisteserzeugnisse dieses jüdisch-spanischen Pampashelden nicht entgehen. Auf solche Leistungen kann das jüdische Volk wahrlich stolz sein, und Herrn Sonnenfeld gebührt das Verdienst, uns nicht nur die wirtschaftlichen, sondern auch die kulturellen Resultate der Ica-Tätigkeit enthüllt zu haben. Die Jca sollte ihr aussichtsreiches Beginnen fortsetzen. Sie sollte sich nicht auf Argentinien beschränken, sondern auch in anderen interessanten Gegenden Kolonien gründen. Wir wollen nicht nur spanische Lieder an den Ufern des Paranä ertönen hören, es ist uns auch sehr daran gelegen, zu erfahren, wie in der Brust jüdischer Kolonisten die Sagenwelt der Kongoneger und die Kriegsgesänge der Papuas wiedertönen. Es ist nicht nötig, daß die Juden sich nur am Feuilleton der „Neuen Freien Presse" bilden. Auch die Kriegstrommel der Schwarzfuß-Indianer hat ihre Reize und tönt nicht leiser als die Leitartikel des „Berliner Tageblatt". Wahrlich, es ist schön, wenn man weiß, wofür man lebt. Die Jca-Männer scheinen es ganz genau zu wissen. Sie kolonisieren an den Ufern des Paranä, und dort ergeht sich nach des Tages Last und Mühe der jüdische Dichter, der uns spanisch vorkommt! R. L. Die Konferenz der Chowewe-Zion*) (Eigener Bericht.) Dritte Sitzung. (Freitag, den 16. Februar, 10 Uhr vormittags.) In dieser Sitzung erstattete Dr. M. Glücksohn sein Referat über Informatiojiswesen. Die Aufgaben unseres Informationsdienstes, führte der Referent aus, werden verschieden aufgefaßt. Die eine Auffassung rechnet nur mit dem sozusagen reisefertig vor uns stehenden Palästinaaus Wanderer, dem die üblichen Dienste erwiesen werden sollen. Hiernach sollten unsere Bureaus in erster Reihe dem Auswanderer die Reise durch planmäßige Maßnahmen erleichtern und verbilligen, daneben hätten sie höchstens noch die Aufgabe, über die allgemeinen Lebens- und Ansiedlungsbedingungen in Palästina Auskunft zu erteilen. Daß das Komitee diese Seite des Informationsdienstes nicht gering schätzt, braucht nicht erst hervorgehoben zu werden. Nach dieser Richtung unterscheidet sich die Tätigkeit der Bureaus des Palästinakomitees von den Aufgaben der Emigrationsbureaus anderer Organisationen tnur insofern, daß hier der Schwerpunkt der Arbeit nicht wie dort im Auswanderungs- Iande, sondern im Einwanderuingslande liegt. Es liegt in der Natur der Sache, daß die Informationsbureaus in Palästina die *) Vergl. die vorige Nr. der „Welt".

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