Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 7 (16.2.1912)
- Date
- 1912-02-16
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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204 blE^ELT Hr. 7 vollständigerrungen. Seine niedrige, denunziatorische Handlungsweise hat Nahum die letzten Sympathien — von der Clique um ihn abgesehen natürlich — entfremdet. Das Volk bleibt bei seinem Abgang gleichgültig; aus keiner Gemeinde des ganzen Reiches ist ihm irgendein Zeichen des Bedauerns zugegangen. Die Rabbiner stehen anscheinend auf des Medschliss dschismani Seite. Ja, selbst der Medschliss Umumi, den Nahums Anhänger so gern zur Verurteilung des Dschismani aufrufen möchten, aber bislang nicht konnten, weil ihnen die legale Basis hierzu fehlte, kann, falls er doch früher oder später einberufen wird, sehr wohl eine Majorität f ü r das Konsistorium ergeben, obwohl die Bigart-Clique in ihm stark ist. Die Entscheidung liegt einstweilen beim Justizminisier Memduh Bej. Da dieser aber als ein höchst gerechter Mann bekannt ist, so darf man mit Ruhe sein Votum erwarten. Es ist kaum anzunehmen, daß es so ausfallen könnte, daß Nahum noch jetzt eine Rückkehr auf seinen Posten möglich wird. Judentum und Rationalismus Von Mathias Acher Der alte Judenhaß kam fast ohne Theorien aus. Der Antisemitismus dagegen führte sich sofort theoretisch ein. Bekanntlich waren es Rassentheorien, auf die er sich stützte. Renan und Dühring machten sich die Sache noch einigermaßen leicht: Arier die originalen Schöpfermenschen, Semiten die Imitatoren und Nachempfinder. Allmählich aber stellte sich offenbar ein Bedürfnis nach mehr Vertiefung heraus. Dabei geriet die Rassenbasis ein ganz klein wenig ins Schwanken und die erzieherische Wirksamkeit historischer Voraussetzungen mehr in den Vordergrund. Man suchte die Schlechtigkeit der Juden aus einer Grundeigenschaft ihrer Seele zu begreifen. Und es handelte sich darum, diese Grundeigenschaft kennen zu lernen. Auf dieser Suche sind nun die neueren Theoretiker der Judenseele übereinstimmend auf denselben bestimmenden Faktor gestoßen. Sowohl Charnberlain, als der jüdische Judenhasser Weininger, als auch Sombart sehen, ob sie es nun auch verschieden ausdrücken und weiter verwerten, als den Hauptgrundzug jüdischen Wesens die Vorherrschaft der Geistigkeit im Sinne der Naturwidrigkeit, des Verstandes, des Rechenmäßigen an. Ja, gerade Sombart hat diese Anschauung am kräftigsten und konsequentesten durchgeführt. Bekanntermaßen schreibt er den Juden den Hauptanteil an der Entwicklung des modernen Kapitalismus zu, sieht als eine der Hauptursachen ihrer Fähigkeit zu dieser Leistung die Rationalisierung ihres Lebens durch die jüdische Religion an, weist nach, daß in der jüdischen Religion dieselben Gesetze walten wie im Kapitalismus, und führt beide, jüdische Religion und Kapitalismus, auf eine jüdische Uranlage zurück. Angesichts so vieler übereinstimmender Urteile wird Selbstprüfung dringend — um so dringender, als es ja in unserem eigenen jüdischen Lager nicht an Leuten fehlt, die mit der jüdischen Psyche nach der angedeuteten Richtung nicht zufrieden sind. Da sind zunächst diejenigen, die damit ihre Absage an das Judentum rechtfertigen möchten. So mißtrauisch man auch gegen sie sein soll, bei streng wissenschaftlichem Vorgehen wird man sie nicht übersehen dürfen. Kann ja auch in ihrer Rede noch ein Restlein herübergewehter Echtheit Vorhanden sein, nach dem es sich zu forschen lohnt. Dann aber gibt es noch Andere, Bessere, die an der Unzufriedenheit mit ihrem Judentum wirklich leiden, die Nationalen. Gerade bei ihnen begegnen wir von allem Anfang an der stärksten Abneigung gegen die angeblich rein verstandesmäßige Physiognomie der Judenheit. Ja, diese Abneigung kennzeichnet im Grunde den ganzen Typus. Man mag den Talmud nicht. Man sieht die jüdische Intellektualität mit scheelem Auge an, man haßt das Händlerschicksal der Juden. Natürlich sagt man das alles nicht zu offen heraus. Aber zuweilen wird die Sprache ganz eindeutig. So war z. B. erst jüngst in einem jüdischen Blatte der Artikel eines namhaften nationalistischen Schriftstellers (von der äußersten Linken in Fragen der Weltanschauung) zu lesen, der sich mit einer noch nie dagewesenen Schärfe und Deutlichkeit gegen das Judentum, wie es ist und geworden ist, wandte. Gewiß unterscheiden sich speziell diese Nationalen von Charnberlain und Sombart durch den theoretisch wichtigen Umstand, daß sie die ewige Gegebenheit des rationalistischen Charakters der Juden nicht anerkennen. Aber es läßt sich doch nicht leugnen, daß, abgesehen von diesem Unterschiede, die ganze Intelligenz unseres Volkes offen oder im Geheimen den meisten und für unsere Bewertung, so wie wir nun einmal sind, bedenklichsten Anschauungen der genannten Theoretiker beipflichten. Und das ist eine Tatsache von solcher Wucht, daß wir uns unbedingt mit ihr auseinandersetzen müssen. Wir müssen uns klar werden, was sie für uns bedeutet: ob sie ein Argument mehr ist in der Argumenterv kette derer, die unsere Inferiorität behaupten. Oder ob sie vielleicht nur beweist, daß unsere Intelligenzler (und Intellektuellen) ihre Stimmungen und Einsichten aus derselben Fehlerquelle beziehen wie unsere nichtjüdischen Rassenkritiker. An diesen selbst fällt uns zunächst auf, daß sie ihre Beweise, soweit sie sich auf die heutige Judenheit beziehen, lediglich aus dem Westen erbringen. Speziell fällt auch Sombart durch verblüffende Unkenntnis der Juden des Ostens auf. Er hat nicht einmal von ihren wirtschaftlichen Venhältnissen eine ordentliche Vorstellung, übersieht die augenscheinliche Verschiedenheit ihrer ökonomischen Veranlagung, und von der Eigenheit und der selbständigen Problemstellung ihres nationalen Wesens hat er schon gar keine Ahnung. Er könnte sie wohl auch kaum haben, wenn er auch wollte. So fremd sind ihm diese Leute. Aber versuchen hätte er es doch müssen. Er zieht dafür lieber Bibel und Talmud zu 'Rate, denen er in erster Linie den Rechtstitel zur Kon*- statierung des jüdischen Rationalismus entnimmt. Wie nun aber, wenn die jüdischen Massen anders leben, als sie nach seinem Bibel- und Talmud-Rezept leben müßten, wenn sie ihrer überwiegenden Mehrheit nach ein Volk vorstellen, in dem religiöse Inbrunst, Naturnähe und Primitivität des ökonomischen Sinnes zu Hause sind? Da sollte man doch meinen, daß gelebte Bücher über ihren Inhalt einen ganz anderen Aufschluß geben als gelesene? Ganz abgesehen davon, daß sie nicht so gelesen sind wie sie sollten. Denn anders liest der Fremde, noch obendrein mit Vorurteilen erblich Belastete, in Uebersetzungen, als derjenige, der in den Büchern seiner Kultur heimisch ist. Gewiß weist das jüdische Volk schon seit den urältesten Zeiten einen anfangs nur angedeuteten, dann immer mehr sich verdichtenden Unterschied des Wesens gegenüber allen anderen Völkern auf. Und es soll gar nicht geleugnet, will vielmehr mit Stolz unterstrichen werden, daß dieser Unterschied darin lag, daß es zwischen seine Sinne und die Welt den absoluten Geist einschob und nur durch diesen Geist