Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 7 (16.2.1912)
- Date
- 1912-02-16
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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206 der jüdischen Religion zu „eng" war, denen es da zu gemütvoll, zu hingegeben, zu irrationell zuging. Oder mit noch anderen Worten: Die stärkste rationalistische U m - biegung des jüdischen G r u n d w e s e n s erfolgt überhaupt erst an der Geltungsgrenze jüdischen Wesens, — dort, wo die Auflösung zu w i r k e n beginnt. Am deutlichsten zeigt sich dies auf intellektuellem Gebiete. Von allen Bedenken wegen des Rationalismus der Juden ist keines so berechtigt, als dasjenige, das sich gegen die jüdischen Intelligenzler richtet. Allerdings gleich mit einer großen Einschränkung: Insofern, als zu jeder Zeit und in jedem Volke die Intelligenz es ist, die zu wenig geistige Kraft hat, um über die Offenbarungen einer primitiven Geistigkeit hinauszukommen, und zu viel geistigen Hochmut, um das Volk als Reservoir konkreter Gefühls- und Gedankenmächte zu verstehen; die also durch ihr innerstes Wesen berufen ist, den rationalisierenden, verflachenden, vergeistelndcn Faktor des Volkslebens abzugeben. Nur daß diese allgemeine Physiognomie der Intelligenz bei den Juden doppelt kraß ist. Von Unehrlichkeiten und Strebereien einzelner ist dabei nicht die Rede — sie zu verallgemeinern ist Demagogie —, sondern gerade vom ehrlichen, oft sogar opferwilligen, bewußten oder unbewußten Rationalismus. Da gehört wirklich oft ein gutes Stück Gleichmut dazu, um die hypergescheite, geistesprotzige, auf alle Tiefen des Menschen- und Weltenlebens hochmütig verzichtende, allwissendtuende und dabei so heillos unfruchtbare Art so vieler jüdischer Intelligenzler, im Westen sowohl, wie im Osten, zu ertragen. Aber ist denn das Judentum für seine Intelligenz so verantwortlich, wie irgend ein anderes Volk für die seinige? Während bei anderen Völkern die Intelligenz trotz ihrer kastenartigen Absonderung und trotz ihres Typus der Lebensverkümmenmg doch, noch organisch mit dem Volke zusammenhängt, ist das ja bei den heutigen Juden ganz anders. Durch geschichtliche Entwicklungen, die hier nicht in Rede stehen, Nr. 7 ist sie von den Massen des Volkes abgedrängt worden. Im Westen ist die Abdrängung auch eine räumliche. Hier haben sie zu Hause überhaupt nichts, was einer Volksmasse gleichkäme. Hier sind alle Juden intelligentisch beeinflußt und verfärbt. Im Osten aber ist die Abdrängung trotz des räumlichen Zusammenlebens nicht minder stark, sind die jüdischen Intelligenzler dem jüdischen Volke in Sprache, Lebensgewohnheiten und Weltanschauung völlig entfremdet. Diese eigentümliche Stellung der jüdischen Intelligenz sozusagen außerhalb ihres Volkes benimmt ihrer eigenen Klage über den Rationalismus ihres Volkes alle Beweiskraft. Denn sie kennt es ja ebensowenig, wie die nichtjüdischen Kritiker es kennen, hat ebensowenig wie diese die Gelegenheit und die geistigen Fühlfäden, um sein Wesen kontrollieren und kritisieren zu können, schließt offenbar von sich auf das Volk. Dieses 'merkwürdige Verhältnis, oder besser, dieser Mangel eines Verhältnisses zwischen Volk und Intelligenz, legt aber auch den schon oben angedeuteten Gedanken nahe, daß wir den Rationalismus der Intelligenz selbst zum größten Teile als eine Folge ihrer Sonderentwicklung, als ihr Eigengewächs anzusehen haben. Und darum noch einmal: Was kann das Judentum, seine Rasse, seine Religion, seine Grundanlage, für die Beschaffenheit dieser ihm Entfremdeten, dieser mit seinem eigenen Geiste in Widerspruch Gekommenen? Wie kann man es dafür verantwortlich machen, daß diese Leute, auf ihrem Wege vom Judentum weg, nicht zurückwollen oder können oder noch nicht ans andere Uefer gelangt sind, und, ein Spielzeug der Wellen, ohne Bindung, ohne Verankerung, auf dem Ozean des Völkerlebens herumtreiben? Unsere nichtjüdischen Kritiker aber glauben das ganze Volk zu kennen, weil sie mit ein paar Intelligenzlern zusammengekommen sind und mit den aus diesen Bekanntschaften mitgebrachten Vorurteilen an die jüdischen LJeberlieferungen herangetreten sind. Sie wissen gar nicht, daß sie von derselben inkompetenten Quelle bedient sind, die sich auch selber mit Judenkritik bedient: Von der jüdischen Intelligenz. DIEE^ELT Georg Brandes Von Sch. Garelik. Georg Brandes feierte dieser Tage seinen siebzigsten Geburtstag. Die skandinavische Presse ebenso wie die bedeutendsten Blätter des übrigen Europa widmeten dem berühmten dänischen Kritiker große Artikel. Der König verlieh ihm einen Orden. Man hielt an mehreren Orten Vorlesungen! über ihn. Trotzdem hat man allgemein das Gefühl, daß der Jubeltag ziemlich kühl verlaufen ist, daß es an Enthusiasmus gefehlt hat. Man wollte offenbar nur eine Pflicht erfüllen, dem Manne, der so viel gearbeitet hat, den ihm gebührenden Dank abstatten. Es wird auch erzählt, daß Brandes für die Jubiläumszeit nach Frankreich gefahren sei. Er hatte nicht Lust, Zeuge des mühseligen Festes zu werden, durch das man ihn, den lange schon aus den Herzen Verbannten, ehren wollte. Brandes war für die Skandinavier eigentlich so eine Art Cicerone, der den Weg zu den Pyramiden weist. Das ist natürlich eine sehr ephemere Rolle: An die Pyramiden erinnert man sich immer, den Führer vergißt man . . . Höchstens anerkennt man seine Verdienste und verleiht ihm einen Orden mit einem großen Brillanten daran. Brandes hat sein ganzes Leben lang die Skandinavier zu den Pyramiden des Menschengedankens geführt. Ein Vermittler war er im schönsten Sinne, nicht ein gleichgültiger, der selbst kalt blieb, sondern einer, der sich selber für die Werte begeistern konnte, die er den kleinen, su interessanten Ländern vorführte. Aber doch nur ein Vermittler. Skandinavien ist durch ihn mit der großen Welt bekannt geworden; dann wurde es, wie das einmal so Brauch ist, dem Wegweiser gegenüber kühl. Und schließlich ereignete sich das Natürliche: die Pyramiden blieben und der Cicerone ward einsam und vergessen . . . Die Gezwungenheit und Kälte, mit der man das Brandesjubiläum beging, tritt besonders scharf hervor, wenn man es mit dem Strindberg-Fest vergleicht. Strindberg, der sein ganzes Leben lang einsam war, der sich selbst in sein Schloß der Menschenfeindschaft zurückzog, hat jetzt, in seinem zweiundsechzigsten Lebensjahre, aller Herzen gewonnen. Ganz Skandinavien — namentlich Schweden, Stockholm — bat ihn um Verzeihung, suchte nach immer neuen Liebesbeweiseu für ihn. Und als der Fackelzug an seinem Hause vorüberging, entschloß sich Strindberg, auf den Balkon zu treten und zu verzeihen .... Brandes dagegen, der während seines ganzen Lebens Anhänger hatte, niemals allein stand wie Strindberg, hat erst an seinem 70. Geburtstags fest die bittere Einsamkeil zu fühlen bekommen. Nicht die Einsamkeit des Titanen, sondern die Einsamkeit desjenigen, dessen Hilfe niemand mehr braucht. Aus allen den Jubiläumsartikeln höre ich immer wieder denselben Ton heraus: Brav und viel gearbeitet, lieber Brandes. Jetzt ruh' dich aus. Den Weg zu den Pyramiden finden wir schon allein . . . ,