Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 9 (1.3.1912)
- Date
- 1912-03-01
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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Nr. 0 DiEX&ELT: 275 fro (f O ff □ □ o - □ □ □ D o —o FEUILLETON □ □□□□□ jj Der Geiger der Armen (Eine Purimgeschichte) Von J. L. Perez Aus dem Jüdischen übertragen von Siegfried Schmitz. Einst gab es bessere Zeiten: da war Geschlecht um Geschlecht nicht so vereinsamt und verlassen wie jetzt. Jede Generation war ein Ring in der Kette, die bei Adam beginnt und enden wird im sechstausendsten Glied. Und wenn einmal ein Ring sich bog, dann erbebte die ganze Kette und alle Ringe erwachten: Die Erzväter, Mutter Rahel, alle, alle . . . Damals sah auch das bloße Auge den Himmel offen, wenn ihm nicht Kupferdreier den Blick trübten. Der Prophet Elijahu war ein häufiger Gast im Hause eines jeden Juden, in der Laubhütte, beim Seder, an allen Tagen der Freude; doch auch in jenen Stunden, wo die Kehle schon des Messers Schneide spürte. Gute Engel waren damals stete Helfer. Außerdem aber hatte man immer Vater und Mutter: Lebten sie, so war gewiß alles gut; waren sie aber — verhüte es Gott! schon gestorben, dann hatte man ihr Grabmal, um die brennende Stirn an seine Kühle zu lehnen, dann kannte man ihren Ruheort, um die bitteren Herzenstränen darauf zu ergießen, dann besaß man die teure Seele der Toten, die hörte und sah und nicht still blieb, sondern ein guter Fürsprech war . . . Doch man muß die Seelen nicht einmal erst um Hilfe bitten: denn Nacht für Nacht kommen ja die Toten in die Stadt. Sie versammeln sich in der Schul' zum Mitternachtgebet ... Da geht einer der Seligen an einem trauten Fensterladen vorüber; er hört den Seufzer eines bedrückten Herzens durch die Ladenritzen säuseln und versteht ihn. — Denn Tote und Lebende sprechen dieselbe Sprache, beten aus dem gleichen, altererbten Buche. / — Der stille, nächtliche Wandler lauscht dem leisen ' Kummerlaut und schürzt einen Gedächtnisknoten in sein Totenlinnen. Wenn er dann wieder zur Himmelsruhe aufsteigt, dann erinnert er sich des leidvollen Lautes und erwirkt dem Lebenden, was ihm möglich ist . . . Und in jener gottgesegneten Zeit war alles möglich; sogar eine fröhliche Purimmelodie konnte man von einem Toten lernen! . . . Doch halt! Ich fasse nach dem Fisch und habe noch kein Netz! Das gehört ja schon zur Geschichte von Reb Awremel, dem Geiger — er sei ein guter Fürsprecher für mich und alle, die fromme Purimgesehichten erzählen. Reb Awremel war ein Geiger, kein gewöhnlicher Musikant. Er stand auf jener Stufe des Glücks, nach der es wohl alle zieht: seine Geige diente ihm nicht zum Erwerb des täglichen Brots . . . Wenn man keine unersättlichen Augen und keinen „weiten Mund" hat, wenn irgendetwas schon satt macht und Wasser ebenso fröhlich stimmt wie Branntwein, wenn Frau Beile den Kramladen treulich hütet, dann spielt man um der Guttat willen und ist ein Geiger zu Seines lieben Namens Ehr'. — Und das war Reb Awremel. Am Sabbatausgang spielt Reb Awremel die Sabbatgesänge. Frau Beile sitzt an seiner Seite beim Fenster und trinkt aus seinem Spiel Freude und Heiterkeit für eine ganze Woche. Auf der Gasse drängt sich Kopf an Kopf, und die Seelen schlürfen den Sabbatsang in reiner Freude. Oft nimmt die Gasse die Melodie auf und das Städtchen wird ein Sabbatchor. . . . An den langen Wochentagen sitzt Beile in ihrem Laden. Das ganze Städtchen hastet und handelt. Doch in dem kleinen Stübchen sitzt arn kleinen Tischchen neben dem kleinen Fenster Reb Awremel; sein Herz ruht im Himmel, sein Auge auf König Davids Psalmen. Leise entströmt seinen Lippen Psalm um Psalm, leise streichen seine Finger .über die Saiten der Geige, die auf dem Tischchen liegt . . . Aus den Saiten klingt sanftes Taubenflügelrauschen und geleitet die Psalmworte hoch, hoch empor . . . Freudezitternd glätten Reb Awremels Finger den schneeweißen Bart . . . Schüchtern öffnet sich die Tür. Ein junges Brautpaar duckt sich leise ins Zimmer und bleibt schamhaft und errötend vor Reb Awremel stehen. Reb Awremel lächelt. Er weiß, was die zwei Menschenkinder hergeführt hat: Nach langen Jahren voll mühseligen Sparens steht endlich der Trauhimmel bereit. Doch für die Spielleuf hat's nicht mehr gereicht . . . Und Reb Awremel geigt zur Armenhochzeit. Ehe ein Jahr um ist, steht er Gevatter. Dann löst er den Erstgeborenen aus: denn er ist ein Kohen. —- So zieht ein gottgefälliges Werk das andere nach sich . . . Doch das alles ist für Reb Awremel nicht das höchste. Die wahre Freude hat er nur am Purimfeste. Er ist nämlich Purimspielmann der Armen .. . Es gibt im Städtchen einige Häuser, wo die Musikanten nicht eintreten, wo die Purimnarren nicht über die Schwelle poltern, wo der Festtagkuchen blaß und klein ist und das Festmahl freudlos und stumm . . . Da öffnet sich die Tür und barmherzige Leute treten ein mit Speis' und Trank. Und die armen Leute segnen die guten Menschen für ihre Liebe, und auch alle Gäste des Purimballs, welche die Gaben der Liebe gespendet haben. Dann loben sie Gottes Güte, die gute Menschen schuf, und setzen sich zum Festmahl. Doch über die bleichen Wangen rinnen oft verstohlen salzig-bittere Tränen: Nicht süß schmeckt das Brot, das vom Mitleid gereicht wird. Die Träne brennt im Auge und Bitternis schwellt das Herz: manche Frau birgt ihr Antlitz in der Schürze, mancher Mann blickt düster zum Himmel und manch ein Sohn ballt die Faust. Da tritt Awremel mit der Geige ein und alle Lichter werden hell. Alle Augen erstrahlen in frischem Glanz, jedes Antlitz umsonnt ein Lächeln, ein einsames, tränenschweres, doch freudfg erregtes Lächeln. Reb Awremel spielt. Lindes Oel träufelt er ins wogende Herz: Nein, Armut ist keine Schande und die Gabe des Mitleids kommt aus Bruderhand! — Und bald dreht sich der Reigen . . . Awremel geht lächelnd fort, von freudeblitzenden Augen begleitet, und Kinder mit gekrümmten Beinchen und frohen Aeuglein, in denen Himmelslicht leuchtet, sind sein Gefolge Gass' auf, Gass' ab, von Tür zu Tür, von Stube zu Stube . . . Und in später Nacht — der armen Leute gibt's nicht wenig — tritt Reb Awremel mit reinen Segenswünschen reich be-