Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 8 (23.2.1912)
- Date
- 1912-02-23
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 8 DIE30EELT 233 „Nur nicht nach Palästina!" Von Zeit zu Zeit müssen wir erfahren, daß seit den Tagen Fritz Reuters die „Ollen Kamellen" noch immer nicht alle geworden sind. Auf jüdischem Gebiet, auf dem sich erfreujlicherweise in den letzten beiden j ahrzehnten unerwartete Wandlungen vollzogen haben, haben wir uns bereits so an das Fortschreiten jüdischer Kulturideen gewöhnt, daß wir erstaunt auf die Rückfälle schauen, wenn wir die Träger fossil uns anmutender Gefühlswelten mit ihren „Ollen Kamellen" noch als lebendige Menschen unter uns wandeln und handeln sehen. Im allgemeinen hat sich die Zeit der Gleichmacherei um jeden Preis und des Nachlaufens hinter einem fremden Volkstum unter den deutschen Juden bereits überlebt. Um so mehr will es beachtet sein, daß es immer noch eine Stätte gibt, in der die Welt auch jetzt noch in jenem eigenartigen Scheine strahlt, der sich als Komponente ergibt, wenn man ultranationales Teutschtum mit ebenso radikalem Weltbürgertum mechanisch durcheinander rührt. Dieser grünrosige Schein umschimmert ein Blatt, das sich durch ein ehrwürdiges Alter unter den jüdischen Blättern auszeichnet, und das unter einer früheren Leitung auch große, sogar sehr große Verdienste um die Fortentwicklung und zugleich Erhaltung des Judentums in Deutschland hatte, Verdienste, die man anerkennen kann und muß, auch wenn man die schweren Schäden nicht übersieht, die diese Richtung gleichzeitig dem Judentume zugefügt hat. Aber in „bonis voluisse sat est", oder wie es in der schönen Sprache unserer Väter heißt „Hak-kadösch barüch hü mezzarref machschabä tobä lema'ase". Also wollen wir allezeit den guten Willen der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" anerkennen, auch da, wo sie sich auf dem Holzwege befindet. Seitdem die „Allgemeine Zeitung des Judentums" nach dem zu frühen Tode des unvergeßlichen Dr. Gustav Karp e 1 e s unter die Leitung des Literaturprofessors Dr. Ludwig Geiger gekommen ist, haben wir uns öfter, als uns lieb ist, mit ihr beschäftigen müssen. Ludwig Geiger ist ein Mann, der sich nicht um die Folgen kümmert, die aus den unverblümten Aeußerungen seiner nicht immer einwandfreien Ansichten sich ergeben. Hat er es doch fertig gebracht, die Erwartung auszusprechen, der preußische Staat werde einen Teil seiner jüdischen Staatsbürger, die andere Anschauungen vom Judentum haben, als Professor Geiger, unter Fremdenrecht stellen. Andere Gesinnungsgenossen Geigers mögen ebenso denken, aber sie hüteten sich bisher, offen etwas ms<- zusprechen, was einerseits wenig liberal ist, und andererseits die gesamte rechtliche Stellung der Juden in Deutschland zu gefährden geeignet wäre, \venn nicht der preußische Staat, mit mehr Gerechtigkeit als der liberale Professor, die Staatsbürgerrechte nur mit den geleisteten Staatsbürgerpflichten, nicht aber mit politischen oder religiösen Anschauungen in Zusammenhang brächte. Daß der Zionismus es dem Professor Geiger besonders schwer angetan hat, können wir im' Sinne Goethes billig verstehen. Denn er erwirbt damit die ererbten Anschauungen seines Vaters, um sie zu besitzen. Daß er diese Anschauungen zur Unzeit äußert und ihnen seinen -eigenen Ausdruck verleiht, ist ebenso sein gutes Recht, wie der Vorteil des Zionismus. Denn Geiger äußert jene Gesinnung, die wir in seiner Partei bekämpfen, und die nur er deutlich genug heraussagt. Denn wenn es auch eine Errungenschaft weiter Kreise ist, die Herrn Geiger nahestehen, daß der Christbaum in jüdischen Häusern angezündet wird, so hat doch nur er es verlangen können, daß die preußische Schulverwaltung die jüdischen Schulkinder zwingen solle, an besonderen konfessionellen Feiern der christlichen Schulen teilzunehmen. Nur er ist s o deutsch, in unsern hebräischen Gebeten um Zion Gotteslästerung zu erblicken, wobei ich gern eingestehe, daß es reine Ueberzeugung ist, die ihn zu solchen Aeußerungen veranlaßt. In der jüngsten Nummer seiner Zeitschrift hat er nun gelegentlich des Erscheinens einer Broschüre sein zionsfeindliches Herz neu entdeckt, sieht er sich veranlaßt, den Zionismus wieder einmal totzuschlagen. So wärmt er den alten Kohl auf, daß die Juden keine Nation sind. „Wir leugnen," sagt er im Namen der deutschen liberalen Juden, „daß die Juden eine besondere Rasse sind." Nun ja, leugnen, heißt nicht das Gegenteil beweisen. Es gibt z. B. Leute, denen das Goethe-Jahrbuch recht mißfällt. Es ist nicht nach ihrem Geschmack. Aber sie können doch nicht leugnen, daß es erscheint. Man kann wünschen, daß es keine jüdische Rasse gibt, aber eine Rasse zu 1 e u g n e n , für die der Spiegel uns den besten Beweis liefert, dazu gehört ein Mut, den wir lieber nicht haben. Wenn Geiger dann noch hinzufügt, daß die „Juden nur eine Glaubensgemeinschaft sind", so steht dem entgegen, daß der Teil der Juden die Glaubensgemeinschaft mit Herrn Professor Geiger ablehnen zu müssen glaubt, der auf diesen Glauben das allergrößte Gewicht legt. Wenn Herr Geiger wiederum im Namen „der deutschen liberalen Juden" leugnet, daß das Heil der Juden in der allgemeinen Auswanderung besteht, so führt er sich selbst irre, wenn er dabei voraussetzt, daß jemals auf Seiten des Zionismus ernsthaft eine solche Behauptung ausgesprochen, eine solche Meinung gehegt wurde. Im Gegenteile hat der Zionismus oft genug betont, daß seine Arbeit mit der Auswanderungsfrage der Juden, auch der östlichen, nicht identisch sei. Aber unsere Gegner, die sich ohne Berechtigung „liberal*4 nennen, stehen auf dem Standpunkte, daß man die Juden in alle Länder auswandern lassen solle, „nur nicht nacli Palästina". Sie nennen sich freilich mit Vorliebe verschämt „mosaisch", aber sie wissen offenbar nicht3 daß Moses als den einzigen Lohn für sein Volk die Erwerbung des Landes kennt, das hier Palästina genannt wird. Sie vergessen, daß Moses keine andere und keine schrecklichere Strafandrohung für sein Volk kennt, als dessen Vertreibung aus diesem seinem Lande, daß aber auch diese Strafandrohung aufs allerinnigste mit dem Versprechen zusammenhängt, das Volk trotz allem von den vier Enden der Erde zusammenzuführen und daß dies das Ziel des Mosaismus für das jüdische Volk ist. In dieser Woche, wo wir Geburtstag und Todestag Moses', unseres Lehrers und Meisters, feierlich begehen, sollen wir doch wirklich soweit historisch denken, um zu wissen, daß der Mosaismus mit der Idee der geistigen und weltlichen Freiheit Israels im Lande seiner Väter steht und fällt. Prophetismus ohne Israels Stellung in seinem eigenen Lande gibt es eben nicht. „Nur nicht nach Palästina", sonst nach allen anderen Ländern will Geiger die Wanderung der Juden aus den östlichen Ländern geleitet wissen. Man sieht wieder einmal, was andere ebenfalls denken mögen, bei Geiger ausgesprochen: Nicht die wirtschaftlichen Gründe oder andere Bedenken leiten die Kreise um Geiger von der Kolonisation des Landes Israel ab, sondern lediglich die historischen Erinnerungen, die uns national an dieses Land knüpfen. In der Sahara mag man die russischen Juden ansiedeln, am Nordpol oder Südpol ebenfalls, aber iman führe sie „nur nicht nach Palästina"! Immerhin hat sich Geiger seit sieben Jahren schon soweit entwickelt, daß er in der Leitung dieser Auswanderung „eine Aufgabe der Zukunft" erblickt, während er