Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 8 (23.2.1912)
- Date
- 1912-02-23
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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234 DIE2qKELT Nr. 8 das früher kurzweg mit den Worten ablehnte: „Jeder Bruchteil einer Nation und jedes versprengte Glied einer Glaubensgemeinschaft kann Rettung nur durch sich erlangen, und wenn es diese sich nicht zu geben vermag, so ist es wert, nach einem ehernen wirtschaftlichen Gesetze, das man grausam nennen darf, aber nicht ändern kann, daß es zugrunde gehe". Immerhin ist es ein Fortschritt, daß Geiger jetzt bereits der Grausamkeit des ehernen Gesetzes in die Arme fallen will, um als „Aufgabe der Zukunft" die „Juden aus den östlichen Ländern, die in ihrer Heimat unglücklich sind", nach andern Ländern, „nur nicht nach Palästina" zu geleiten. Geiger ist ein Mann von Willen. Er \v i 11 nicht, daß es eine jüdische Rasse gibt, er will, daß die Juden jüdischen Glaubens und ebenso jüdischen Unglaubens eine Glaubensgemeinschaft bilden, und wenn er Palästina aus der Landkarte nur hinwegnehmen könnte, an genügendem Willen dazu würde es ihm nicht fehlen. Daß Geiger dabei die Orthodoxen vor den bösen Zionisten warnt, nimmt sich deshalb komisch aus, weil man nicht weiß, wer ihm verhaßter ist, die Orthodoxen oder die Zionisten. Immerhin soll man nicht leugnen, daß Ludwig Geiger sich um das Judentum, besonders in Berlin, große Verdienste erworben hat, sogar größere als er selber ahnt. Denn rein äußerlich genommen: ohne Geigers Auftreten für die liberale Gruppe in der jüdischen Gemeinde hätten es die Zionisten in Berlin nicht dazu gebracht, auf Anhieb bei der Gemeindewahl bis 3800 Stimmen auf sich zu vereinigen. Ohne Geiger wäre ein großer Teil der jüdischen Gemeinde nicht dazu gekommen, sich vor dem Köder zu hüten, der mit dem Worte „liberal" für eine Partei lockt, die mit der Sonntags-Reformgemeinde in einer Phalanx kämpft. Aber es soll auch anerkannt werden, daß Geiger sich bemüht, das herauszusagen, was er für Wahrheit hält, und dieser Wille soll hoch eingeschätzt werden, auch wenn wir diese Wahrheit für nichtig erkennen. Das hindert nicht, daß dieser Wille zur Wahrheit darunter leidet, daß für ihn nur die Berechtigung seiner eigenen Anschauung existiert. Aber „es ist ein unerquicklicher Anblick, wenn ein dem Fortschritte gewidmetes Organ bloß für seine Ansicht freien Raum verlangt, bloß in seine engen Anschauungen gebannt ist, sie für den Höhepunkt geistiger Entwicklung ausgibt, daher neidisch und verdrießlich auf andere Bestrebungen hinblickt, die nicht gleiche Wege mit ihm gehen, an ihnen herummäkelt, und durch kleinliche Bemängelung ihre Verdienste herabzerrt/' Von dieser Engherzigkeit ist die „Allgemeine Zeitung des Judentums" nicht freizusprechen, auch wenn wir zugeben, daß ihre Angriffe auf den Zionismus einem ehrlichen Hasse entspringen. Darum sollen die großen Verdienste Geigers nicht abgestritten werden. Er hat bei den letzten Gemeindewahlen der zionistischen Partei die allergrößten Dienste erwiesen, und wir rechnen für den nächsten Wahlkampf auf die gleichen unschätzbaren Dienste dieses Mannes. Es ist uns eine Genugtuung, an unsern alten Gegnern zu sehen, daß sich unsere Anschauungen nicht geändert haben. So wenig die Grundanschauungen des Zionismus andere geworden sind oder jemals anders sein werden, so wenig hat die Partei als solche sich gemausert. So wie die Gegner nach wie vor, wenige offen, die meisten im Stillen, der Losung folgen: „Nur nicht nach Paläst i n a", so stellen wir fest, daß unser Weg seit Jahrzehnten unverändert derselbe ist, den wir als Studenten in ganz kleiner Zahl gingen und zu dem sich jetzt der Weggenossen viele gefunden haben. Aber das Ziel und der Weg ist derselbe. Und das Ziel ist Zion. Heinrich Loeve, Das jüdische Palästina in der christlichen Literatur Von Seminardirektor Eberhard-Greiz. Davis Tri et seh hat uns jüngst in einer anziehenden Skizze seiner „Bilder aus Palästina", „Abrahams Weinberg" gezeigt, wie tätige Christensympathie für das verfolgte Judenvolk vor den Toren Jerusalems einen Kristallisationspunkt geschaffen hat, um den sich jüdisches Neuland verheißungsvoll herumlegt. Diese uneigennützige Sympathie, die nichts sucht als des Volkes Bestes, ist aber nicht nur hier und da unter den Engländern anzutreffen, sie hat eine Heimstätte auch in dem christlichen Deutschland. Waren doch letzthin auf dem Baseler Kongreß, wie Johanna Friedberg in der „Neuen Badischen Landeszeitung" plaudert, unter den Outsiders jener Heerschau auch ein frommer, bibelfester „Reverend" und ein deutscher „orthodoxer Protestant", der dem Deutschtum in Palästina gedient und nun Pionierdienste in der deutschen Ostmark tut. Und das Verständnis für das jüdische Renaissancestreben scheint in Deutschland tiefer und allgemeiner zu sein, wenn man den literarischen Niederschlag als Gradmesser des Interesses ansehen darf. Zwar läßt der Baedeker, obwohl er von einem landeskundigen deutschen Palästiner redigiert wird, immer noch für den, dem zu einem klaren und allseitigen Urteil über das Land die Kenntnis des jüdischen Palästinas nicht minder als die des christlichen und des arabischen erforderlich dünkt, viele Wünsche offen; aber gerade die Organe derjenigen deutschen evangelischen Unternehmungen, die seit Jahrzehnten im Lande ansässig sind und mit an der Regeneration arabischen Volkstums arbeiten, geben ein objektives, zumeist von Verständnis getragenes Bild der Umwälzungen, die der jüdische Arbeitsfaktor in den letzten dreißig Jahren, besser in dem letzten Jahrzehnt, in Palästina geschaffen hat. Der „Bote aus Zion", der von dem nahe der Buchara-Kolonie vor den Toren Jerusalems gelegenen „Syrischen Waisenhaus" des „Vaters Schneller" ausgeht, kam mit seinem Urteil über die jüdische Kolonisation bereits früher in der Zeitschrift „Palästina" (1908, Heft 10) zu Wort. Neuerdings wenden die „Neuesten Nachrichten ans dem Morgenland", die Vereinsschrift des Jerusalemsvereins, den jüdischen Verhältnissen eine besondere Aufmerksamkeit zu. Durch den soeben abgeschlossenen Jahrgang 1911 zieht sich wie ein roter Faden die Artikelserie des neuen Herausgebers, des Pastors Hoppe in Zarnekow (früher in Bethlehem) hindurch, in der er die Leser mit dem jüdischen Lande, das zum Teil wieder Neuland geworden ist, bekannt macht. Und als die lebendige Kraft, die Leben entfacht, die Großes bereits geschaffen hat und Größeres noch verheißt, wird zu Eingang und am Schluß die zionistische Idee namhaft gemacht. Hoppe, der im Jahre 1910 das Land aufs neue bereist hat und seine Physiognomie namentlich durch die jüdische Einwanderung stark verändert fand, nennt es „ein völlig zutreffendes Bild des seit einigen Jahren eingetretenen kulturellen und wirtschaftlichen Aufschwunges", wenn der Präsident Wolffsohn in den Augusttagen des vorigen Jahres zu Basel die zionistische Entwicklung folgendermaßen charakterisiert: „Ein großes Stück vorwärts sind wir doch gekommen! Die ausgestreute Saat beginnt zu keimen und schießt schon hier und da in die Halme. Die Hebung unseres Volks*- bewußtseins hat Fortschritte gemacht. Die jüdische Jugend