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Die Welt · 1912-03-01 · 9 (1.3.1912) · page 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
9 (1.3.1912)
Date
1912-03-01
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 9 DIE3&ELT V 267 aber in wenigen Sitzungen, innerhalb derer man zum Ueberfluß noch absolut keine, und seien es noch so geringfügige, Aenderungen der genehmigten Tagesordnung vornehmen durfte, so viele und so wichtige Beratungsgegenstände erledigen konnte, ist nicht zuletzt der Geschicklichkeit des Präsidiums zu verdanken. Erste Sitzung. (Mittwoch, 14. Februar, 7 Uhr abends.) Lange vor der Eröffnung der Sitzung war der geräumige Festsaal des jüdischen KommisVereins mitsamt der Galerie dicht überfüllt. Von den ca. 1300 Anwesenden waren nur etwa 50 Vertreter der Presse und ebenso viele Ordner und Diener. Gästen ist der Zutritt von Gesetzes wegen untersagt. Im Saale herrschte eine gehobene, dabei aber auch lebhafte Stimmung, wie sie auf unseren Kongressen im festlich geschmückten Saal, kurz vor Eröffnung der ersten Sitzung, üblich ist. Alte Freunde und Kampfesgenossen begrüßen einander freudig nach kürzerer oder längerer Trennung. Die empfängliche Jugend und die Neulinge in der Bewegung, für die unsere großen Versammlungen noch den Reiz der Neuheit haben, können nicht voll genug den längst ersehnten Augenblick genießen. Man hascht gierig nach „hervorragenden Gesinnungsgenossen", man gruppiert sieh um die populären Parteifreunde und lauscht andachtsvoll ihren Worten. Und man fühlt es überall: man ist mit freudigen Erwartungen zu dieser Versammlung gekommen. Man blickt munter und hoffnungsvoll in die Zukunft. Um 7 Uhr, präzise, erschien das Komitee mit U s s i s c h - k i n an der Spitze auf der Estrade. Die Versammlung empfängt sie mif~stürmischen Beifallskundgebungen. Ussischkin eröffnet die Generalversammlung mit einer halbstündigen Ansprache. Er begrüßt die auswärtigen Mitglieder, die aus den verschiedensten Ecken und Enden des weiten Rußland herbeigeeilt sind, um hier einen Blick auf den zurückgelegten Weg zu werfen und über den Arbeitsplan für die Zukunft zu beraten. Die letzten drei Jahre sind nicht erfolglos vorübergegangen. Nicht wir allein waren es, die während dieser Zeit für die Wiedergeburt des jüdischen Volkes in seiner historischen Heimat tätig waren. Unsere Gesellschaft bildet nur einen Ring — freilich einen der ältesten — in dieser mächtigen Kette. Unsere Bewegung schlägt immer tiefere Wurzeln in den besten Teilen unseres Volkes. Der zukünftige Geschichtsschreiber des jüdischen Volkes wird feststellen müssen, daß die Palästina-Idee die Achse bildete, um die sich das gesamte jüdische Leben unserer Zeit drehte. Wenn wir die Resultate dessen überblicken, was in den letzten drei Jahren geleistet wurde, werden wir festzustellen haben, daß alle unsere Positionen und Errungenschaften in Palästina in erfreulicher Entwicklung begriffen sind. Unsere Kolonien erstarken, neue Vorposten wurden geschaffen. Eine Gruppe von Freunden in Moskau hat der Krone der jüdischen Kolonisation Palästinas eine neue kostbare Perle einverleibt — das prächtige Medschdel am Tiberiassee. Hie gleiche Gruppe hat uns einen neuen Vorposten im äußersten Süden geschaffen: Dshemama. Zum ersten Male haben wir in dieser Zeit in der Kornkammer Palästinas, im prächtigen „Emek Jisreel", Fuß gefaßt — Merchawjah heißt diese verheißungsvolle Errungenschaft. Auf anderen Gebieten unseres friedlichen Vordringens haben wir unsere Kulturarbeit besonders zu erwähnen. Mit dieser Frage werden wir uns noch eingehend befassen. Hier sei nur erwähnt, daß wir nach einem Jahre die ersten Abiturienten des ersten hebräischen Gymnasiums in Palästina haben werden. Im abgelaufenen Jahre hat auch ein Irade des Sultans die Genehmigung zur Errichtung eines jüdischen Technikums in Palästina erteilt. Im Verhältnisse der türkischen Regierung zu unserer Bewegung hat sich in diesen drei Jahren nicht viel, weniger als wir erwartet haben, geändert. Wir hoffen jedoch zuversichtlich auf eine friedliche, gedeihliche Entwicklung der neuen Staatsverhältnisse in der Türkei, und sind überzeugt, daß unser Volk an diesem Verjüngungsprozeß der Türkei einen nicht unbedeutenden Anteil nehmen wird. Was das Verhältnis der eingesessenen jüdischen Bevölkerung der Türkei, der Sephardim, zu unserer Sache anbetrifft, so verhalten sich die älteren, rückständigen Elemente ziemlich mißtrauisch uns gegenüber. Alles Junge, Entwicklungsfähige, Zukunftsfrohe, nähert sich uns immer mehr. Und darin liegt die Gewähr für eine günstige Entwicklung in der Zukunft. Welches ist nun unser Programm für die nächste Zukunft? Vor drei Jahren haben wir an dieser Stelle die Frage der Gründung eines Instituts für Bodenkredit erörtert. Im Sinne der Beschlüsse jener Generalversammlung haben wir einen Versuch nach dieser Richtung gemacht. Mit großer Freude können wir nun feststellen, daß die Realisierung dieses wichtigen Projektes eine Frage der nächsten Zukunft ist. Jetzt können wir zurücktreten und die Sache einer anderen Organisation überlassen, die über größere finanzielle und organisatorische Mittel verfügt, als wir. Die letzte Generalversammlung hat sich ferner mit der Frage der Gründung und Organisierung von privaten Gruppen für Landerwerb in Palästina befaßt. Auf diesem Gebiete geschieht allerdings manches, aber nur in sehr bescheidenem Umfange. Unsere Generalversammlung wird zu dieser Frage zurückkehren müssen. Die letzte Generalversammlung gab uns auch bestimmte Auftrage in Sachen der Seßhaftmachimg von Landarbeitern. In dieser Beziehung wurde auf die Gründung von Arbeiterdörfern in der Nähe der bestehenden Kolonien großer Wert gelegt. Unsere Bemühungen nach dieser Richtung begegneten großen Schwierigkeiten und Hemmnissen. Nun sind diese überwunden. In jüngster Zeit ist es uns schließlich gelungen, zwei Bodenstücke in der Nähe von Rischon-Lezion und von Glieder ah zu erwerben. Diese Käufe kosteten uns 100 000 Francs, welcher Betrag ausschließlich von der Tellersammlung in den Synagogen am Erew-Jom-Kippur bestritten wird. Auf diesen Bodenstücken sollen nun zwei neue Arbeiterdörfer gegründet werden. Wir werden uns auch ernst und eingehend mit den Fragen des Schulwesens und der nationalen Erziehung zu befassen haben. Unser Programm lautet kurz: Jüdisches Land, jüdische Arbeit und jüdische Sprache. In erster Reihe müssen wir um unsere Bodenständigkeit besorgt sein. Das Land wird dem Volke gehören, dem der Boden gehören wird. Es genügt aber noch nicht, wenn wir den Boden erwerben, wir müssen ihn auch mit eigenen Händen bearbeiten. Zu einem normalen Volksleben gehört aber, neben dem eigenen Boden und der eigenen Arbeit, noch die eigene Sprache. Daher die Pflicht, unsere Sprache, die Sprache der Propheten und Makkabäer, zu pflegen und ihr zum Siege im alltäglichen Leben zu verhelfen. Das ist unser Programm, und keinerlei Schwierigkeiten und Hemmnisse dürfen unser siegreiches Vordringen aufhalten! — Die Eröffnungsrede Ussisehkins, die diesmal mehr abgeklärten Ernst, aTs stürmisches Wollen verriet, rief lebhaften, lang anhaltenden Beifall hervor. Nachdem sich der Beifall gelegt hatte, gedachte U s s i s ch - k i n der Freunde und Gesinnungsgenossen, die uns im Laufe

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