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Die Welt · 1912-03-01 · 9 (1.3.1912) · page 7

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Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
9 (1.3.1912)
Date
1912-03-01
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 9 (Dresden 1909) auch über die Bevölkerung des heiligen Landes aus. Von dem jüdischen Dorfleben sagt er: „Die in den Provinzen ansässigen Israeliten betreiben zumeist wie ihre biblischen Vorfahren als Kolonisten den Landbau. Im ganzen gibt es 20 Kolonien und 13 Güter (Hoppe: 34 jüdische Dörfer), in denen 1205 Familien mit 4935 (Hoppe 7250) Seelen leben. Sie bebauen insgesamt 12636 (Hoppe 40 00-0) Hektar Land.... Besonders lieblich ist die von russischen Juden bewohnte Kolonie Sammarin gestaltet. Sie liegt auf einem Ausläufer des Karmelgebirges, besteht aus Häusern mit schrägen Dächern und wird von dichten, hohen Eukalyptuswäldern umgeben. So sind die Israeliten nach und nach wieder Grundbesitzer g-eworden in Palästina. Zwischen Haifa und Jaffa gehören bereits meilenweite Landstrecken den Juden, in Galiläa aber sollen sie fast drei Fünftel des gesamten Gebietes besitzen'." Ludwig Schneller, als Sohn des Gründers des Syrischen Waisenhauses in Jerusalem ein Kind des heiligen Landes und später Pfarrer in Bethlehem, erzählt in seinen „R e i s e b r i e f e n von heiligen Landen" (Köln 1910) gleichfalls von einem Besuch der Kolonie Sammarin (Hotel Graf empfehlenswert), wo die zumeist aus bedrängtesten Verhältnissen hierher gekommenen russischen Juden in dem Lande der Väter wirklich wieder ein „gelobtes Land" finden. „Sie arbeiten fleißig auf dem Lande,'wenn auch die gröbste Arbeit von eingeborenen Tagelöhnern geschieht. Ich besuchte einen der Leiter in der Kolonie. Er sagte, dies sei der rechte Weg zur Wiedergeburt Israels, die Juden aus dem verderblichen, zu allerlei Bösem verführenden, friedlosen Leben der Großstädte wieder herauszuholen und auf dem Lande anzusiedeln, wo man friedlich und frei, in der gesunden Arbeit des Landmannes, lern von der Unnatur der Massenstädte, auch dem ewigen Gott wieder näher komme und den inneren Frieden finde. Ob alle Juden des Abendlandes diesem Rezepte ihres sympathischen Volksgenossen in Sammarin zustimmen werden, ist freilich eine andere Frage. — Zweifellos ist das Judentum in Palästina in starkem Wachstum begriffen. Am meisten fiel mir das in Jerusalem auf. In meiner Jugend war ein Jude in den Straßen der Stadt noch eine fast seltene, auffallende Erscheinung, und die Eingeborenen sandten ihm Steine und Flüche dach. Jetzt schätzt man ihre Zahl in Jerusalem auf 50 000, ja auf 70 000 Seelen." Wenn Schneller dann als Motiv der Einwanderung auf die Chaluka verweist, so wird er doch den gegenwärtigen Triebkräften nicht mehr gerecht. Dasselbe Verständnis bzw. die Kenntnis der gegenwärtigen Strömungen läßt das Schlußkapitel des Buches von A. L ü 11 k e „Das heilige Land im Spiegel der Weltgeschichte" (Gütersloh 1 OOS) vermissen; man kennt hier auch heute nur das traditionelle Wohltätigkeitssystem. Bleibt hier der Zionismus so gut wie ganz jenseits des Gesichtskreises, so sucht Lic. Boen m er in dem Artikel „Der Wettbewerb der Religionen und Konfessionen in der Heiligen Stadt" (Neue Kirchliche Zeitschrift, Leipzig 1908, Heft 12, S. 1016-1061) sich eingehend mit ihm auseinanderzusetzen, ohne daß man freilich den Eindruck ganz los wird, B. urteile aus einer gewissen Voreingenommenheit heraus und jedenfalls nicht aus gründlicher, quellenmäßiger Kenntnis der Bewegung. Sonst könnte er in seinen Auslassungen die Urteile nicht fällen, die ich zahlenmäßig anzumerken mir erlaube. „Neuerdings hat freilich das Judentum sich aufgemacht, um in Gestalt des Zionismus für Jerusalem und ganz Palästina ein Heimatrecht zu gewinnen und dadurch zuletzt alle andern Religionen (und Nationen) aus dem Felde zu schlagen*) [1]. Genau betrachtet, die schärfste *) Vgl, dagegen z. B. den Artikel „Heilige Stätten" im Zionistischen A.-B.-C.-Buch! 265 Form des Wettbewerbes, die sich denken läßt! Allerdings dürfte es reichlich gute Weile haben, bis dies Ziel erreichl ist, wenn es überhaupt je erreicht wird. Obwohl schon fast 10 Jahre am Werke, hat der Zionismus noch keine wirklich guten Früchte gebracht, am allerwenigsten in Jerusalem f! 2], Wohl rühmt sich jüdische Wohltätigkeit namentlich einiger Millionäre, in den letzten 25 Jahren 27 Dörfer oder Ansiedelungen mit 5—6000 jüdischen Bewohnern, die 22 000 ha Landes bearbeiten, ins Leben gerufen zu haben [3] und prahlv neuestens damit, daß die Zahl der Juden im heiligen Lande 87 000, die der Christen nur 80 000 betrage. Ja, die 1904 in Basel eingesetzte „Kommission zur Erforschung Palästinas'* bereitet, da die bisher geschehenen Arbeiten ihr zwar gut gelungen, aber, weil zu planlos, noch nicht gut genug gelungen seien, neue und größere Erfolge vor. Nicht nur auf dem Gebiet der Landwirtschaft, sondern auch auf dem der Industrie und nicht zuletzt auch auf dem der Geistesbildung. Aber mit Schmerz müssen selbst gute Freunde der Sache ein gestehen, daß bisher erst 200 000, d. i. y,.0 der 12 000 000 Juden auf dem Erdenrund, trotz der Riesenanstrengungen mitzumachen bereit sind. Wie können trotz allen Geschreis, das über den Zionismus gemacht worden ist, daß er aus wieder erwachtem Idealismus, zumal aus neu erstarkter Vaterlandsliebe u. dgl. hervorgegangen sei, daß er als eine allgemein menschliche, speziell christliche Angelegenheit zu gelten habe, trotzdem akademische christliche Theologen und Palästinafreunde, wie Furrer, Marti, Bertholet (übrigens lauter Schweizer) und von praktischen Theologen der Mecklenburger Rektor Eberhard lebhaft für ihn eintreten, unser wohlerwogenes Urteil nun dahin abgeben, daß dem Christen gegenüber dem Zionismus im besten Falle nur das Abwarten einer wohlwollenden Neutralität zusteht..... Selbst vom nationalen oder menschlichen, vom geschichtlichen, kulturellen oder jedem sonstigen berechtigten allgemeinen Standpunkt aus ist nur eins zu sagen: die heilige Stadt und das heilige Land gehört jetzt mit dem gleichen geschichtlichen und göttlichen Recht, wie einst den Ureinwohnern, dann den Kanaanitern, daran den Israeliten, dann den Aramäern, nunmehr den Arabern, die es seit tausend und mehreren hundert Jahren in Besitz haben. Nicht den Griechen, nicht den Russen, nicht den Lateinern, auch nicht den Deutschen, und am allerwenigsten den Juden [4]. Ihr Eindringen ist geradezu ein Unglück, das größte LJnglück für das Land zu nennen, um seiner Bevölkerung, der Araber, willen. Diese werden vom Zionismus, ob er das will oder nicht will — wir sind freilich aufs festeste davon überzeugt, daß er es will — aus ihrem Besitz an Grund und Boden verdrängt und zum Tagelöhnerdienst oder zur Auswanderung gezwungen. Ja, wenn das vermieden würde und die Juden sich darauf beschränkten, unkultiviertes Land in Kultur zu setzen! Aber es ist natürlich leichter und bequemer — der Kostenpunkt spielt bei den zur Verfügung stehenden Millionen keine Rolle [!5] —, bebautes LancPzu erwerben und aus ihm Früchte zu ziehen, als öde.; Land urbar zu machen — zumal für den Durchschnittsjuden mit seiner geringen landwirtschaftlichen Neigung und Begabung. Das schließt nicht aus, daß jüdische Versuche auch mit kulturlosem Lande gemacht worden sind: meist aber mußten sie unüberwindlicher Schwierigkeiten wegen aufgegeben werden [6] ... . Ich fürchte, daß die Mehrzahl der Christen, die den Zionismus begünstigen, dies aus Unkenntnis der Dingo oder Unklarheit des Urteils (!) oder gar aus wenig sachlichen und zum Teil nicht ganz lauteren Beweggründen tut. . Es bleibt dem Leser überlassen, aus seiner Kenntnis der Dingo heraus die vielen schiefen Urteile, die unbegründeten Behauptungen, unberechtigten Verallgemeinerungen, subjektiven Ueberzeugungen und Befürchtungen zurechtzurücken. DIE^ELT

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