Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 7 (16.2.1912)
- Date
- 1912-02-16
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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212 Misrachi Hamburg. Herr Referendar Jacob Möller,Altona, sprach am (). Februar vor einer giltbesuchten öffentlichen Versammlung über das Thema: „Der Sammelruf im modernen Judentum und der A\israchi." Im Anschluß daran berichtete er über die in der letzten Sitzung des Misrachi-Zeutralkomitees gefaßten Beschlüsse, welche von großer Wichtigkeit für die Misrachi-Föderation sind. Namentlich hob der Redner die Bedeutungdes im Entstehen begriffenen K-olonialfonds hervor und sprach über die von diesem Monat ab erscheinende Ylisrachi-Parteipresse, welche vorläufig vom Zentralbureau ans redigiert wird. Für den Kolonialfonds wurde unter den Anwesenden sofort eine Sammlung eingeleitet, die ein sehr befriedigendes Resultat ergab, und auch für die Misraclüpresse meldeten sich bereits eine gröbere Anzahl Abonnenten. £ELT Nr. 7 auch die hervorragende Mitwirkung des Vereins an den Kultusgemeindewahlen (nahezu 90 °o der Vereinsmitglieder sind Kultuswähler), an der Schänkerdemonstration und an der großzügigen Aktion anläßlich des Blutbades von D r o h o b y c z. Die Neuwahlen hatten folgendes Ergebnis: Max Markus (Obmann), Ing. üroag (Schriftf.), Sigm. Stein (Kassierer), ferner Dr. Körner (Obmann-Stellvertreter) und die Herren Dr. Heinrich, I). Kehler, L. Klug, lng. Köppl, akademischer Maler L. K r e s t i n und J. Fl. W a 11 u c h. Die Versammlung, die bis nach Mitternacht währte, legte schließlich die nächsten Arbeiten dieses größten Wiener zionistischen Vereins fest. Der neue Obmann kündigte die bevorstehenden großen Agitationsabende an, für welche die hervorragenden Propagatoren unserer Idee, Gg. Kurt B 1 u m e n - t e 1 d (Berlin) und' Prof. Dr. Gh. Wei/mann (Manchester) gewonnen wurden. Brief aus Wien (Von unserem Berichterstatter.) Die diesjährige ordentliche Generalversammlung des zionistisch e n Z e n t r a lvcrcins (5. Februar 1Q12) w urde mit einem gründlichen und klaren Referate des Gg. Dr. Egon Z w e i g über die jüngsten K u 11 u s s t c u e r e r h ö h u n g e n eingeleitet. Dr. Zweig behandelte zunächst die Schäden des geltenden plutokratischen und reaktionären Kultusgemeindestatuts und der Wahlordnung, die wir bereits in der ,,Welt" (Nr. 2, 1912) näher behandelt haben und beleuchtete die krassesten Mängel des gegenwärtigen Verwaltungssystems. Es müsse zugegeben werden, daß die Erhöhung des Budgets unbedingt^nötig war. Wie aber der Referent ziffernmäßig ausrechnet,' wäre dieser Zweck viel besser durch Herabsetzung des St e u e r m i n i m u m s und E r w e i t e r u n g d e s Kreises d e r Z e n s i t e n zu erreichen gewesen. Aus Angst vor der zionistischen Opposition scheue die herrschende Strömung vor dieser vernünftigen und gerechten Maßnahme zu rück. Als F 1 o r i d s dort einverleibt wurde, ließ der Wiener KultLisvorstand lieber eine große Zahl der Floridsdorfer bisherigen Steuerträger aus der Steuerliste streichen, anstatt den in dieser Gemeinde eingeführten Minimalsteuersatz von 5 Kronen für ganz Wien einzuführen. An diese Ausführungen knüpfte sich eine lebhafte Debatte. Gg. Markus berichtete über die traurigen Erscheinungen, die er als .Mitglied der Bezirkskommission gemacht habe. Sie sei eine machtlose Steuervorschlagsmaschine ohne jedweden Einfluß. Gg. G e w itsch, der seinerzeit im Kultusvorstand saß, sprach dieser Körperschaft den sittlichen Ernst und das wahrhaft jüdische Empfinden ab. Gg. Ob.-lng. Stricker behandelt die krasse Tatsache, daß Kultusvorstand Gut m an n, der Eigentümer der Witkowitzer Eisenwerke, in diesem Riesenetablissement f a s t ü b e r h a u p t k e i n e J u d e n a n s t e 1 1 t. If n t e r 1400 W e r k s b e a m t e n befinden s i c h n u r 11 J u d e n! Angenagelt müsse insbesondere werden, daß sich die Taufjuden unter den Beamten b e s o n d e r e r P r o t e k t i o n e r f r e u e n , was Redner mit Namen und Daten belegt. Es gelangte hierauf folgende Resolution einstimmig zur Annahme: „Die Generalversammlung des zion. Zentralvereins verwahrt sich dagegen, daß der Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde Wien die nötige Sanierung der Gemeindefinanzen lediglich durch die schwere Belastung der bisheriger! Steuerträger anstrebt, statt die von der nationald e m o k r a t i s c h e n O p p o s i t i o n seit Jahren vertretenen wohlerwogenen Vorschläge zu berücksichtigen und insbesondere die breiten Massen durch Herabsetzung des obligatorischen S t e u e r m i n d e s t s a t z e s heranzuziehen. Die Versammlung gibt mit tiefstem Bedauern ihrer Ueberzeugung Ausdruck, daß diese einseitige Maßnahme des Kultusvorstandes nur v o n d e r u n r ü h m lieh e n Furo b t \' o r eine r 1) e m o k r a t i s i e r u n g d e s W a h 1 r e c Ii t s diktiert ist.41 Hierauf erstattete (ig. Dr. J. H. Körner, der bisherige Vereinsobmann, den Rechenschaftsbericht, der mit lebhaftem Beitall aufgenommen wurde. Die Mitgliederzahl hat sich im Berichtsjahre um 04 n.> erhöht. Aus der großen Zahl der Vorträge und Propagandaabende sind die eindrucksvollen Relerate der Gg. Daniel P asmani k (Genf), Dr. M o s s i n - s o h n (Jaffa) und des Mitgliedes unseres E. A. C. Dr. S. L.e w i n besonders hervorzuheben. Der Bericht erwähnt Aus Klein-Schilda Wer unbefangen der jüngsten öffentlichen Sitzung des Wiener israelitischen Kultusvorstandes beiwohnte, wähnte sich beinahe unter den Schildbürgern. Beinahe denn die Harmlosigkeit der guten Spießer von Schiida darf man unserem Vorstande nicht zubilligen. Aul der Tagesordnung stand als erster Punkt ,,S t a t ut e n - ä n d e r u n g" und da dem heutigen Regime bekanntlich eine große Opposition gegenübersteht, die weit über den Kreis der Zionisten hinausreicht, hat sich eine zahlreiche Zuhörerschaft eingefunden, um zu vernehmen, welche Aenderungen des gegenwärtigen Statuts, das an Rückständigkeit seinesgleichen nicht findet, der Kanal genehmigen wird. Da erhebt sich der kaiserliche Rat Kuffner und sagt: „Da, wie ich sehe, der verdienstvolle Kultusvorstand K o h n nicht anwesend ist, wird es nicht angehen, die Aenderung unserer Statuten zu beraten. Die Sache eilt ja nicht! Ich beantrage daher, diesen Punkt von der Tagesordnung a b /. u s e t z e n und die Angelegenheit der Statutenänderung erst zu behandeln, wenn Herr K o h n wieder u m i m Kollegium erscheint. Keiner der Ratsherren sperrt den Mund auf, kein einziger lacht ins Sacktuch hinein. Nur Kultusvorstand Dr. Schreiber, der die gemütliche Stille nicht begreifen kann, vergißt alle Raison und fährt also auf: „Wie kann man eine Angelegenheit, welche die Lebensbedin g u n g e n der Gemeinde betrifft, v e r t a g e n , weil ein Vorstandsmitglied nicht anwesend ist?! Dieser Antrag ist ein klägliches Arm utsze ug n i s für uns alle! Er erweckt den Eindruck, daß wir uns an die Sache nicht heran w agen aus Angst v o r d e r O p p o s i t i o n! Ich bin gegen die Vertagung!" Kultuspräsident Dr. S t e r n konstatiert jedoch in aller Ruhe, der Vertagungsantrag sei im Einverständnis mit de rn Präsidium gestellt worden — und jetzt begreift auch Dr. S c h r e i b e r das zustimmende Stillschweigen der Ratsherren .. Kultusvorstand Brod, der gern ein wenig Opposition spielt, läßt sich aut die Schäden des Statutes des näheren ein und wendet sich insbesondere gegen die häßliche Maßnahme, alle Steuerträger, die im Wahljahre bis zum Tage des Ablaufes der Reklamationsfrist die Steuer nicht entrichtet haben, vom Wahlrecht auszuschließen. Der Vorgänger Dr. Sterns, Heinrich Kl ing er, habe die strikte Befolgung dieses berüchtigten £ 2 der Wahlordnung einen Akt der Roheit genannt. Dr. S t e r n erklärt demgegenüber, Klinger sei sein Anverwandter gewesen, er hätte mit ihm intim verkehrt und niemals diese Aeußerung vernommen. Die Behauptung des Kultusrates Brod sei daher unwahr. Brod läßt sich ruhig Lügen strafen, entschuldigt sich rasch — er hätte die Sache von einem Dritten vernommen — und, um zu zeigen, wie brav und gefügig er ist, s t i m m t auch er für die Vertagung. (Dr. Schreiber ist sehr erstaunt, die Zuhörer nicht.) Dieser Punkt wird also mit allen Stimmen gegen die einzige Stimme Dr. Sehr e i b e r s von der Tagesordnung abgesetzt. Kurz nach dem löblichen Beschluß verläßt kaiserlicher Rat K u i f n e r den Beratungssaal. Er hat sein Tagewerk vollendet und an den weiteren dringlichen Angelegenheiten scheinbar kein Interesse. Wenn dieser Fall die jüdische Oeffentlichkeit nicht aufs tiefste erregt, dann verdienen die Wiener Juden das gegenwärtige Regiment.