Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 8 (23.2.1912)
- Date
- 1912-02-23
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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die einem Judenmassaker vorangehen: die „Karussell- Geschichte von Kischinew, die „Ermordung eines Polizeikommissärs" von Bialystok u. dgl. Nach dem Pogrom fragte ich in Kischinew nach dem „Karussel"; kein Mensch wußte etwas davon. Es war ein Schlagwort, und nachdem es Schwung in die Aktion gebracht hatte, kümmerte sich kein Mensch mehr darum; man hatte sogar vergessen, daß es die offizielle Lesart war; es war verpufft. Dann beginnt die Rache. Die Unholde morden dann aus Rache; sie plündern sogar aus Rache, die naucrnwägelchen fahren dann mit jüdischem Out schwerbeladen nach den Dörfern. Diese Leute haben keinen riutritus; sie rächen sich bloß, die Aermsten! Aber der Prozeß Beilis ist ein Prozeß gegen das Judentum. Das jüdische Volk muß diese Anklage so behandeln, wie es seinerzeit Damaskus behandelt hat nicht scheinbar indifferent, duckmäuserisch, um keine Solidarität zu zeigen, um der Sache nicht zu schaden. Nein. Es ist keine individuelle Sache, es ist eine Herausforderung, gegen die Juden und die jüdische Religion gerichtet. Da muß ein Schrei des Entsetzens und der Entrüstung von einem bis zum anderen Ende der Diaspora erschallen, wehevoll und drohend! Es muß sich in uns aufbäumen wie ein verzweifeltes Ringen nach Gerechtigkeit, wie ein gewaltiger, welterschütternder Protest. Alle, die Moses Montefiore und Cremieux mehr oder weniger ähnlich sind, die diesen Großen nachstreben, müssen nach deren Art, persönlich, offen, tapfer, wie die Zola und die Bernard Lazare für einen Dreyfus, diesmal für das Judentum eintreten! Es ergehe an all die Führer in Israel der Ruf: Ajekkah (Wo bist du?). Hinter den Mördern stehen die Schwarzen mit sorgsam leitender Hand; sie genießen die Sympathie und stüzen sich auf die moralische Mitwirkung der Judenhetzer aller Länder. Wir, das organisierte Judentum, sollen nicht hinter den Unschuldigen stehen, vor die Unschuld soll es treten. Das war das erhebende Moment bei Damaskus und beim Mortarafall. Das ist das erziehliche Moment für die Zukunft, an dem Generationen groß werden. Denn aus unseren heutigen Fehlern und Taten, aus all dem Kleinen und Großen setzt sich die Zukunft zusammen, und jeder Irrtum kann zum Verhängnis werden. Aus winzigen Gründen sind im historischen Leben Völker verblutet, oft nur deshalb, weil sie zur rechten Zeit es versäumten, die Oeffnung an ihrer Rüstung zu schließen, weil sie nur für den Tag, nicht für die Zukunft sorgten, weil sie das Unbequeme nicht tragen wollten und, den Blick an die Einzelheiten gefesselt, das Ganze nicht mehr überschauten. Kleine Quellen fließen zitternd vom Gestein des Gebirges herab und als ein gewaltiger Strom ergießen sie sich in das Meer. Die Leute im Westen haben Sinn für jüdische Wissenschaft, für Geschichte u. dgl. Was ist jüdische Geschichte? Ein großer Teil unserer mittelalterlichen Geschichte besteht aus solchen Beilis-Prozessen, die wir nicht kennen. Aber unsere Geschichte ist noch nicht abgeschlossen. Sorgen wir für diese Geschichte, die uns doch näher angeht und die für die Zukunft von ungeheurer bedeutung sein muß. Wir können nicht daran denken, in einem Prozeß zu intervenieren, aber treten wir doch für unsere Ehre in die Schranken. Man sage nicht, die Sache sei veraltet. Nein, das Judentum ist noch immer, einmal hier, einmal dort, Gegenstand wildesten Hasses. Vergebens ist mit stahlharten, unwiderleglichen Argumenten dargetan worden, daß die „Alilath dam" der innersten Natur des Judentums widerstrebt; vergebens ist unzählige Male mit flammenden Worten und hingebender Begeisterung — daß es den Stein rühren und überzeugen konnte — auseinandergesetzt worden, daß Judentum und Ritualmord zwei absolute Gegensätze sind, die sich hasrsen und abstoßen, die sich meiden und fluchen. Die Blutanklage gleicht dem alten Ungetüm der Hydra. Wird ihr ein scheußlicher Kopf abgeschlagen, dann sprießt aus dem giftgesdhwollenen Leibe ein neuer zischender Kopf blöde, glotzend empor. Das wahnbetörte Antisemitenherz ist härter und kälter als Stein. Was soll nun geschehen? Wir können die aller Logik Hohn sprechende Blutbeschuldigung nicht zum Verstummen bringen. Mörder sind es, die die Stirn haben, den unter der Last ihrer Leiden zusammenbrechenden Juden Kiews ein blödsinniges Hexenmärchen anzudichten. Aber unseren gepreßten Herzen muß ein Protest entsteigen, der zu einem Donner anschwellen und die dunklen Wolken des Gleichmuts zerreißen soll, welche die öffentliche Meinung der Welt umlagern. In tausend feurigen Zungen soll nicht nur das Wort in die Welt hinausgehen, daß das Judentum und die Juden keinen Ritualmord kennen, daß das Judentum und die Juden in allen ihren Sekten und zu allen Zeiten vor den sogenannten „Ritualmorden" Grauen und Entsetzen empfinden, wie vor dem schwersten, gräßlichsten Verbrechen, daß es mit einem Wort widersinnig und ungeheuerlich ist, irgendeinen Juden, er sei wer er sei, mit dem Begriffe eines Ritualmordes auch nur im Entferntesten in Zusammenhang zu bringen. Nicht nur das. Es soll auch darauf hingewiesen werden, mit welchen Mitteln der Kampf gegen die jüdischen Rechte geführt wird. Die gesamte KulturmensChheit soll sehen, wie sie durch die Aktivierung eines Hexenaberglaubens im staatlichen Leben, in der Justiz, in den bürgerlichen Verhältnissen beschimpft, verlästert und herabgewürdigt wird. Die Gerichtshöfe von Haag, die Vereine für die so schönklingenden „droits de l'homme" und wie sie alle heißen, sollen doch erfahren, was jetzt in einer Stadt wie Kiew vorgehen kann. Wo seid ihr, die Nachfolger der Montefiore und Cremieux? Und ihr, die großen Menschenfreunde, die Victor Hugo, die Castelar, die Manning und die Shaftesbury? Die Menschheit wird ehrlos und infam gebrandmarkt. Das organisierte jüdische Volk aber muß zunächst wie ein Mann aufstehen und seine Stimme erheben. Israels Hand ist rein von Blut! Aber nicht rein von Blut sind jene Hände, die ein qualzerrissenes, seiner Rechte beraubtes Volk morden und ausrauben, die das Blutmärchen, um die Entwicklung der Zersetzungsfermente des Hasses zu beschleunigen, zu neuer, aktueller Geltung bringen. Mögen es die Schwarzhundertmänner empfinden, daß sie es jetzt mit dem ganzen jüdischen Volke zu tun haben! Nahüm Sokolow.