Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 9 (1.3.1912)
- Date
- 1912-03-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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264 DIEBaKELT: Nr. 0 sind, desto steiler und höher sind sie. Ais man den Zionismus näher zu betrachten begann, da bemerkte man, daß er vor allem sich in Kolonisation konkretisiert. Ein Land zu kolonisieren, ist ein langwieriger Prozeß, sogar für Staaten mit Milliardenbudgets. Und für uns Juden ist die Kolonisation noch schwieriger, weil wir seit Jahrhunderten Städter und keine Ackerbauer sind. Wollen wir jemals Massenkolonisation treiben, so müssen wir zunächst Klei-nkolonisation treiben, nicht bloß, um die Juden an den Ackerbau zu gewöhnen — auch darum freilich — sondern um die sozialen Kräfte unseres Volkes zu wecken, um die Basis für echten politischen Zionismus zu schaffen. Denn die konkrete Kolonisation zeigt der türkischen Oesellschaft, was wir eigentlich wollen und können, welchen Nutzen die Türkei von uns haben kann; die Kolonisation andererseits lehrt die Großjuden, wie man die Judenfrage lösen kann, und weckt in der großen Masse den Glauben an sich und an die eigene Zukunft. Mithin ist in der letzten Zeit an Stelle der mechanisch -juridischen, die evolutionistischsoziale Auffassung des Zionismus getreten, wobei ich vom Zionismus als Arbeitsplan und nicht als Weltanschauung spreche. An Stelle des utopistisch-diplomatischen Zionismus haben wir es jetzt mit dem realpolitischen Zionismus zu tun. Wobei ich aber bemerken muß, daß es in allen gesellschaftlichen Bewegungen ebenso war: zuerst utopistische Katastrophentheorie, dann erst reale Evolution. Der Zionismus macht keine Ausnahme. Und somit hat sich der Zionismus vertieft: das ist nicht der böse Wille oder der leere Wahn des Theoretikers, sondern die notgedrungene Konsequenz der veränderten objektiven Umstände. Das praktische Leben hat noch in einer Hinsicht den Zionismus verinnerlicht: jetzt wissen wir, daß, damit der Zionismus eine Massenbewegung werde, er vor allern das Stadium des Pioniertums durchmachen muß. Keine soziale oder nationale Bewegung hat plötzlich die Masse herangezogen: immer und immer war es zuerst die Elite, die den steilen Weg voranging. Das machen wir jetzt durch. Unsere Kapitalisten, unsere Arbeiter, unsere Intellektuellen, die jetzt nach Palästina gehen, um dort schon jetzt neujüdisches Leben zu schaffen, sind eben Pioniere. Und diese allein werden die praktische Evolution einleiten. Das ist meine Antwort auf die erste Frage, die ich nur skizziere, um so mehr, als ich denselben Gedankengang ausführlich in meiner soeben (russisch) erschienenen Broschüre über den X. Kongreß entwickele. Ad 2. Damit meine Antwort nicht zu lang ausfällt, will ich mich ganz kurz fassen. I. Die P. L. D. C. muß so bald als möglich ihr ganzes in den Statuten bestimmtes Kapital bekommen, damit praktische und wirtschaftlich sichere Kolonisation in Palästina ermöglicht wird. II. Die Zionistische Organisation muß den jüdischen Arbeitern in Palästina zu Hilfe kommen, indem man meine vom IX. Kongreß angenommene Resolution endlich durchführt — in allen Kolonien müssen Arbeiterhäuser mit kleinen Gärten und Konsumvereine eingerichtet werden. III. In Palästina muß ein Informationsbureau eingerichtet werden — für die Zwecke der Arbeit und des Kapitals. Die ganze Diaspora muß oft und genau informiert werden über die allgemein-wirtschaftlichen und die Arbeitsmöglichkeiten in Palästina. Dieses Informationsbureau, von kompetenten Kräften geleitet, würde sich mit der Zeit in ein Bureau zur Regelung der Immigration verwandeln. IV. Es müssen Beziehungen mit den Leitern der Chalukah angeknüpft werden, damit ein Teil wenigstens der Jerusalemer Judenschaft in ein wirtschaftlich-produktives Leben übergeführt wird. Das kann am besten durch die Anlegung von Gartendörfern neben Jerusalem erreicht werden. Vielleicht müßte die Zionistische Organisation mit dem Beispiel vorangehen und e i n Gartendorf selbst gründen, damit die anderen daraus lernen können. V. Die Kunstgewerbeschule ,Bezalel" muß auf eine viel breitere Basis als bisher gestellt werden, damit sie ehemöglichst neue Nährquellen für die Jerusalemer jungen Juden erschließt. Man vergesse eins nicht: wenn alle hunderttausend in Palästina lebenden Juden wirtschaftlich gesunde Juden wären, dann könnten wir ganz andere Resultate in unserer Palästina-Arbeit und im Zionismus erzielen. VI. In kultureller Hinsicht hat die Zionistische Organisation nur eins zu fördern: Volksschulen, in denen die Kinder an die Landwirtschaft oder an das Gewerbe gewöhnt werden. Alles andere in kultureller Hinsicht sollen die Palästinenser, von privater Seite aus der Diaspora unterstützt, selber schaffen. Wir dürfen mit unseren Mitteln nur solche Kultur unterstützen, die die Kolonisation fördert. Eine Schule, wo die Mädchen die Molkerei, Gartenwirtschaft und Viehhaltung erlernen, halte ich für viel wichtiger, als ein Mädchengymnasium in Jaffa. Die Palästinenser mögen sich aus eigenen Mitteln nach ihrem Geschmack Schulen gründen, welche sie wollen, aber die Zionistische Organisation — keinen Pfennig dafür. Kolonisation muß von außen her kommen, Kultur aber von innen her* erwachsen. Dann wird aber auch eine bodenständige und nicht., eine künstliche Kultur entstehen. VII. Es müssen Bedingungen für eine Agrarbank geschaffen werden. VIII. Die Zionistische Organisation muß zu allen für Palästina arbeitenden Organisationen in enge Beziehungen treten, aber nur auf dem Boden der konkreten Kolonisation. Das jüdische Palästina in der christlichen Literatur Von Seminardirektor Eberhard-Greiz. (Schluß.) In der mehr feuilletonistisch gehaltenen Reiseliteratur begegnen uns die jüdischen Kolonien neuerdings häufiger. In seinen „Orientalischen Reisebildern" (Leipzig 1908) weiß uns Paul Wienand, evangelischer Pfarrer in Brooklyn, launig von der Wahrheit des Wortes: „Ein gutes Bett ist das halbe Leben", das er in Metule erprobt fand, zu plaudern. „Etwa 50 jüdische Familien aus Oesterreich und Rußland haben sich hier niedergelassen. Die beiden schmucken Häuserreihen sind durch eine breite, saubere Fahrstraße getrennt. Die Häuser sind aus Stein gebaut und mit Ziegeln gedeckt, ebenso die Stallungen. Eine Steinmauer begrenzt jedes Gehöft. Unser Wirt führte uns in ein freundliches Zimmer und ließ uns europäisch wohnen. Das Land ist hier fruchtbar, aber das Leben annselig.... Die Steuern verschlucken den größten Teil des Gewinstes. Die Leute besitzen jedoch einen guten Viehstand, Es war eine Pracht, als spät die arabischen Hirten mit den Herden in das Dorf kamen.... Beschuldigt man bei uns zu Hause den Juden, daß er nicht arbeiten, sondern nur schachern will, so mag das ja wohl den Verhältnissen zuzuschreiben sein; hier arbeitet er, er bearbeitet sogar schwer und mit großem Fleiße seine Scholle. Ich habe alle Achtung vor seinem Fleiße und rufe: „Hut ab!"" Der Aufenthalt in Djaune (?), einer leidlich wohlhabenden, 40 Jahre alten jüdischen Kolonie, gibt dem Verfasser Anlaß, den dortigen Juden im Punkte der Treue zu dem „Deutsch-Jiddisch" hohes Lob zu zollen. Der Pfarrer Hermann Kunde läßt sich in seinem Buche „Das Heimatland unseres Herrn Jesu Christi"