Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 9 (1.3.1912)
- Date
- 1912-03-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 0 iE^ELT 261 moralische Wiedergeburt des gesamten jüdischen Volkes; der Zionismus der ersten Zeit hatte zur Grundlage die leibliche judennot, der Zionismus von heute hat zur Grundlage die seelische Judennot; der Zionismus der erstem Zeit erblickte den Schwerpunkt seines Programms in der „gesicherten Heimstätte", für den Zionismus von heute ist „du Palästina" der Schwerpunkt des Programms. Der Zionismus der ersten Zeit konnte in Territorialismus und Jargon ausarten, der Zionismus von heute konnte sich zur realen Arbeit in Palästina und zur Wiedergeburt der hebräischen Sprache erheben. Und man darf wohl sagen: pmD KIT Työ Die Krisis in der Partei nach dem sechsten Kongresse und der Kampf gegen Uganda haben unseren Zionismus auf die richtige Bahn gebracht. Der Zionismus von Herzls „Judenstaat" ist zum Zionismus von Moses Heß' „Rom und Jerusalem" zurückgekehrt. 2. Jüdisches Land, jüdische Arbeit und jüdische Sprache — das soll die Devise unserer Arbeit sein. Unsere gesellschaftlichen Machtmittel, unsere Privatinitiative — alles muß auf „Geulath haarez" gerichtet sein. Keinerlei politische Hemmnisse, keinerlei finanzielle Kalkulationen und Rücksichten dürfen unsere vordringende Bewegung aufhalten. Denn ohne Land sind wir nichts. Allein, auf eigener Scholle sitzen und sie durch Fremde bearbeiten lassen, wäre gleichfalls ein verhängnisvoller Fehler. Das Land wird demjenigen gehören, der es nicht nur gekauft haben, sondern auch mit seinem Schweiße getränkt haben wird. Daher gilt es, alle materiellen und moralischen Kräfte auf die Schaffung von Bedingungen hinzulenken, bei denen auf jüdischem Boden alles ohne Ausnahme, von der schwersten und gröbsten bis zur feinsten qualifizierten Arbeit, von jüdischen Händen gemacht werden soll. Wenn wir aber auf eigener Scholle sitzen, sie mit den eigenen Händen bearbeiten, dabei aber nicht die eigene Sprache, sondern die Sprachen unserer zahlreichen historischen Verfolger sprechen werden, so werden wir noch kein gesundes, normales Volk sein. Alles muß daher daran gesetzt werden, daß die hebräische Sprache die lebendige Umgangssprache wird in den Kindergärten und im Technikum, auf dem Markt und im Salon, in den Werkstätten' und in den Bankhäusern, unter Juden und unter Nichtjuiden, die mit uns in Berührung kommen! Ich wiederhole: „Land, Arbeit, Sprache" — dies sei unsere rahne. Adolf Böhm: Ad 1. Ich erkläre mich außerstande, Ihre sub 1) zu- I sam mengefaßten Fragen in ein paar kurzen Sätzen derart zu beantworten, daß darin meine Gesamtauffassung beschlossen wäre. Ich beschränke mich daher darauf, in rein schematiseher Weise anzugeben, wie sich mir die Entwicklung der zionistischen Gedankenwelt innerhalb der Bewegung darstellt, woraus j sich dann von selbst die Antworten auf Ihre Frage ergeben | werden. Am ersten Kongreß schlössen sich zwei verschiedene Richlingen des Zionismus zusammen: Die ältere, die ich hier ' ie n a t i o n a 1-k u 11 u r e 11 e, und die von H e r z 1 ausgehende, ie ich die politische nennen will, welche Terminologie atürlich nicht völlig zutreffend ist und die ich nur der Kürze salber wähle. Der Unterschied zwischen beiden war ein solcher Betrachtungsweise: Der politische Zionismus befaßte sich!,ehr mit der äußeren Lage, der national-kulturelle Zionismus mehr mit dem inneren Zustand des Judentums. Jer politische Zionismus strebte daher eine Revolutionierung der äußeren Lage der Judenheit, der national-kulturelle Zionismus eine Sicherung des Fortbestandes (und der Entwicklung) des Judentums, also eine Evolution des Judentums an. Aus der Verschiedenheit des Standpunktes und der Betrachtungsweise ergaben sich natürlich völlig differente Auffassungen über Weg und Ziel. Die ältere national-kulturelle Richtung — wenn ich die Resultante aus den verschiedenen Elementen ziehe, aus denen sie zusammengesetzt war — sah das Judentum in der Diaspora bedroht. Sie fand die einzigen Mittel zu seiner Erhaltung resp. Wiedergeburt in der Verwurzelung des Volkes mit dem alten Heimatboden als Garantie für den physischen, und die Entwicklung einer eigenen Kultur als Garantie für den geistigen Bestand des Judentums. Daher waren ihre Methoden der äußeren Politik: „K o 1 o n i - sations- und Kulturarbeit in Palästina." Da aber das Streben nach Erhaltung und Erneuerung des Judentums erst geweckt werden mußte, und dies Streben nur Aussicht auf Erfüllung haben konnte, wenn es zu einem inneren Bedürfnis des Volkes werden würde (Achad H a a m), so war die Methode der inneren Politik: Nationale Vertiefung, zu der in Wechselwirkung das aufzubauende Kulturzentrum in PaLästina seinerseits am stärksten beitragen würde. Nach diesen Grundsätzen hatten die Chibat-Zion zirka 15 Jahre gearbeitet, als Herzl mit seiner politischen Auffassung auftrat. Der Kern derselben lag darin, daß er die Judenfrage als eine politische, d. h. eine Macht frage ansah. (Juden als Minorität überall machtlos.) Daher die Methode*!: Im Inneren: Bekanntmachen dieser neuen, unumstößlichen, daher sieghaften Wahrheit (Agitation) und mit Hilfe der durch sie unfraglich zu gewinnenden Judenheit: Schaffung von großen Machtmitteln. Nach xauißen: Politik mit diesen Machtmitteln zur Schaffung des nötigen Machtzentrums durch die Methodentrias: Landnahme, Autonomie (Charter), Großkolonisation. Diese beiden Betrachtungsweisen — jene der äußeren Lage und die des inneren Zustand s — sind natürlich keinerlei kontradiktorische Gegensätze, sondern ergänzen einander. Ich glaube aber, daß es historisch notwendig war, daß zu Zeiten eine Richtung vorherrschte, um ihre Betrachtungsweise stark genug einzuprägen und ihre ganze, ungebrochene Kraft zur Erringung der durch sie und nur durch sie erreichbaren Erfolge einsetzen zu können. Hatten beide Richtungen diese ihre Aufgabe erfüllt, dann erst konnte eine Integration beider erfolgen. So spielte sich auch wirklich die Entwicklung der Bewegung ab: Im Anfang gab es (trotz Pinsker) als praktisch wirksame Kraft nur die eine, die national-kulturelle Richtung. Sie hat das Verdienst, die Elemente der nationalen Wiedergeburt gesichert zu haben, sowohl die ideeilen, als die reellen, unter diesen insbesondere die palästinensischen Kolonien. Aber sie war auf einen toten Punkt gekommen. Da trat Herzl auf, und die Chowewe1 Zion schlössen sich der neuen, großzügigen Bewegung an. In Basel konnte, da die zwei Richtungen keine Gegensätze waren, leicht eine programmatische Einigung erzielt werden. Aber diese war vorerst nur zustande gekommen durch eine bloße Addition der beiderseitigen Postulate, wie sie an den Untersätzen des Baseler Programms gegeben ist. Eine Integration, die nur das Ergebnis langer Entwickluingskämpfe sein konnte, war damals weder möglich noch zeitgemäß. Tatsächlich behielt die politische Richtung ganz einseitig die Oberhand, notwendigerweise, wie ich nochmals betone. (Aus dieser historischen Notwendigkeit erklärt sich auch die sonst unbegreifliche Schärfe Herzls gegen den Chowewe-Zionisimus, der förmlich ein Schreckbild wurde.) Der politische Zionismus brauchte die ungeteilte Kraft der Bewegung, um seine Auffassung unverlierbar ins jüdische Bewußtsein zu prägen und die nach