Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 8 (23.2.1912)
- Date
- 1912-02-23
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr. 8 DIEÄELT- 245 hingestellt wird. Ferner ist es derselbe Herr Direktor Adler, der jetzt für eine Zersplitterung der Alliance in Deutschland eintritt, der auf dem Aliiancetag erklärt hat, daß das Frankfurter Lokal-Comite sich im Falle der Abschaffung des Wahlrechts auflösen würde. Die Frankfurter Tagung sollte übrigens nach Angabe der Einladung eine vertrauliche sein, so vertraulich, daß man es abgelehnt hat, das Präsidium der Deutschen Conferenz-Gemeinschaft, gegen das sich die Frankfurter Aktion richtete, einzuladen oder zur Tagung zuzulassen. Herr Senator Fischer aus Hannover aber, der weder einem süddeutschen Comite angehört, noch ein Lokal-Comite vertritt, durfte auf der Tagung erscheinen, und lediglich der aus der Versammlung erhobene Protest hinderte ihn daran, das Wort zu ergreifen. Es genügt, diese Tatsachen anzuführen, um die Friedfertigkeit der Frankfurter Herren und ihre wahren Absichten zu zeigen. Bei dieser Sachlage dürfte die Entscheidung für die deutschen Comites nicht schwer sein. Wer noch Liebe zum Alliancewerk in sich fühlt, wer nicht will, daß die Alliance weiter von Parteikämpfen zerklüftet und geschädigt. werden soll, der kann nur die allgemeine deutsche Organisation unterstützen, die in der Form eines deutschen Landes-Comites als berufene Vertreterin der deutschen Alliancernitglieder und als Trägerin des universellen Gedankens der Alliance Israeiite Universelle gegründet worden ist. Die Sonderbestrebungen, die von Frankfurt ausgehen, verdienen die schärfste Zurückweisung. Die geringe Beschickung der Tagung und das Resultat der Abstimmung am 11. hat ja schon zum Ausdruck gebracht, daß die deutschen Mitglieder der A. I. U. nichts mit diesen Sonderbundgedanken gemein haben wollen. Schon haben 18 süddeutsche Comites ihren Beitritt zum Landes-Comite erklärt. Die Stunde verlangt das einmütige Zusammenschließen aller deutschen Mitglieder der Alliance ohne eine Main-, Rhein- und Weserlinie. Das Präsidium der Deutschen Konferenzgemeinschaft der Alliance Israeiite Universelle. Max Fuchs Prof. Dr. Landau Dr. Werner Justizrat Geh. Medizinalrat Rabbiner o r, =0 O II □□□□□□ o o ^. —o FEUILLETON o o o <y o Ahasver in Rom Von Dr. A. Coralnik (Rom). Immer wieder kehrt er nach Rom zurück, der alte Wanderer. Und wenn die Last des Lebens, die Bürde des ewigen Duldens und Erduldens zu schwer wird, zu schwer sogar für seine lastgewohnten Schultern, und wenn es ringsum gar zu dunkel und hoffnungslos wird, dann kommt der müde Sucher nach der alten, ewigen Stadt zurück, urn seiner letzten Sehnsucht, seines letzten Traumes willen . . . Und er geht die altgewohnten Wege, dort, wo einst die „Heilige Straße" war, dort, wo Roms Größenwahn, wo Roms Herrscherglorie sich Triumphbogen errichtete, die Zertretenen und Besiegten höhnte . . . Da ist es — das Forum Romanum. Ruine auf Ruine getürmt. Geborstene Säulen, zerbrochene Größe, entschwundene Pracht. Und siehe, wie seltsam! Von allen Denkmälern des Forums hat sich fast nur ein einziges unversehrt erhalten. Nur ein einziges blieb aufrecht, unberührt von der Zeit. Warum gerade dieses eine? Warum konnte, durfte gerade der Titusbogen, das Denkmal von Roms Sieg über Jerusalem, der Unbill der Jahrtausende trotzen? Was war Judäa für Rom? Nichts mehr als ein Posten in der immensen Buchführung der Erobererstadt. Nichts mehr als eine lästige, vorübergehende Episode. Man denke nur: Germanen, Kelten, Barbaren, Feinde ringsumher, mächtige, zahllose. Und Rom siegte über alle. Was konnte da das kleine, schwache Völkchen in Judäa für Rom bedeuten? „Augebat iras, quod soli Judaei non cessissent," sagt Tacitus. Verstehen Sie wohl? Ueberall herrschte Ruhe, alle Feinde der Tiberstadt wurden gezähmt. Rom konnte ruhig genießen, was die andern säten. Nur — „die Judäer gaben nicht nach". Nur sie waren unruhig und wollten nicht den Nacken beugen. Und dies, nur dies „vermehrt den Zorn", nur dies brachte den „guten" Titus, den sanftmütigen Sohn des Vespasian, dazu, diesem störrigen Volke, diesem Störenfried, den Qaraus zu machen . . . Ach ja, dieser sanftmütige Titus, der so unglücklich gewesen sein soll, wenn er einen Tag vorübergehen ließ, ohne irgendeine Wohltat geübt zu haben. Ahasver hat ihn unter einem arideren Namen gekannt, mit anderen Augen gesehen. Für ihn war diese römische Turteltaube „der Bösewicht Titus", der Tyrann, der seine große Sünde mit einem gräßlichen Tode büßte . . . Es war einmal. Nun hat sich auch Ahasvers Haß gelegt. Er hat auch Titus verziehen. Er sieht ihn nun mit milden, verständnisvolleren Augen an. Da steht er — der einst so furchtbare Titus, mit seinem seltsamen, halb kindischen, halb bäuerisch schlauen Lächeln — in dem „Saal der Imperatoren" im Vatikan. Augustus, Claudius, Nero, Vespasian, alle die Bildner Roms, alle die Schöpfer der Weltherrschaft dieser Stadt der Gewalt und des zwingenden, ehernen Gesetzes. Jeder von ihnen eine starre, harte, ausgeprägte Figur. Daneben aber Titus — lächelnd, mit einem plebejischen, feisten, geistlosen Gesicht, krauslockig, mit niederer Stirn, ein Vorbild der Borniertheit und der Nichtigkeit . . . Und das war der „Divus Titus", wie es auf der Inschrift an seinem Triumphbogen heißt! Und er war es, der eine der einschneidendsten Taten der Menschengesdiichte, die Zerstörung des jüdischen Staatswesens, vollbracht hat! War es sein Triumphwagen, hinter dem — wie am Basrelief noch zu -sehen ist — gefangene Juden gefesselt einherschritten? Ahasver geht vorbei und lächelt. Denn er lebt, er hat Titus Größe und Fall und Vergessenheit überdauert. „Was ist Rom? Es zerfällt." — Diese Worte des innigen, sinnigen, tiefen deutschen Dichters Rilke kommen Ahasver ins Gedächtnis. Roms Steine sind geblieben, Roms Leben ist längst entschwunden, unwiederbringlich. Da stehen sie, die verwitterten Ruinen einer verschollenen Zeit. Mausoleen, Tempelbruchstücke, geborstene Säulen. Aber der Tod weht über ihnen. Rom ist — die Gräberstraße an der Via Appia antica. An beiden Seiten des Weges Gräber, in Stein gehauen, einst von kostbarer Pracht, heute verwittert und zerfallend . . . Nur der Name Roms blieb. Der leere Hauch. Nichts ist mehr geblieben, weder Formnoch Inhalt . . . Und Ahasver überkommt ein Gefühl des Stolzes und der Wehmut zugleich. Er — er hat keine Ruinen, keine steinernen Ueberreste einer alten Herrlichkeit. Ihn hat der Tod noch nicht überwältigt. Er steht noch da — genau so, wie ihn das antike, kraftstrotzende, übermächtige Rom gekannt hat. Er allein weicht nicht. Und er gedenkt der alten Worte, die noch immer von bleibender