Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 9 (1.3.1912)
- Date
- 1912-03-01
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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268 der letzten drei Jahre entrissen wurden. Einen ergreifenden Nachruf widmete er den stillen Helden der jüdischen Renaissancebewegung, jenen wackeren Pionieren, die als Wächter und Arbeiter auf den Gefilden Palästinas ihr Blut für jüdisches Gut und jüdische Ehre vergossen haben. Er würdigte ferner die Verdienste von Elialru S a p i r, Jaffa, Isaak W i t k i n , Rischon-Lezion, Rabbiner Orleansky, Petach Tikwah, Israel Feinberg und Ramm aus Chederah um den neuen Jischub. Er hielt sich sodann des längeren bei den hervorragenden Schriftstellern und Chowewe-Zion L e w i n s k y und Rabbino witsch auf, während dem dahingegangenen Altmeister der Palästinabevvegung, Rabbi Mosche Leib Lilienblum, Dr. Himmelfarb, ein Mitglied des Komitees und alter persönlicher Freund des Verewigten, einen speziellen Nachruf widmete. — Nachdem das Präsidium gewählt war (mit Ussischkin als Präsidenten und Dr. Himmelfarb und Dr. S a p i r als Vizepräsidenten), begann die Diskussion über den Rechenschaftsbericht des Komitees für die letzten drei Jahre. In der Diskussion fehlte diesmal der eifersüchtige Wettkampf zwischen den Vertretern des Odessaer Komitees und den exklusiven Anhängern der Zionistischen Organisation, wie wir ihn auf den letzten Generalversammlungen erlebten und der bisweilen wie ein Prioritätsstreit zwischen den beiden Schwesterorganisationen anmutete. Man fühlte es diesmal, daß jener Streit bereits der Geschichte angehört und deshalb entbehrte jetzt die Diskussion aller Leidenschaftlichkeit. Trotzdem hat das Komitee manches scharfe Wort zu hören bekommen, das um so mehr zu denken gab, als es von befreundeter Seite kam. An der Tätigkeit des Komitees wurde von verschiedenen Seiten ausgesetzt, daß es in den letzten drei Jahren sehr wenig Initiative an den Tag gelegt habe. Während das Komitee auf der letzten Generalversammlung entschieden darauf bestanden habe, daß man sein Arbeitsfeld nicht allzu eng umgrenze, daß man ihm freien Raum lasse auf allen Gebieten der Kolonisation Palästinas, habe es sich schließlich doch freiwillig auf das engere Gebiet der Kulturarbeit beschränkt, ohne auf den anderen Gebieten etwas Nennenswertes geleistet zu haben. Speziell wurde dem Komitee vorgeworfen, daß es in den letzten Jahren zu wenig für die Konsolidierung und Seßhaftmachung jüdischer Arbeiter im Lande getan habe. Gleichzeitig wurde dem Komitee vorgeworfen, daß es in seiner Propaganda-Arbeit nur die wohlhabenden Kreise berücksichtige und die großen Massen vernachlässige. Demgegenüber wurde von anderer Seite der gegenwärtige Kurs des Komitees in Schutz genommen. Es wurde darauf hingewiesen, daß das Komitee bei seinen bescheidenen Mitteln für die Vermehrung des jüdischen Bodenbesitzes in Palästina doch nicht viel tun könne, hingegen könne seine kulturelle Tätigkeit nicht hoch genug eingeschätzt werden. In einer temperamentvollen Rede, die stürmischen Beifall entfesselte, widerlegte Ussischkin die Einwände der Kritiker. Unter anderem betonte er die Wichtigkeit der nationalen Erziehung in Palästina, für die kein Opfer zu groß sein könne. Wenn zurzeit der Schwerpunkt der Tätigkeit des Komitees auf kulturellem Gebiete liege, so geschehe dies, weil die realen Forderungen des praktischen Lebens in Palästina es dazu gegeführt hätten. Freilich nehme dieser Arbeitszweig den größten Teil unseres Aufwandes in Palästina in Anspruch, daraus folge aber nicht für das Komitee die Pflicht der Selbsteinschränkung, sondern es folge daraus für unsere Freunde und Mitarbeiter die Pflicht, intensiver und energischer als bis jetzt zu arbeiten. Schließlich wurde dem Komitee auf Antrag J a b o - t i n s k y s mit allen gegen eine Stimme das Absolutorium erteilt und das Vertrauen ausgedrückt, Nr. 9 Zweite Sitzung. (Donnerstag, den 15. Februar, 10 Uhr vormittags.) Kolonisationsfragen. Diese Sitzung wurde in der Hauptsache von den drei Referaten („Agrarkredit", Referent Dr. O. B u c h m i I, „Kolonisationsgruppen", B. Goldberg und „Gartenstädte", Agronom A. Sußmann) in Anspruch genommen. Dr. B u c h m i I referierte eingehend über Wesen und Charakter der Hypothekenbanken in den verschiedenen Ländern. Er skizzierte dann die Verhältnisse in der Türkei und besprach eingehend die Aufgaben eines großangelegten Instituts für Bodenkredit und Parzellierungswesen in Palästina. Seine praktischen Ergebnisse faßte er in konkrete Vorschläge, die später von dem Ausschusse und der Generalversammlung angenommen wurden. Das Wort erhielt nur Dr. Victor Jacobson, der von der Konferenz mit stürmischen Ovationen empfangen wurde, zu einigen ergänzenden Bemerkungen. Dr. Jacobson sprach von der überragenden Bedeutung des Bodenkredits für die Türkei im allgemeinen. Die Türkei ist ein Agrikulturstaat wie kein zweiter. Mehr als drei Viertel aller Staatseinkünfte stammen aus den verschiedenen Bodensteuern. Und doch liegt hier die Landwirtschaft sehr im argen. In der europäischen Türkei macht alles bebaute Land nicht mehr als 8V2 °/o des Gesamtareals aus, in der asiatischen Türkei — noch viel weniger. Eine der Ursachen dieser merkwürdigen Erscheinung ist das Fehlen von Einrichtungen für Bodenkredit. Dieser Mangel wird jetzt von maßgebender Seite sehr schmerzlich empfunden, und es steht zu erwarten, daß die veralteten Agrargesetze in naher Zukunft eine gründliche Reform erfahren werden. Uns soll nun die Aufgabe zuteil werden, als erste diese empfindliche Lücke auszufüllen. Unsere Agrarbank soll nicht nur dem jüdischen Bauernstand in Palästina, sondern auch der palästinensischen Landwirtschaft im allgemeinen zugute kommen. Wir suchen in Palästina nichts als eine Stätte der Zuflucht und der ruhigen Arbeit, uns und dem Lande zum Nutzen. Wir wollen niemand verdrängen. Palästina hat eine Bevölkerungsdichtigkeit von 23 Seelen pro Quadratkilometer. Es kann also unter günstigen Entwicklungsbedingungen noch drei Millionen Menschen aufnehmen. Die neuen Ansiedler sollen nun wir sein. Wir wollen Kapital, Arbeitskräfte und moderne Arbeitsmethoden ins Land bringen. Wir müssen bereit sein, in die große Völkerfamilie des ottomanischen Reiches, welches unserem Volke immer Gastfreundschaft erwiesen hat, als nützliches, Kultur schaffendes Glied einzutreten. In diesem Sinne ist die Gründung der Agrarbank von hervorragender Bedeutung, und deshalb gebührt dem Odessaer Komitee ganz besonderer D'ank für seine energische Propaganda nach dieser Richtung. Die Rede Dr. Jacobsons wurde mit tosendem Beifall aufgenommen. Es wurde dann noch eine Kommission gewählt, bestehend aus den Herren Samuel Barbasen, Dr. B u c h m i I, Ingenieur Bruk, Boris Goldberg, Dr. Jacobson, J. N a i d i t s c h , Ingenieur P a I e i, J. Rosow und Hille! ZIatopoIsky, die in mehreren Sitzungen die Frage eingehend erörterte. Das Wort erhielt sodann Boris Goldberg zu einem längeren Referate über Landerwerbs- und Kolonisation sg ru p p e n. Wir werden in einer der nächsten Nummern einen größeren Auszug aus den Ausführungen Goldbergs bringen. An das Referat Goldberg knüpfte sich eine kurze Debatte, von welcher die Ausführungen des Herrn S c h e i n k in , die wertvolle Ergänzungen zum Referate und interessante Anregungen für die praktische Propaganda-Arbeit enthielten, besondere Erwähnung verdient. Es wurde eine Kommission zur Behandlung der Frage der Kolonisationsgruppen eingesetzt, in die neben G o I d b e r g und S c h e i n k i n Agronom Sußmann, Herr J s m o s h i k aus Jaffa, Eppstein (Cholmi), P e r s i t z (Moskau), K a p - I a n (Minsk), Rechtsanwalt G i s s i n (Mohilew), Ingenieur Janusebpofsky (Kiew), Melamed (Rowno), Ettinger (Odessa) gewählt wurden. Das Wort erhielt Agronom A. Sußmann zu einem kurzen Referate über Garten -(Vorstadt-) Wirtschafte n. Herr Sußmann führte ungefähr folgendes aus: Unsere Hauptaufgabe in Palästina soll und muß die Landwirtschaft sein. Leider sind viele, die ins Land kommen, um sich dort anzusiedeln, zur Rückreise gezwungen aus Mangel an Betätigungsmöglichkeiten. Aber auch die jüdischen Ein- DIE3&ELT