Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 9 (1.3.1912)
- Date
- 1912-03-01
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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272 blE2 Brief aus Galizien (Von unserem Berichterstatter.) Wir hatten kürzlich wiederum einen lieben Gast. Aut Einladung der Verbindung Emunah in Lemberg sprach Herr S o - k o 1 o w am 21. Februar 1. J. in einer öffentlichen großen Volksversammlung über die kulturelle Zukunft der Juden. In reinem Hebräisch entwickelte er in der Einleitung glänzende und geistreiche Bemerkungen über die Rolle, welche das galizische Judentum und die Juden Lembergs speziell im XIX. Jahrhundert für die Bereicherung der jüdischen Kultur gespielt haben. Dann ging er in meisterhaftem Polnisch zur Frage der Zukunft unserer kulturellen Güter über. In einer zweistündigen, mit ungeschwächter Spannung von den Versammelten angehörten und nur durch starke Beifallsbezeigungen unterbrochenen Rede entwickelte der Redner seine Meinungen über die zukünftige Entwicklung der hebräischen Sprache, der Wissenschaft des Judentums und der jüdischen Kunst im Golus und in Erez-Israel, zeichnete aut Grund der vorangegangenen Tatsachen unserer Geschichte die Linien des Fortschritts und endigte mit einer tiefen und warmempfundenen Begründung unserer Idee. Ganz besonderes Interesse erregten bei Zionisten und Gegnern, die zahlreich erschienen, jene Erklärungen des Referenten, die dem gegenseitigen Verhältnis des polnischen und jüdischen Volkes gewidmet waren und die in der durch die ganze Geschichte bis zur Gegenwart begründeten Ueberzeugung gipfelten, es gebe gar keinen Grund zu irgendeiner Gegnerschaft der Polen dem Zionismus gegenüber, und die jetzige sei lediglich als Folge der Unkenntnis des wahren Sachverhaltes anzusehen. Die Red« machte einen starken und, wie wir überzeugt sind, nachhaltigen Eindruck auf die Zuhörer. Nach dem Vortrage fand im Festsaale des Hotels „Bristol" ein zahlreich besuchter Kommers statt. Mit einer gemütlichen Kneipe im Stammcafe der „Emunah" endete der schöne Tag, für welchen wir den Veranstaltern zu Dank verpflichtet sind. Am 22. Februar fand im Hotel „George" eine ca. zweistündige Sitzung des Zentralkomitees statt, bei der die nächsten Arbeiten für das Jahr 1912 mit Herrn Sokolow besprochen wurden. Zum Andenken an den Abend wurde Herr Sokolow zum Ehrenmitglied der ersten hebräischen akademischen Verbindung „Heatid" ernannt. Das zionistische Alltagsleben ist im gegenwärtigen Winter recht interessant. So stehen wir jetzt vor dem zehnjährigen Jubiläum der Lemberger resp. der galizischen Toynbee-Halle. Vor zehn Jahren nach dem Muster der Wiener ins Leben gerufen, überstand diese Institution die Kinderkrankheiten, den anfänglichen Geldmangel und die Gleichgültigkeit des jüdischen Publikums, und bildet heute eine der anerkannten und bewährten Stätten jüdischer Volkserziehung. Wöchentlich einmal wird für die orthodoxen Kreise ein Bibelseminar, für die jüdische Mittelstandsintelligenz ein Zyklus von Vorträgen aus der jüdischen Geschichte, sowie zwei Vorträge über jüdische oder allgemeine Fragen abgehalten. Außerdem verfügt die Toynbee-Halle über einen gratis geführten Analphabetenkursus für die jüdischen Arbeiter und Handelsangestellten, schließlich über eine Votlksbibliothek, die ohne Bezahlung gute Bücher jüdischen Inhaltes unter die Massen bringt. Die Frequenz ist mit der Toynbee-Halle gewachsen. Während — in dem ersten Jahre die Zahl der Zuhörer bei allen Vorträgen zusammen kaum 3000 erreichte, übersteigt sie heute 16 000. Die Bedeutung dieser volkstümlichen Einrichtung wurde noch dadurch erhöht, daß es den ehrlichen Bemühungen ihres Leiters, Gg. Dr. Joseph Löwe n h e r z, gelungen ist, sie durch Filialen in neun galizischen Städten zu einer ständigen Landeseinrichtung zu inachen. Am besten gedeihen die Vorträge in Buczacz, Stanislau, Sambor, Stryj und Drohobycz. Die politischen Behörden Galiziens beweisen zuweilen einen unfreiwilligen Humor. Eine zionistische Gruppe aus Dobromil (Lemberger Distrikt) überreicht die Statuten eines Vereins mit dem Namen „Jabne" zur gefälligen Bestätigung. Die Statuten werden abgewiesen, weil in denselben keine Vorschrift vorhanden ist, was mit dem Vermögen des Vereins im Falle einer freiwilligen Selbstauflösung desselben zu geschehen habe. Die Ortsgruppe hat Geduld, korrigiert die Statuten genau nach den Weisungen der politischen Behörde und überreicht sie zum zweitenmal. Die Statuten werden abgewiesen mit einer Begründung, die verewigt zu werden verdient. Der Name des Vereins, heißt es in derselben, sei hebräisch (Jabne), die Uebersetzung sei nicht beigefügt worden, [ELT .........■<■■' ■ --------- Nr. 0 die Regierung wisse daher nicht, was der Name bedeute. Es wird der Ortsgruppe natürlich nichts übrig bleiben, als zum dritten Male einzureichen und dem Gesuche eine Geographie des alten Palästina oder eine Karte der alten Welt beizulegen. Dies wird hier im Kronlande Galizien der „regelmäßige G-eschäftsweg" genannt. Der Wettlauf der Lemberger Verbindungen in der Veranstaltung verschiedenartigster Vorträge, Diskussionen, Feste und Versammlungen ist sehr befriedigend. Die Reihe eröffnete im Monat Februar die Verbindung „Makkabäa", der es gelang, das alte jüdische Natur- und Frühlingsfest, das „Neujahrsfest der Bäume" (15. Schvvat), neu zu beleben und bei Palästinawein, Orangen, Rosinen und Mandeln einen von echt jüdischem Humor beseelten Abend zu geben. Am 6. Februar sprach Dr. Alfred N oss ig auf Einladung der .Verbindung „Emunah", im großen Musikervereinssaale über „Jüdische Emigration und Kolonisation", vor einem meistens aus Assimilanten bestehenden Publikum, dessen Aufmerksamkeit er auf dies wichtigste aller jüdischen Probleme mit Erfolg zu leiten versuchte. Außerdem ist für den 26. Februar von der Verbindung „Emunah" ein Vortrag des Herrn Auhagen und für März von der Verbindung „Hasmonea" der S o m b a r t sehe Vortragszyklus angekündigt. Der letztere erregt bereits heute auch in Kreisen von Nichtjuden und Nichtzionisten ungemein starkes Interesse. Brief aus Haifa (Von unserem Berichterstatter.) Vom Technikum Nachdem Anfang Dezember 1911 das Irade des Sultans ergangen war, das den Bau des Haifaer Technikums genehmigte, ist Anfang Januar auf dem Instanzenwege das Dekret auch an die lokalen Behörden gelangt. Seitdem werden die Vorbereitungen für den Beginn des Baues eifrig betrieben, und mit den eigentlichen Bauarbeiten wird in der ersten Hälfte des Februar begonnen werden können. Unternehmer für den Bau sind die Architekten Treidel und Krause aus Haifa und Rogoff aus Jemma. Die Siedlungsgenossenschaft Nach der Rückkehr des Agronomen Dyk, der zur Leitung der Siedlungsgenossenschaft ausersehen ist, aus Europa waren Verhandlungen über die Frage gepflogen worden, ob es nicht besser sei, die Genossenschaft nach Kinereth zu verlegen. Die Entscheidung ist jedoch dahin getroffen worden, daß die Siedlungs-Genossenschaft in Merchawja bei Haifa bleibt. Die landwirtschaftlichen Arbeiten sind energisch in Angriff genommen worden. Eine Bewässerungsanlage, die hauptsächlich dem Anbau von Gemüse dienen soll, ist bereits fertig, und der Bau der notwendigen Häuser, die vorläufig durch Baracken vertreten werden, soll sofort begonnen werden, sobald die nötigen Bauerlaubnisse eingetroffen sind. Ein religiöser Zusammenstoß Daß in den letzten Monaten besonders in Beirut, aber auch in einigen anderen syrischen Städten Zusammenstöße zwischen Christen und Mohammedanern als Folge des durch den türkisch-italienischen Krieg gesteigerten religiösen Fanatismus vorgekommen sind, ist aus der Tagespresse bekannt. Kürzlich hat sich nun auch in Haifa, wo bekanntlich das christliche Bekenntnis vorherrscht, ein kleiner Zwischenfall dieser Art ereignet. Bei einem christlichen Begräbnis entspann sich zwischen dem Trauergefolge und einer Gruppe von Mohammedanern eine Schlägerei, in deren Verlauf der Sarg und die Insignien beschimpft wurden. Nur dem sofortigen Eingreifen einiger angesehenen Muslimen, die des Weges kamen, ist es zu danken, daß der Konflikt keine größere Ausdehnung gewann. Als Symptom der herrschenden Spannung ist er immerhin von Bedeutung. Farm Treidel in Kinereth Herr Alfred Treidel, ein Bruder des schon seit langen Jahren in Palästina ansässigen Ingenieurs Treidel, hat in Kinereth eine Farm eingerichtet, deren stattliches Wohnhaus soeben vollendet ist. Für die zahlreichen jüdischen Touristen,