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Die Welt · 1912-03-01 · 9 (1.3.1912) · page 18

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
9 (1.3.1912)
Date
1912-03-01
Page
– (sequence 18)
Language
German
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276 DlE^ELT Nr. 0 laden, mit einem Herzen voll Freude ob der vollbrachten gottgefälligen Werke beim Rabbi ein . . . Indes sitzt Frau Beile geduldig beim kleinen Tischchen und wartet. Wohl sagt ihr das Herz in freudigem Rhythmus, daß sie einen großen Anteil an dem guten Werk des Mannes habe; doch ein wenig bange Sehnsucht klopft in ihr . . . Ihre Lippen lächeln, die alten, blinzenden Aeuglein spähen in die dunkle Gasse, und unter dem Kopftuch horchen die Ohren ein wenig fiebrisch gerötet hinaus: Ist das sein Geigenton, der durch die Stille zieht? Ist das nicht seine Purimmelodie? — Und still, ganz still murmeln die Lippen in ernstem Gebet: „Möge er's erleben, mit einem Liede seiner Fiedel den Messias zu empfangen \u — Damals harrte man noch der Ankunft des Messias zuversichtlich Tag für Tag, mochte er noch so lange säumen. „Wo bleibt er heut' so lange?" — Das Essen ist schon kalt geworden, die Lichter schwelen und erlöschen, und Reb Awremel ist noch nicht daheim. Beile läuft auf den Marktplatz. Die Nacht hat den Lärm bedeckt. Aus den geschlossenen Läden dringt kein Sang und kein Strahl mehr. Das Städtchen schläft, und der Himmel bewacht es mit tausend treuen Augen. „Wo ist Awremel?" — fragt auch der alte Rabbi. Seine besorgten Worte wecken seine Frau aus ihrem Nickerchen. Ihr kleiner Kopf, der sich wie ein Pendel bewegt, bleibt plötzlich still stehen: „Ja, Awremel — wo mag er nur sein?" Die alte Uhr krächzt heiser die Mitternacht; von Awremel keine Spur. Der Rabbi schlüpft hastig in den Pelz, seine Frau wirft den türkischen Festtagsschal um, die Diener werden aus dem Schlaf gepocht und bald leuchten große Laternen durch alle Gassen. Die Suchenden treffen Beile. Rasch eilen sie vereint weiter und klopfen an Fenster und Türen: „Ist nicht Reb Awremel bei euch?" Groß und Klein kriecht aus den Stuben, um Reb Awremel zu suchen. Reb Awremel hat indessen Sonderbares erlebt: Er ist auf dein Heimwege zu seiner Beile. Seine Füße sind nicht allzu fest und der eisgraue Kopf wackelt ein wenig. Freilich — es ist Purim gewesen; hat doch Reb Awremel keinem Armen auf sein Zutrinken Bescheid versagen dürfen . . . Seine Schritte sind rasch; eine große Sehnsucht nach Beile beflügelt sie. Da fällt ihm plötzlich ein, daß er ja nach altem Brauch noch beim Rabbi eintreten müsse. Er will den Besuch kurz machen, seinem Sehnen nach Beile zuliebe, — und, um den Weg zu kürzen, geht er durch den Vorhof der Schul'. Wie er sich der Schur nähert, hört er aus dem Innern des Gotteshauses Lachen, Singen und Scharren tanzender Füße. Es wird ihm eigen zu Mute. „Gesindel muß in die Schul' eingedrungen sein!" geht es ihm durch den Sinn. Und heiliger Zorn faßt den alten Awremel aus dem Priesterstamme. Er tritt zur Tür. Sie ist verschlossen. Mit unmutiger Gewalt stemmt er sich gegen die Tür, ein Türbalken gibt ein wenig nach, und Reb Awremel zwängt sich mit aller Kraft durch den Spalt. Entsetzensstarr bleibt er stehen: Tote sind da! Murmelnd summt es durch die Schul*: „Reb Awremel! Reb Awremel!" Alle Augen heften sich auf den alten Geiger, der im Türspalt eingezwängt ist, und blicken ihn freundlich und liebevoll an. Dann wenden sich die Blicke ehrfurchtsvoll zu einem großen Manne mit schneeweißem Bart. Alle Augen hängen an des Mannes bleichen Lipipen, ehrfürchtig sein Wort erwartend. Mit leisem Schritt nähert sich der Alte dem Geiger. Es wird ganz still in der Schul'; bloß den lauen Nachtwind hört man durch die Ritzen säuseln. Der Alte streicht langsam seinen schneeweißen Bart und spricht: „Fürchte dich nicht, Awremel. Wir tun dir nichts zuleide. Wir haben uns hier, wie alle Jahre, zur Freude versammelt, Lieder gesungen und den Reigen getanzt, dem Purimtag, dem unvergänglichen Freudentag zu Ehren!" Reb AwTemel schaut mit großen Augen auf das wunderliche Treiben und denkt: „Wenn ich morgen erzähle, was ich hier gesehen, wird es niemand glauben!" Seine Lippen beben und können kein Wort hervorbringen. Der ehrwürdige Greis aber liest den Gedanken von Avvremels Stirn und winkt einem dürren Manne, der noch größer ist als er. Der schreitet still heran. Dann sagt der Greis: „Wir wollen dir ein Wahrzeichen geben für die Lebenden, daß sie dir glauben: Ich war der erste Rabbi dieser Stadt, und der Mann, den ich rief, war der erste Vorbeter in dieser Gemeinde. Er soll dich eine neue Purimmelodie lehren." Der lange Magere nickte mit dem Kopfe. „Doch er kann sie dir nicht mit seiner Stimme vorsingen," — setzt der Rabbi hinzu— „er hat sich damals beim Neilahgebete am Jom-Kippur erkältet und ist drei Tage darauf mit einem stummen Sterbegebet von hinnen gegangen. So wird er dich denn mit dem Finger das Lied lehren." Der Vorbeter hebt die rechte Hand und streckt den Zeigefinger aus. Der Finger bewegt sich. Bald tanzt er wild, bald zittert er schwermütig und bleibt wie erstarrt. Dann schwingt er sich wieder auf in die höchsten Weltenhöhen, mit Freude und Bangen, mit Glut und Ersterben. Dann bebt er bang einer Antwort aus den Höhen entgegen, der Antwort über Tod und Leben . . . Reb Awremels Seele schwingt rhythmisch mit dem singenden Finger und seine Augen fassen freudig die herrliche Melodie. Glühendes Verlangen packt ihn, das Lied auf der Geige nachzuspielen, wenigstens einen Ton daraus aufklingen zu lassen. Doch seine Hand ist in den Türspalt gezwängt und kann sich nicht rühren . . . Und des Vorbeters Finger schwebt vor seinem Auge und gießt in sein Herz den Strom der wunderbaren, neuen Melodie — — — Als der Gemeindediener am Morgen die SchuF öffnen kam, fand er mit Staunen Reb Awremel in die Tür gezwängt und befreite ihn. Ohne der Fragen des erschrockenen Schamnies zu achten, stürmt Reb Awremel in die Mitte des Hofes. Mit zitternden Händen drückt er die Geige in den weißen Bart und spielt! Voll Verwunderung hört es Beile, der Rabbi und seine Frau und alle, alle, die Reb Awremel bei Nacht lange gesucht . . . Die ganze Stadt versammelt sich. Die Zeit des Morgengebets ist da, und Reb Awremel spielt — die neue Purimmelodie . . . Büchereinlauf Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde. Herausgegeben von Dr. M. Grun wald, Rabbiner der isr. Kultusgemeinde in Wien. 15. Jahrgang, 1. Heft (der ganzen Reihe 41. Heft). Wien 1912. Die Geistesreligion und das jüdische Religionsgesetz. Ein Beitrag zur Erneuerung des Judentums von Dr. Ignaz Ziegler, Rabbiner in Karlsbad. Mit einem Geleitwort von Rudolf E u c k e n. Berlin, Druck und Verlag von Georg Reimer. 1912.

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