Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 9 (1.3.1912)
- Date
- 1912-03-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 0 DiEÄELT 263 halb des Judentums kämpft. Der frühere Zionismus berücksichtigte eigentlich nur den Sabbat-Juden. Der Arbeiter ist aber eine Erscheinung der Wochentage und der Sabbat ist bei ihm nur eine Frage der Arbeiterschutzgesetzgebung. Der Poale-Zionismus betrachtet daher die Verwirklichung des Zionismus nicht als Ausfluß der Feierstimmungen des Sabbat- Judentums, sondern als Ergebnis ununterbrochener Anstrengungen der angesammelten Energie von Not, Bedürfnis und Kampf im Alltagsleben der Volksmassen. Ad 2. Als nächste Aufgabe des Zionismus betrachte ich, abgesehen von der Politik an Ort und Stelle, die sich je nach der Lage verschieden gestaltet und in der die jüdische Arbeiterschaft ihre besondere Klassenpolitik betreibt, die Förden rung der Immigration jüdischer Arbeiter nach Palästina und die Schaffung von Anstalten, die dem jüdischen Arbeiter die Anpassung an die palästinensischen Verhältnisse ermöglichen (Arbeitshäuser, -Küchen und dergl.). Insbesondere ist nach dem Plane Franz Oppenheimers und seiner genossemschaftlichen Methode vorzugehen. D. Pasmanik: Ad 1. Die erste Frage ist leider nicht leicht zu beantworten, denn sie ist zu kompliziert. Ich will mich bemühen, soweit es im Rahmen eines Zeitungsartikels möglich ist, dieselbe zu beantworten. Im Zionismus haben wir zwei Dinge zu unterscheiden: die Weltanschauung und den Arbeitsplan. Es gibt eine zionistische Weltanschauung, die das jüdische Volk in bestimmte Beziehungen zu sich selbst, d. i. zur eigenen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft einerseits und zur Menschheit setzt. Wenn wir die Epoche seit der Begründung der zionistischen Organisation im Auge behalten, so müssen wir sagen, daß am Anfang gar keine zionistische Weltanschauung existierte. Die ganze Juden frage war bloß als Notstandsaktion betrachtet. Den Juden geht es in der Diaspora schlecht, man muß ihnen helfen — das war die ganze Philosophie des Zionismus am Anfang. Deshalb eben konnten die Begründer des Zionismus, Leo P i n s k e r und speziell Theodor H e r z 1, von irgendeinem Lande als Heimstätte für die Juden sprechen. Für eine Notstandsaktion ist jedes Land gut. Erst in den letzten Jahren beginnt eine Aenderung einzutreten und eine jüdische Weltanschauung sich heranzubilden. Aber wir sind erst am Beginn der Arbeit. Man fängt an, zu begreifen, daß der Zionismus vor allem eine Wiedererweckung des schöpferischen Judentums begründet, und dahinstrebt, daß unser Volk seine schöpferische Mission — für sich und für die Menschheit — wieder aufnehme. Das kann aber nur geschehen, wenn es der geschichtlichen Tradition treu bleibt: geschichtliches Land, geschichtliche Sprache und geschichtliches soziales Milieu. Das ist eine abstrakte Formel: sie mit konkretem Inhalte zu •erfüllen — das muß erst in emsiger Arbeit geleistet werden. Was 'man heute als kultureile Arbeit im Zionismus bezeichnet, ist eben eine Fo-lge der Sehnsucht nach einer klaren und präzisen jüdischen Weltanschauung. Mit einem Worte: die Theorie des Zionismus als geschichtsphilosophisches und volksbejahendes Problem ist erst im Entstehen begriffen. Die von der Redaktion der „Welt" gestellte Frage bezieht sich somit nur auf die zweite Seite des Zionismus: Zionismus als Arbeitsplan des jüdischen Volkes. In dieser Beziehung hat sich der Zionismus seit Beginn unserer Bewegung (1897) bis heute kolossal geändert. Es ist auch nicht zu verwundern: die Umstände und die Voraussetzungen haben sich im Verlaufe der letzten 15 Jahre radikal geändert. Was das äußere Milieu anbetrifft: Der politische Zionismus erschien auf der Bühne, als die Türkei eine autokratische Monarchie darstellte, als der Wille eines Menschen die ganze Türkei beherrschte. In den letzten Jahren verwandelte sich die Türkei in eine konstitutionelle Monarchie, in der die politischen Parteien die Hauptrolle spielen. Die ganze Existenz der Türkei ist nur dann möglich, wenn sie, die von vielen rivalisierenden Nationalitäten bewohnt ist, auf demokratischer Basis die gerechten Forderungen aller sie zusammensetzenden Völkerschaften befriedigen wird. Aber diese ganze Umänderung erfordert viel Zeit und viel Aufklärungsarbeit. Es handelt sich dabei auch um die schon jetzt im ottomanischen Reiche offiziell anerkannte jüdische Nationalität. Was die Voraussetzungen anbetrifft: Man glaubte, da der Zionismus die einzige radikale Lösung der Judenfrage ist, so würden alle Juden sich um das zionistische Banner scharen. Die jüdische Bourgeosie würde ihre Kapitalien, die jüdische „Intelligenz" — ihre geistigen Kräfte und die ganze jüdische Masse ihre Energie und Öpferfähigkeit in den Dienst des Zionismus stellen. Ein Volk, das mit geistigen und materiellen Hilfsmitteln ausgerüstet ist — dieses Volk wäre ein Faktor, mit dem die türkische Regierung rechnen müßte, nach dem Prinzip — d o u t des. Und die zweite Voraussetzung war: der Antisemitismus sei eine Plage für die Völker, deren Regierungen somit selbst an der radikalen Lösung der Judenfrage, d. i. am Zionismus interessiert sind. Aber das rauhe Leben hat diese Illusionen zerstört. Das Abnorme ist bei uns normal. Der Zionismus als Organisation hat kaum 2 o i> des Judentums herangezogen. Unsere finanziellen Institute haben ihre kleinen Kapitalien groschenweise ansammeln müssen. Die jüdische „Intelligenz" ist bei allen Völkern, in allen Parteien, in allen kulturellen und sozialen Bewegungen zu finden, nur nicht — bei der jüdischen Sache. Und unsere Masse ist durch die Leiden des Golus so degeneriert, daß sie kaum zu einer dauernden und ausharrenden Kräftentfaltumg fähig ist. Und was die zweite Voraussetzung anbetrifft, so wissen wir jetzt, daß der Antisemitismus, soweit er den Völkern schädlich ist, fast ganz vernichtet ist, soweit er aber uns schädlich ist, niemand sonst als uns angeht. Im Gegenteil: Regierungen und Parteien nützen ihn sehr oft aus. Haben sich aber die Umstände und die Voraussetzungen geändert, so mußte sich auch die Theorie des Zionismus (als Arbeitsplan betrachtet) radikal ändern. Was die Umstände .anbetrifft, so war es zu Herzls Zeiten wohl erlaubt, die Verwirklichung des Zionismus als einen mechanisch-juridischen Akt aufzufassen, als einen Vertrag zwischen der das Gros des jüdischen Volkes umfassenden zionistischen Organisation einerseits und der türkischen Regierung andererseits. Es handelte sich also nur darum, den günstigen Moment vorzubereiten. So entstand der diplomatische Zionismus, der dem Wesen und der ganzen Auffassung nach auf einen Mann zugeschnitten war. Nun haben siöh die Umstände geändert. Seit einiger Zeit beginnen alle zu begreifen, daß die zionistische Organisation es nicht bloß mit einer Regierung, sondern mit einer gesellschaftlichen Meinung — mit Parteien — zu tun hat, die aus geschichtlichen Ursachen gegen alles Fremde mißtrauisch ist. Diese Türkei muß vor allem über unsere Ziele aufgeklärt werden, und zwar nicht bloß durch das Wort, sondern hauptsächlich durch die konkrete Tat. Das ist eins. Und um unser Volk zionistisch zu machen, muß es aufgeklärt, erzogen und regeneriert werden. Was unserem Volke fehlt, ist vor allem der Glaube, der den Willen schafft. Diese Zionisierung des Volkes ist aber ein langsamer Prozeß. Man kann nicht während einer Generation gutmachen; was 50 Golusgenerationen schlecht gemacht haben. Und somit begann man den Zionismus nicht als mechanisch-juridischen Akt, sondern als evolutionistischcn Pv^yi?); •.;!'- zufassen. Dazu drängte noch ein Umstand. Je näher die Berge