Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 9 (1.3.1912)
- Date
- 1912-03-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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BERLIN W15, SACHSISCHE STR. 8. W ERSCHEINT IEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XVL JAHRO. BERLIN, i. März 1912 unta? yann '» ™ n"* /pHn Nr. 9. EIN KAMPF UMSOMBART? Der „Verein zur Abwehr des Antisemitismus" lanciert Kundgebungen in die Blätter. Der Kreis um den Wiener Kultusgemeindepräsidenten wird unwillig und hadert beinahe mit seinem Gebieter, weil nicht rasch genug eine Protestversammlung angekündigt wird. Empörte Kanzeleifererlassen vervielfältigte Artikel in alle Redaktionsstuben flattern. Die gesetztesten israelitischen Großhandlungsherren vom Kai und Schottenring — die sich im gewöhnlichen Leben an die Eisenbaeh'sche Maxime „Wir brauchen keinen Antisemitismus" halten — unterbrechen das Tarockspiel und disputieren in den höchsten Tönen. Im Gemeindehause in der Seitenstettengasse reicht man einander die Türklinken und geplagte Sekretäre halten Permanenzdienst. Was ist geschehen? Hat irgendwo eine Katastrophe das jüdische Volk derart erschüttert, daß sogar diese äußerste Peripherie der Judenheit mitergriffen wird? Bäumt sich etwa das offizielle Israelitentum gegen die „Schwarzen Hundert" auf, die eben in Kiew einen mittelalterlichen Ritualmordprozeß inszenieren? Hat wieder einmal die Judennot verhungerte und verprügelte Desperados mit Weib und Kind nach Wien verschlagen, und will unsere Großbourgeoisie gutmachen, was sie im Vorjahre an den dreitausend brotlosen galizischen Schänkern sündigte, denen sie teilnahmslos, hartherzig und mit zugeknöpften Taschen gegenüberstand? Ein nichtjüdisdier Gelehrter von Ruf hat über die Zukunft des Judentums gesprochen und unser Heil auf die eine Karte gesetzt: Nationalbewußtsein und Zionismus. Mit kraftvoller Eindeutigkeit vertrat er seine Erkenntnis, daß die Assimilationsbestrebungen der Juden nicht nur völlig aussichtslos sind, sondern überdies demoralisierend und degenerierend wirken; daß die Assimilationspolitik im besten Falle lebensfremde, verwaschene, geschlechtslose, tiefunglückliche Zwitterwesen zeuge — im schlechtesten aber verächtliche, äffende Mimikry; daß die Alternative nicht heiße: Assimilation oder Nationalismus, sondern: „Aufgeben der Eigenart, ohne etwas dafür zu erhalten, oder Erhaltung der Eigenart." Er sagte es den Herrschaften ganz unumwunden und unverzuckert heraus, ohne die einschränkenden Floskeln der geborenen Kompromißler, die zwar eine Ueberzeugung haben, aber nicht den Mut, sich mit Andersgesinnten in Gegensatz zu stellen. Seine Rede war nicht „zwar" und „aber" und „auch die anderen haben eigentlich nicht unrecht", seine Rede war „tausendmal nein" und „tausendmal ja" und er ließ auch nicht das versteckteste Hinterpförtchen offen. Nun wird Sturm gelaufen. Mit einer Leidenschaft, die ans Groteske streift, wird eine schreiende Kampagne eröffnet. Eine Gesellschaft, die sich sonst mit aalglatten Bewegungen im Schatten verschämter Freunde in die judenfeindlichste Gesellschaft schmuggelt und uns im Flüsterton anfleht, die Judenfrage nicht in die große Oeffentlichkeit zu zerren, verliert den Kopf und zeigt im hellsten Tageslicht eine wutschnaubende Grimasse, die zur Satire herausfordert. Und weil dieser Klüngel gewohnt ist, andere für sich zu exponieren, werden in den Endkampf zionsfeindliche Rabbiner geschickt. Man wird schamrot, wenn man sieht, wie Sombarts Bekenntnis zerpflückt, entstellt und zynisch ins Gegenteil gewendet wird. Den Mann, der (wohl etwas hyperbolisch) sagt: „Die ganze moderne Kultur tragen zwei Grundpfeiler: Judentum und Technik", nennt ein Protagonist einen Judenhasser vorn Schlage Chamberlains, und die ganze Schar, deren Morgengebet der Leitartikel der „Neuen Freien Presse" ist, sekundiert, Sombart sei ein seichter Schwätzer. Sombart legt dar: Wenn man nicht dafür sorge, die zionistischen Pläne in Palästina zu realisieren, dann gebe es für die sieben Millionen Ostjuden nur das Prognostiken Pobiedonosze w's, „ein Dritteil muß auswandern, ein Dritteil läßt sich taufen, ein Dritteil wird erschlagen" — und der „Verein zur Abwehr des Antisemitismus", der sich jüngst in den Sophiensaal einen Grafen Sternberg als Redner verschrieben hat, promulgiert mit inquisitorischer Verdrehungskunst, Sombart habe sich mit ' Pobiedonoszew identifiziert. Sombart wies nach: Jüdisch-nationales Bewußtsein und Teilnahme an anderen Kulturen harmonieren auf das glücklichste. Jeder Kulturmensch der Gegenwart bewegt sich gleichzeitig in mehreren Kulturkreisen. Kein Deutscher kann auf die Bibel, auf Shakespeare, Dante, Rousseau, Tolstoi verzichten. Und er erzählte von einem zionistischen Ehepaar, das sich zur Tat durchgerungen hat, hinüberzog und drüben in Palästina lebt und seine