Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 7 (16.2.1912)
- Date
- 1912-02-16
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 7 hindurch in der Welt sich umsah. Dadurch wurde natürlich sein Blick ein geistig und sittlich bedingter. Aber diese Bedingung selbst war die genialste menschliche Neuerung, die sich denken Iii fit, der gewaltigste bis dahin getane Schritt des Menschen in seinem Kampfe gegen die äußere Natur, und im Grunde der wirksamste, um sich der Allnatur fühlend einzuverleiben. Dieses ewige Gefühl des Gesetzes in sich, dies grandiose „Du sollst"' in der eigenen Brust, dieser bedingende absolute Geist störte nicht die Freude an der Welt, die Hingabe an sie, er minderte nicht die Entzückungen und Verzückungen des menschlichen Herzens, sondern durchleuchtete nur alle diese Gefühle mit einem weißen adeligen Lichte, für das die anderen Völker keinen Weg zur Erde fanden. Er raubte auch eigentlich nicht die Unmittelbarkeit, sondern bettete sie nur in andere Leuchtmasse. Nun ist es ja nichts Neues, daß sich irgendeine Wesensmethode, soferne und sobald sie in einen anderen Tatsachenwirbel gerät, auf eine andere Bahn abdrängen läßt, ohne die ursprüngliche Note zu verlieren. Hierher gehört, wenn man will, auch die Erscheinung, wonach zwei Brüder, von denen der eine schön, der andere häßlich ist, oder der eine fein, der andere derb aussieht, doch deutlich dieselbe Familienphysiognomie tragen. Ebenso können wir bei den Völkern konstatieren, daß sie ihr Wesen in einer ganzen Skala von höchster Erhabenheit bis zu tiefster Kleinlichkeit zum Ausdruck bringen. So z. B. das deutsche Volk als Pflichterfüllung ebenso wie als Philistertum. Warum will mau nun das jüdische Wesen, dessen Gipfelpunkt der absolute Geist der Prophetie ist, dafür schelten, daß es sich gelegentlich in seiner Methode von gewissen Voraussetzungen auf Abwege drängen läßt? Freilich pflegt man sich dabei selber zu widersprechen, indem man gewisse Zeiten herausgreift und als Tiefstände der jüdischen Wesensmisere erklärt. Wobei dann verschiedene Uebertreibungen und Ungerechtigkeiten mitzulaufen pflegen. So namentlich gegenüber dem Talmud, den man als eine Art Reinkultur des jüdischen Rationalismus hinstellt. Nun haben die Talmudisten sicherlich nicht den Ideenschwung der Pro* pheten, sind insofern kaum ihre Epigonen. Und sie passen die Ewigkeit den Bedürfnissen der Zeit an, versinnlichen die Idee des absoluten Geistes durch ein Lebenssystem. Aber dieses ihr Lebenssystetn hat eben einen grandiosen Hintergrund 'und ist von gewaltiger Konzeption. Man kann es auch nicht rationalistisch nennen. Denn alle die Worte, Gesetze, Regeln, aus denen der Talmud sich zusammensetzt, sind von lebendigem Geist, von einer heißen Leidenschaft für Gott erfüllt, das große jüdische Pathos lebt sich in ihnen aus. Allerdings, Nichtjuden nach Blut, Erziehung oder Milieu sehen nur die dialektisch-scholastische Außenseite des Talmud, die tiefen Stimmungen und Inbrünste der Talmudlehrer können sie nicht erkennen. Sie sehen den Talmud nicht als das, was er ist, als eine religiöse Organisationstat, wie sie gewaltiger in der Geschichte wohl ein zweites Mal nicht vorkommt. Es ist ja wahr, daß nach Abschluß des Talmuds das Judentum sich immer mehr und mehr in ihm verspann, so/ daß es zuletzt in diesem Gespinste saß und zum größten Teile noch sitzt, wie in einem Zauberschloß. Allein diese Abschließung war im Grunde nur als stolze Separierung von den andern Völkern und ihrer rein sinnlichen Weltanschauung gedacht, und nicht, wenigstens nicht der Hauptsache nach, als Abfall vom Leben, von der Welt. Gewiß haben Jahrhunderte der unbedingtesten Hingebung an das Gesetz und seine Auslegung das ursprüngliche jüdische Wesen, das Gott vor die Sinne schiebt, um die Welt reiner zu sehen, an mancher Ecke rationalistisch umgebogen. Aber das jüdische 205 Volk rationalisiert haben sie denn doch nicht. Weiter diente es einem lebendigen Gotte, weiter herrschte eine tiefe Innerlichkeit in seinen Bet- und Lehrhäusern, weiter lebte es in einer Atmosphäre von Gemüt, Enthusiasmus und Poesie. Und vielleicht ist die Behauptung nicht zu gewagt, daß es in dieser Beziehung der mittelalterlichen und der jetzigen europäischen Menschheit zumindest nicht nachstand. Warum übersieht man übrigens so gerne, daß im jüdischen Volk, - ganz wie bei anderen Völkern, --- ein ewiger Kampf um die höheren Formen seiner Wesensmethode auf- und nietlerwogt? Daß immer wieder Männer auftreten, die von heiliger Unzufriedenheit erfüllt, wieder zu den höchsten Rängen der Religiosität, zu. jenem absoluten Geiste empor wollen, der sich nicht wie eine dunkle Wolke, sondern wie ein weißes, strahlendes Lieht /.wischen Welt und Sinne schiebt? Was wäre z. B. das Auftreten des Chassidismus anderes, als ein solches Wollen, als ein Beweis für die Unbesiegbarkeit jener Kraft in Israel, die, trotz ihrer leichtern Ablenkungsfähigkeit zum Rationalismus hin, doch in tiefem, inhaltlichen Gegensatz zu ihm steht? Was nun aber den übrigens von Sombart übertriebenen Anteil der Juden an der Entwicklung des Kapitalismus betrifft, so ist es klar, daß er nur durch rationalistische Funktionen der jüdischen Volkspsyche möglich wurde. Allein, es sind eben nur Funktionen, nicht dominierendes Grundgesetz der Seele, Funktionen, die sich bei allen Völkern einstellen, wenn sie an die kapitalistische Maschinerie oder auch mir an das Geschäfts'ebcu geraten. Handelt sichs doch da tun Finge, die nur mit dem rationalistischen Element der menschlichen Seele gemacht werden können. Und auch daraus, daß eine Reihe kapitalistischer Positionen von Juden früher besetzt waren, als von andern, läßt sich noch lange nicht auf eine stärkere rationalistische Cirundanlage. der Juden schließen. Vielmehr müßte erst auch noch bewiesen werden, daß die andern Völker den Kapitalismus überhaupt nicht so vollkommen treffen, wie die Juden, ein Beweis, der an den Anglo-Amcrikanern, Deutschen und Franzosen kläglich scheitert. Es bleibt also wirklich nichts anderes übrig, als anzunehmen, daß eine Portion Rationalismus, zumindest soviel als zum Kapitalismus benötigt wird, von Haus vielen Nationen eigen ist, und bei den Juden nur deshalb früher in die Erscheinung trat, weil sich die Gelegenheit für sie früher ergab. Solche Gelegenheiten sind das höhere Kulturalter und die Verstreuimg zwischen den anderen Völkern. Und mau kann, ohne das jüdische Wesenskonto zu belasten, auch die wahre Wesensanlage der Juden, insofern sie eben umbiegen kann — diesen Gelegenheiten zuzählen. Ja, w ir können sogar zugeben, daß sich allen diesen Gelegenheiten in der nachtalmudischen Zeit auch von der Seite des religiösen Lebens her ein gewisses Plus von Rationalismus gesellte, ohne deshalb unserem Standpunkte etwas vergeben zu müssen. Es bleibt dann noch immer ein großes Stück Willkür, dem jüdischen Volke eine, es vor allen anderen Völkern kennzeichnende rationalistische Wesensanlage zuzuschreiben, besonders aber seine Religion daraus zu erklären und jüdische Religion und Kapitalismus psychisch zu parallelisieren. Es ist übrigens gerade mit Bezug auf diese Parallelisierung interessant zu bemerken, daß das Gros der Judenh-eit, -- wie noch heute im Osten stets dem Kleinhandwerke und Kleinhandel ergeben war und nur jene Elemente zum Leihgeschäfte, Bankgeschäfte, Großbetrieb, zu kapitalistischen Unternehmungen griffen, die sich bald darauf als die Kandidaten der national-religiösen Ermattung, der weltmännischen Aufgeklärtheit, des offenen oder versteckten Abfalles entpuppen sollten. Anders ausgedrückt heißt das, daß nur jene in die kapitalistische Welt eintraten, für deren rationalistische Instinkte der Rahmen NEBELT