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Die Welt · 1912-03-01 · 9 (1.3.1912) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
9 (1.3.1912)
Date
1912-03-01
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Kinder erzieht. Das Paar habe auf einer Europareise das Bildnis Goethes in sein neues, glückliches Heim hinübergeholt. Die famosen Sombartkritiker lügen aber dreist, er wolle die Juden als Menschen zweiter Sorte von jeder europäischen Kultur abschließen. Sombart sagt, er wünschte — wenn überhaupt die Möglichkeit bestünde — ebensowenig eine Verjudung des Deutschtums, wie eine Germanisierung des Judentums. Der Sinn für Arterhaltung sei ihm als kostbarste Erscheinung des kulturellen Strebens der Gegenwart ans Herz gewachsen. Da winden sich die deutschtümelnden Herren wie unter Peitschenhieben. Sie, die mit antisemitischen Führern, die für jüdische Schulkinder den numerus clausus einführen möchten, gemeinsame Sache machen, finden in diesem Satze die rassenantisemitische Lehre Schönerers und stecken Sombart in die alldeutsche, rüde Sippe um den Abg. M a 1 i k herum, die den Juden in Bausch und Bogen die Ehre abschneidet. * Ein Kampf um Sombart? Oh nein! Man kann — wie es in der zionistischen Presse wiederholt geschehen ist — bei aller Uebereinstimmung mit seinen überraschend klaren und kerngesunden Ausführungen — in seiner Behandlung der Judenfrage manche Unstimmigkeit konstatieren und in der Fundierung seiner Konklusionen manche Lücke aufzeigen. Dieses Kesseltreiben aber hat mit einer Kritik der Sombart'schen Arbeiten über die Judenfrage nichts, aber auch gar nichts gemein. Diese wilde Jagd — das sind die alten Herzl-Jäger, die mit giftgeschwollenen Backen ins Horn stoßen. Das sind die Marannen und ihre betörten, mißbrauchten Hörigen, denen Theodor HerzI die Kreise störte. Erst verspotteten sie ihn als ungekrönten Zionskönig. Dann, als dieser Urkräftige im Westen einen ganzen Heerbann stolzer jüdischer Männlichkeit aus dem Boden gestampft hatte, zischelten sie ihm immer dreister unlautere Spekulationsgeschäfte nach. Und als ein wahrer Frühlingssturm durch die Länder ging, als hier im Westen jene nie geahnte Wiedergeburt in den Herzen zu klingen begann, die drüben im Osten längst gewirkt hatte und deren Werkzeug Theodor Herzl war —, da wurde alles aufgeboten, alle Verbindungen mit Wissenschaft, Börse und Presse ausgenützt, um den Mann und seine Tat totzuschweigen. Nicht gegen Sombart, gegen die jüdische Moderne ralliieren sich die alten Herzl-Jäger. Und weil sie zugelernt haben und fühlen, daß keine Zeit zu verlieren ist, vereinigen sie jetzt alle Waffen, lassen gleichzeitig alle Minen springen. Sie spotten, verdächtigen und sorgen zugleich dafür, daß der einst gehätschelte Professor und seine Arbeiten über das Judentum von der Presse totgeschwiegen werden. Und noch ein neues Kampfmittel tritt in die Erscheinung: Sie spielen den Zionismus gegen uns aus. Wem ist's entgangen, daß sie drüben mit offenen Armen einstige Gesinnungsgenossen aufnehmen? Sie ersparen ihnen jede Probezeit, jede Aufnahmeprüfung. Sogar Zionisten dürfen sie sich weiter nennen, wenn sie nur mit dem „herrschenden System" in der zionistischen Partei nicht einverstanden sind. Da wird uns nun mit verdrehten Augen zugerufen: „Habt ihr Zionisten Sombart wirklich gerufen? Könnt ihr eure Sache so entweihen?" Und nach etlichen Komplimenten für den jüdisch-nationalen Gedanken und den Zionismus: „Sombart ist unser Feind, unser gefährlicher Feind. Was er sagt, muß die größte Entrüstung und sittliche Empörung jedes aufrechten Juden hervorrufen . . Bruder, der Weg ist verfehlt. An solcher Kriegslist ermessen wir die eigenen erstarkten Kräfte. * Die Zionisten des Westens ruft es mit tausend Zungen nach der Arbeit fürs Judentum. Sie fühlen, daß ihnen eine grausame Entwicklung fast Unersetzliches geraubt hat, und sie wissen, daß es für sie keine heiligere Arbeit gibt als zurückzuerobern, was ihrer Brust das Glück und den Frieden bringt. Viel wichtiger ist es für sie, das jüdische Bewußtsein zu suchen, wo es lebt und sich froh erneut, als gegen diejenigen fruchtlos zu streiten, in deren Herzen es gestorben ist. Und doch zuckt die Rechte immer wieder nach dem Köcher, um jenen zweiten Pfeil auf die Bogensehne zu legen, den Theodor Herzl für Mauscheis Brust bestimmt hat. Dr. Otto Abeles Zur Entwicklung des zionistischen Gedankens*) (Eine Rundfrage.) Auf unsere Rundfrage sind uns noch die nachstehend veröffentlichten Antworten zugegangen. Wir schließen damit die Enquete und danken den geehrten Gesinnungsgenossen, die sich an der Beantwortung unserer Fragen beteiligt haben, für ihre interessanten und aufschlußreichen Darlegungen. Die Fragen lauteten: 1. Haben sich seit den ersten Jahren nach der Begründung der zionistischen Organisation in der theoretischen Fundamentierung des Zionismus Aenderungen vollzogen, d. h. werden die grundlegenden Prinzipien des Zionismus heute anders verstanden als in jener früheren Zeit? Haben sich nur unwesentliche Teile des zionistischen Gedankenbaues geändert, oder betreffen die Verschiebungen in der Auffassung wesentliche Teile desselben? 2. Welches sind die wichtigsten Aufgaben unserer Organisation bezüglich der Palästina-Arbeit in der nächsten Zukunft? \ M. Ussischkin: Auf Ihre zwei Fragen will ich Ihnen kurz und gedrängt antworten: 1. Gewiß, in der Begründung des Zionismus haben sich Aenderungen vollzogen, und zwar radikale Aenderungen. Der Zionismus der ersten Zeit hatte in der Hauptsache die Lösung des Emigrationsproblems für die „Ostjuden" im Auge, der Zionismus von heute basiert ausschließlich auf dem Bestreben zur Rückkehr in die alte Heimat; der Zionismus der ersten Zeit bedeutete hauptsächlich materielle Hilfe für einen Teil des jüdischen Volkes, der Zionismus von heute bedeutet die *) Vgl. „Die Welt" Nr. 5, 6 und 7 d. J.

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