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Die Welt · 1912-02-23 · 8 (23.2.1912) · page 1

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Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
8 (23.2.1912)
Date
1912-02-23
Page
– (sequence 1)
Language
German
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DIE BERLIN W15, SACHSISCHE STR. 8. ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XVI. JAHRO. BERLIN, 23. Februar 1912 Unto yonn 'K 'n ,^12 Nr. 8. WO SEID IHR? Unsicher und kraftlos, müde und abgehetzt wandeln lausende umher. Fremdlinge in ihrer Heimat. Von Zeit zu Zeit wird eine Razzia veranstaltet. Polizisten, Spitzel, Hausmeister fahnden nach „rechtlosen" Juden, d. h. nach solchen, die keine Pässe haben. Aber man gibt ihnen keine Pässe. Seit Jahrzehnten sucht eine erbarmungslose Bureaukratie mit teuflischer Systematik ihnen jeden Ervverbszweig unmöglich zu machen; in entsetzlicher Steigerung lösen einander diese beschränkenden Gesetze ab. Das letzte, was einem großen Teil geblieben, um einen kärglichen Lebensunterhalt sich zu erzwingen, war der Handel, und nun wird auch dieser durch die Verstaatlichungs- und Nationalisierungsmethode bedroht. Das Elend ist endlos. Zum Ersticken in einigen Stadtteilen eingepfercht und auch hier an Händen und Füßen von unzähligen Ausnahmegesetzen und beschränkenden Vorschriften geknebelt, fristen die Opfer brutaler Verfolgungswut ein Leben voll Jammer und Pein. Kiew. In der langen Reihe der bevorzugten Pogrom- und Polizeiwillkür-Stätten ein besonderer Ort. Man möchte fast sagen: ein besonderes Jagdrevier. Und diese Juden, die Qott danken, wenn es ihnen gelingt, eine Nacht ruhig durchzuschlafen, die vor jedem Schatten zittern, die mit hastigem Eifer nach jedem Surrogat des Wohnrechts greifen, diese Daseinsmüden, die in ihrer Notwehr jede Minute der Ruhe für Weib und Kinder den unersättlichen Häschern mit ihrer letzten Kopeke bezahlen müssen, werden angeklagt, einen christlichen Knaben, namens Juschtschinski, für rituelle Zwecke ermordet zu haben! Sind es diese Juden? Nein, es sind die Juden überhaupt. Formell heißt es, Beilis habe einen Christenknaben ermordet. Ob der Sündenbock Beilis oder Moritz Scharf oder wie immer heißt, das bleibt sich gleich. Ein zur Lächerlichkeit verkümmertes Rudiment mittelalterlichen Hexenwahns, ein groteskes Trugbild wilder Phantasie wird mit unheimlicher Animalität aus dem Schutthaufen veralteter, blödsinniger Beschuldigungen hervorgeholt und mit großer Instinktsicherheit in Szene gesetzt. Eines Tages verschwindet ein armer Junge. Der Leichnam des ermordeten Knaben wird dann in einem entsetzlich verstümmelten Zustande gefunden. Wer hat ihn ermordet? Eltern, Verwandtschaft, Bekannte - ein Chaos von Zechern, Zuhältern, katilinarischen Existenzen. Tausend Mutmaßungen über den, über d i e Täter und die Motive. Eine Schlägerei unter Leuten, die miteinander vielleicht gar im Scherze Händel angefangen hatten, ein Akt viehischer Trunkenheit, ein Racheakt — oder hatte irgend jemand aus jener Sippschaft ein Interesse daran, den unglücklichen Knaben aus der Welt zu schaffen? Wer kann es erforschen? In jeder Großstadt kommen rätselhafte Morde vor, deren Täter lange, manchmal auch für immer unentdeCkt bleiben. In Rußland sind sie viel häufiger, und das analytische Talent der russischen Polizei ist auf ganz andere Dinge gerichtet. Als nun zuerst das Wort „Ritualmord" gehört worden war, hielt es mancher ruhige Kopf für Unsinn. Ich meine nicht den Ritualmord; dieser ist schlimmer als Unsinn, er ist eine mörderische, giftige, bluttriefende Anklage gegen Unschuldige, aber unsinnig schien ein solches Experiment in Kiew. Die Verdächtigung war geschraubt, wirr, gewaltsam suggeriert, zu töricht für Kinder, zu widersinnig für die Verbreiter des gemeinsten antisemitischen Humbugs. Manche Besonnene nahmen es der jüdischen Presse in Rußland übel, daß sie zu viel über dieses alberne Lügenmärchen sprach. Aber die Besonnenen haben sich getäuscht. Wir stehen vor einem Beilis-Prozeß! Es unterliegt kaum noch einem Zweifel, daß die Antisemitenbande Rußlands diese ganze Sache gemacht hat. Haben ihre Mietlinge direkt den Knaben Juschtschinski ermordet oder seine Ermordung veranlaßt oder sich der Mörder angenommen, um den Fall gegen die Juden auszubeuten — ihre Sache ist es. Das stiermäßige Draufgehen der Schwarzhundertmänner, um jeden Preis und mit allen Mitteln den Haß zu schüren, im dumpfen und stumpfen Menschengewimmel der Judenhetze sozusagen einen neuen Schwung zu verleihen, die Menschenbestie zu reizen, die „frechen" Juden in Angst und Schrecken zu versetzen, den Gleichberechtigungsforderungen oder -Bestrebungen der Juden ein Argument entgegenzuhalten, das wie kein anderes das Judentum verunglimpft — das ist der Zweck! Es ist eine ganz gleiche Wiederholung jener Zustände, Vorginge und Handlungen,

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