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Die Welt · 1912-02-16 · 7 (16.2.1912) · page 15

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
7 (16.2.1912)
Date
1912-02-16
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 7 METOELT Eine Frucht der jüdischen Moderne Am Schlüsse der erwähnten öffentlichen Kultusvorstandssitzung gab es doch noch einen Lichtpunkt, nämlich die g e - nehmigte Aenderung des Lehrplanes für den Religionsunterricht in den zwei obersten Mittelschulklassen. Diese gesunden und für die jüdische Erziehung unserer Jugend sehr wichtigen Maßnahmen (richtige Auswahl des Lehrstoffes, halbstündige freie Zwiesprache zwischen den Lehrern und Schülern über den Gegenstand, intensive und liebevolle Pflege der jüdischen Nationalgeschichte) gehen auf eine verdienstvolle Publikation des Kultusrates Dr. Steiner zurück, in welcher er eine durchgreifende Aenderung des Religionsunterrichtes fordert. Er verlangt Bildung von Schulgemeinden mit Selbstverwaltung, Frühlingsausflüge, Pflege jüdischen Chorgesanges, aktuelle Vorträge, wie z. B. über die sozialpolitischen Folgen der galizischen Schänkergesetze, Brandmarkung der dein Taufjudentum innewohnenden Mißachtung" der eigenen Würde, Besprechung der Großziehung des Judenhasses vom Tiszla- Eszlärcr Prozeß bis auf Lueger und Hilsner usw. Die lesenswerte Arbeit schließt mit den Worten: „Hier handelt es sich um nichts Geringeres als um Sein oder Nichtsein. Nur eine vollst ä n d i g e U m k e h r, eine an R e v o 1 u t i o n g r e nz e n d e N e ug e s t a 11 u n g kann zur Palingenese führen. Wem das Judentum am Herzen liegt, der greife zu, ehe es zu, spät ist/4 Die Broschüre war natürlich für die Ratsherren starker Tabak. Gleichwohl gelangten die Reformvorschläge Dr. Steiners nach einer sehr seichten Debatte, in der sich die Gegner auf unwillige Zwischenrufe beschränkten, probeweis e zur Annahme, und das ist sehr erfreulich. Ein Redner, kaiserl. Rat Weil, hob hervor, daß Steiners Reformgedanken nicht zuletzt ein Niederschlag der jüdischen Moderne, des Zionismus sei. Er schildert den großartigen Eindruck, den der Vortrag Mossinsohns in der Universität auf ihn gemacht habe und wie die Begeisterung der Zuhörerschaft, die der größte Hörsaal kaum zu fassen vermochte, auf ihn rückgewirkt habe. Früher gaben die Eltern ihren Kindern das Judentum. Dem Zionismus sei es zu danken, daß heute die Jugend das Judentum w i e d e r in das schon entfremdete j ü d i s c h e H a us b r i n g t. Wenn der Unterricht tatsächlich im Geiste des Initiators gehandhabt werden wird — der verzopfte Geist der Kultusstube läßt leider Zweifel aufsteigen --, dann ist der erste Schritt zur Heranbildung einer wahrhaft modernen, bewußt jüdischen Jugend getan. Brief aus Prag (Von unserem Berichterstatter.) Rassen- und Klassenkämpfe Seit einiger Zeit bemüht sich ein Professor der Prager deutschen Universität, Dr. Christian Baron von Ehrenfels, um die Aufmerksamkeit der Oeffentlichkeit. Er ist seinem Fache nach eigentlich Spezialist auf philosophischem Gebiete, befaßt sich aber mit Vorliebe mit der Reform der abendländischweißen Gesellschaft, die er vor der drohenden Degeneration retten will. Er meint es sehr ehrlich, wenn auch viele über seine C h i n e s o p Ii o b i e lächeln. Er hält nämlich die g e 1 b e G e fahr für riesengroß und will, solange es noch Zeit ist, die w e i ß e Rasse — „Arier" und Juden — zum gemeinsamen Kampfe aufrütteln. Als konkretes Mittel zur R e g e n e r a t i o n schlägt er nun die O r g a n i s i e rung der Intellektuellen auf der Basis des Klassenkampfes gegen die manuellen Arbeiter vor. Durch sie soll „der ingeniösen menschlichen Veranlagung zu ihrem generativen Rechte verholten werden", wrie er im Archiv für Rassen- und Gesellschaftsbiologie schreibt. Sein Vorschlag ist in allgemeinen, von Professor Ehrenfels einberufenen und geleiteten Studentenversa m m 1 u n g e n zur Diskussion gekommen, alle Richtungen der Studentenschaft — Antisemiten, Liberale, Sozialisten, Zionisten — haben durch ihre Sprecher Stellung genommen, und die B e h a n d 1 u n g der Judenf rage nahm einen großen Teil der Auseinandersetzungen ein. Der letzte zionistische Redner rückte in den Mittelpunkt seiner Rede die Betrachtung des A u s 1 e s e m o m e n t s. Wir Juden brauchten allerdings ebenso wie alle Europäer eine bessere Auslese. Aber uns hat das Schicksal mit Daseinsbedingungen gesegnet, die eine glänzende m o r a - 213 Ii sehe Auslese darstellen. Die Assimilation —- Taufe, Mischehe — reinigt unser Volk von den minderwertigen Elementen. Wir Zurückbleibenden fühlen die Verantwortung unserem Volke gegenüber und die hieraus entspringende Solidarität, die nicht die Folge, sondern die Voraussetzung eines Zusammenschlusses sein muß. Die anwesenden liberal israelitischen Studenten wurden etwas nervös, die Versammlung aber nahm mit Zustimmung den zionistischen Standpunkt zur Kenntnis. Der Untergang der deutschen Juden Am 28. Januar sprach Dr. Felix T h e i 1 h a b e r als Gast der Lese- und Redehalle jüdischer Hochschüler über den Unte r g a n g der d e u t s c h e n J u d e n , das Material seines bekannten Buches in großen Zügen aufrollend. Auch Professor E h r e n f e I s erschien — im jüdischen Rathaus - auf dem Debattenplatz. Professor Ehrenfels wollte wissen, ob es keine Therapie gegen den drohenden Untergang gäbe. In der Diskussion wurde ihm geantwortet, daß nur die R e v o 1 u t i o n i e r u n g der versinkenden Judcnheit durch das starke Ideal der ethischen und nationalen Regeneration im Zionismus eine Auslese schaffen könne, welche die Verfallstendenzen überwindet. Wenn man die bisher wissenschaftlich und statistisch erfaßbaren Tendenzen allein berücksichtige, müsse das Prognostiken ein trostloses sein. Dr. T h e i 1 h a b e r s konkrete Reformvorschläge jüdische Volks- Ivygiene usw. — sind ja auch undurchführbar, wenn nicht die ideale Grundlage eines neuen und kräftigen Sich-Zusammenschließens gegeben ist. Zum Schlüsse des Abends wollte Professor Ehrenfels sich beinahe als eine Prager Abart der Berliner Spezies Kohle r entpuppen: er halte für seine Person die Vermischung zwischen Ariern im d J u d e n für wünschenswert, da ein ,,S p r i t z e r J u d e n b 1 u t" der arischen Rassigkeit sehr bekömmlich sei. Theilhaber erwiderte, daß —- von den Erfahrungen der Rassenmischung ganz abgesehen — für uns Juden maßgebend sein müsse, was unsere jüdische Eigenart uns bedeutet. Wir tun Großes für die Menschheit, wenn wir unsere Art zur Vollendung bringen. Der Abend war recht interessant; daß der Sinn der ganzen Ausführungen von den Assimilanten — deutscher und tschechischer Schriftsprache ..... nicht erfaßt wurde, ist eigentlich nicht überraschend. Einer von ihnen orakelt, daß die Darlegungen Theilhabers den Bankrott des Z i o n i s na u s bedeuten. Als wenn wir eine stärkere ideologische Grundlage haben könnten, als sie uns Zollschan, Ruppin und Theilhaber bieten! Der Markt in Rischon le Zion Der in Brünn gegebenen Anregung folgend, wurde am I. Februar ein P a 1 ä s t i n a t a g abgehalten. Draußen Prost und Schnee — und im großen Heinesaal, anläßlich des palästinensischen Huldigungsfestes, ein Markttag in Rischon le Zion. Um die Veranstaltung des Festes hat sich Professor E n g e 1 ein Verdienst erworben. Das Nachmittagsprogramm begann um 3 Uhr. Der Saal war sehr schön dekoriert, in zehn hübschen „Zelten" verkauften liebenswürdige Damen Palästinaweine und Südfrüchte. Besonders gut gefielen die Zelte des B e z a 1 e 1, des Jüdischen Verlags und des N a t i o n a 1 f o n d s. Das lebendige Treiben im Saale wurde durch Rezitationen, eine Conference, jüdische Volkslieder unterbrochen, eine kräftige und anschauliche Rede Professor E n g e I s begleitete die Vorführung einer Lichtbilderserie „V o n J a f f a n a c h R i s c h o n 1 e Z i o n". Abends wurde das Programm fortgesetzt. Voraussichtlich wird der P a 1 ä s t i n a - a b e n d ein Reinerträgnis für den Z e n t r a 1 f o n d s liefern. Der Abend war von allen jüdischnationalen Korporationen Prags gemeinsam veranstaltet. Brief aus Amerika Demission des Dr. J. L. Magnes Unser bekannter Gesinnungsgenosse Herr Dr. J. L. Magn e s hat 'sein Amt als Rabbiner der B'nei Jeshurun-Synagoge in New York, das er seit iyL>' Jahren bekleidet, im Einverständnis mit dem Vorstand niedergelegt, um eine neue Organisation für die Förderung des Judentums zu gründen. Er wird demnächst nach Palästina reisen und dort zwei Monate verweilen, um die dortigen Verhältnisse zu studieren. Die Ergebnisse seiner Studienreise will er dann bei seiner zukünftigen Arbeit in New York verwerten. In einem Interview

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