Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 9 (1.3.1912)
- Date
- 1912-03-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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262 DIE^ELT: Nr. 9 ihr nötigen Methoden auszubauen. So gelang ihm die Schaffung von materiellen Machtmitteln (Organisation, Bank, Nationalfonds usw.), bis er nach Erfüllung seiner Mission gleichfalls auf einen toten Punkt geriet Nach innen wurde es offenbar, daß mit der bloßen Agitation die Judenschaft nicht zu gewinnen war, und in der äußeren Politik waren überhaupt keine dauernden Erfolge zu erzielen. Die Einseitigkeit der Richtung und die aus derselben fließenden Mängel traten offen zutage, und die vernachlässigte natioinal-kulturelle Richtung trat nach einigen heftigen Vorstößen in einen Kampf um Auffassung und Methoden ein, im Momente, als jene des politischen Zionismus ihr gefährlich erschienen. Die Methode der „Landnahme" hatte nach Uganda geführt, gegen sie und im weiteren Verlauf auch gegen Charter und zukünftige Großkolonisation wurde der Kampf mit aller Schärfe geführt. Die Festlegung der Organisation auf Palästina, die Kolonisation und Kulturarbeit daselbst wurde erstritten, die nationale Vertiefung und Hebraisierung gegenüber der bloßen Agitation durchgesetzt. Nach Abschluß dieser Kämpfe, durch welche die Einseitigkeiten bedder Richtungen abgeschliffen worden waren, erschien die Integration, die richtige InbeziehUngsetzUing beider zu einer einheitlichen Gesamtbewegung vollendet. Deshalb konnte der X. Kongreß ein „Friedenskongreß" werden, und deshalb konnte man auch von einer „neuen Aera" des Zionismus sprechen. (Es ist interessant, daß die erste Periode des Zionismus, 1881—1896, genau 15 Jahre währte, die zweite, 1896—1911, ebenfalls soviel, und daß zusammen ein Menschenalter — 30 Jahre — nötig war, um zu einer wirklich einheitlichen Bewegung zu gelangen.) Aus dieser flüchtigen und schematischen Darstellung erhellt meine ungefähre Meinung in bezug auf Ihre nicht scharf genug präzisierten Fragen: Neue Grundlagen sind nicht geschaffen worden. Es waren alle vorhanden, nur hat es lange Zeit gebraucht, bis sie sämtlich allgemeine Geltung erlangten. Hauptsächlich erscheinen den westlichen Zionisten die national-kulturellen Grundlagen der Bewegung vielfach als neu, weil sie von ihnen erst allmählig akzeptiert wurden. Die Werke von Z o 11 s c h a n und R u p p i n , welche den Zionismus auf die notwendige und wünschenswerte Erhaltung des Rassen- und Kulturwerts der Juden basieren, haben - so bedeutend und wertvoll sie auch sind — nur bestehende Grundlagen des Zionismus wissenschaftlich ausgebaut und vielleicht aus unbewußten zu bewußten Determinanten des zionistischen Willens gewandelt, sie haben damit die geschilderte Entwicklung des Zionismus mächtig gefördert, völlig neue Grundlagen aber haben sie nicht geschaffen. Eine Aenderung der „Auffassungen" des Zionismus hat natürlich im Laufe der Entwicklung überall stattgefunden. Das Wie? deckt sich natürlich mit dem Wesen dieser Entwicklung, die ich oben darstellte, wie ich sie sehe. Je weiter oder je näher der einzelne Zionist von der schließlich sieghaften Auffassung des Zionismus entfernt war, um so mehr öder weniger hat sich seine „Auffassung" des Zionismus geändert. Natürlich gibt es noch heute Zionisten, die einseitig der einen oder anderen Richtung angehören, teils weil sie Wortführer derselben sind und darüber wachen, daß nicht die andere Richtung restlos siege, die sich also als Hüter der Grundgedanken der ihren im Gesamtzionismuis ansehen, teils aber solche, die sich noch nicht zur nötigen Klarheit durchgearbeitet haben. Bei Stellung Ihrer Frage kann aber nur die „offizielle" Auffassung gemeint sein, wie sie nach den Kongreßbeschlüssen orientiert sein soll. Ad. 2. Ich schließe mich völlig der Antwort von Gg. Julius Simon an und möchte noch hinzufügen, daß wir, meiner Ansicht nach, ein System der Zusammenarbeit der einzelnen Institutionen, eine planmäßige Zweck Vereinigung derselben, dringend nötig haben. B. Borochow: Ad 1. Seit der Begründung der Zionistischen Organisation haben sich zweifellos tiefgreifende Aenderungen in der theoretischen Auffassung des Zionismus vollzogen. Und zwar sind die Aenderungen so weitgehend, daß von ihnen nicht nun" einzelne wichtige und maßgebende Teile der ursprünglichen Auffassung, sondern das ganze Gebäude der zionistischen Theorie und Praxis betroffen wird. Die wichtigste besteht darin, daß der Zionismus von einer rein ideellen, utopistisch aufgefaßten Umwälzung der jüdischen Wirklichkeit zu einer evolutionistischen, auf rhpderner Grundlage der Massenbewegungen basierenden Tätigkeit gestaltet worden ist. Diese Veränderung ist ganz analog derjenigen, die im internationalen Sozialist mus mit dem Auftreten des Marxismus eingetreten ist. Der Zionismus wird allmählich zu einer realistischen Massenbewegung, er hat sich bereits von dem Gedanken der zauberhaften Erlösung des ganzen Judentums durch einen Akt diplomatischer Politik losgesagt. Er will das Judentum nicht mehr auf einmal befreien, sondern — eben um die Befreiung herbeizuführen — dasselbe leiten und beherrschen. Obwohl diese Wandlung noch nicht als vollzogen anzunehmen ist, ist doch der Zionismus auf diesem Wege soweit fortgeschritten, daß es nunmehr kaum möglich ist, den Zionismus von 1912 mit dem während des I. Kongresses zu identifizieren. Im Zusammenhange damit steht eine zweite Wandlung, die dahin ausläuft, daß, während der frühere Zionismus das Golus-Leben der Alltagsjuden ignorierte, die moderne Strömung sich bemüht, das Alltagsleben der jüdischen Massen in allen seinen Erscheinungen zu beherrschen. Die früheren Zionisten waren der Meinung, daß im Golus die Juden jeder Machtstellung bar sind, daß alle Macht nur von Nichtjuden ausgeht und in Assimilation ausläuft. Nun aber gewinnt die Einsicht Platz, daß es innerhalb des Diaspora-Judentums wichtige Machtpositionen gibt, die bisher von den Feinden der jüdischen Renaissance beherrscht werden. Die Zionisten beginnen auch um die Macht innerhalb des Judentums zu kämpfen. Was war bisher die Arbeit des Zionismus in den Diasporaländern? Propaganda und Sammlung von Geldbeiträgen. Jetzt wird aber die vielumstrittene „Gegenwartsarbeit" zur Tatsache, und das wird zweifellos einen tiefen Einfluß auf die zionistische Theorie und Praxis ausüben. Selbstverständlich müssen nunmehr auch die Grundlagen des Zionismus anders verstanden werden. Früher pflegte man zu sagen: Wir werden überall verfolgt, also müssen wir den großen Exodus unternehmen. Der ursprüngliche Zionismus war also der Ausfluß antisemitischer Verfolgungen und beleidigten Selbstgefühls. Nun aber fängt man an zu sagen: wir sind eine Macht, die aber in ihren Entfaltungen durch äußere und innere Störungen gehindert wird. Um also unseren inneren Machtbereich zu vergrößern, um dem Volk breitere Entwicklumgsmöglichkeiten zu verschaffen, müssen wi> das Judentum innerlich und äußerlich stärken, unseren Feindei nicht aus dem Wege treten, sondern ihnen dem hartnäckigste! Widerstand leisten. Und als die größte Stärkung für da^ jüdische Volk erstreben wir die Schaffung eines jüdischer Gemeinwesens in Palästina. Die hier skizzierten Aenderungen haben den Boden vor bereitet für die Entstehung des proletarischen Zionismus, die ich als Ereignis von unabsehbarer Tragweite erachte. Der proletarische Zionismus ist eben nur dann möglich wenn der Zionismus das Alltagsleben der Vofemassen nich mehr ignoriert und mit aller Kraft um die Alltagsmacht inner-