Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 7 (16.2.1912)
- Date
- 1912-02-16
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 7 blE^ELT 203 hielt der Medschliss seine Sitzung ab und bekräftigte mit Entschiedenheit die Gesetzlichkeit und Gültigkeit der Aschkenasim-Konvention, ohne sich zur Demission zu äußern. Er forderte einfach Rabbi Nahum in einem Schreiben auf, in der folgenden Sitzung des Medschliss, am Sonntag, den 4. Februar, zu erscheinen, um seinen Standpunkt bezüglich der Konvention darzulegen. Am 3. Februar morgens meldete „La Liberte", den Vorgang fälschend, im Namen Nahums, daß der Medschliss ihn um Zurückziehung der Demission gebeten habe. Auch das Korps der Rabbiner habe ihn zu bleiben gebeten. Sein Entschluß sei aber unwiderruflich. Den 4. Februar brachte „L'Aurore" eine glänzende Darstellung der wahren psychologischen Ursachen des Rücktrittes des Großrabbiners. Als am Nachmittage dieses Tages der Medschliss zusammentrat, war Rabbi Nahum nicht erschienen, dafür aber fand der Medschliss einen Zettel ohne Datum, Stempel und Unterschrift vor, auf dem mitgeteilt wurde, daß „die ganze Angelegenheit der Regierung übergeben" sei und daß man es daher für unnötig halte, in der Sitzung zu erscheinen. Hierauf faßte der Medschliss dschismani den einstimmigen Beschluß, die Demission Rabbi Nahums anzunehmen. Erst den 5. Februar denn die Mitteilung Nahums an den Medschliss entsprach nicht den Tatsachen — reichte der Ex-Großrabbiner seine Demission bei der Regierung ein. Am gleichen Tage, nachmittags, versam/melten sich der Medschliss dschismani (Laienrat) und das Bet-Din (die Exekutive des Geistlichen Rates) dem Gesetze gemäß gemeinsam, um einen Ka'iinakam (Großrabbiner-Stellvertreter) zu wählen. Die Versammlung fand jedoch bei ihrem Erscheinen einen Regierungsbescheid an Nahum vor, der sie veranlaßte, den Wahlakt zu vertagen. Dieses Teskere brachte die unglaubliche Tatsache ans Licht, daß Nahum den Medschliss bei der Regierung ganz einfach denunziert hatte, „Dinge begangen zu haben, die den Staatsgesetzen und dem Willen Seiner Kaiserlichen Majestät zuwiderlaufen4'. Der Minister machte nun in seinem Bescheide dem Großrabbiner Vorwürfe darüber, daß er, anstatt die angeblichen Ungesetzlichkeiten abzustellen, es vorgezogen habe, seine Demission zu geben, und verlangte von ihm ausreichende Erklärungen hierfür, bevor er seinen Posten verlasse. ,,La Libertc" vom 6. Februar verkündigte triumphierend, unter glatter Fälschung des Sinnes des Regierungsbescheides, der Minister habe die Demission Nahums nicht angenommen und habe dem Medschliss dschismani einen Tadel erteilt. „L'Aurore", desselben Tages, teilt den genauen Text des Regierungsbescheides mit und setzt ihre Enthüllungen über die wahren Ursachen und die Vorwände der Demission fort. ,,E1 judio" kennzeichnet die Handlungsweise Nahums bei der Regierung in kühner und aufsehenerregender Weise. „El Tiempo'* greift den Medschliss an, mit Gemeindegeldern Mißbrauch getrieben zu haben. Am gleichen Tage werden von der Nahumpartei Versuche gemacht, den Medschliss zur Demission zu veranlassen, indem man seine Mitglieder zu entzweien versucht und mit Bedrohungen und Versprechungen arbeitet. Am 7. Februar unternimmt der Medschliss dschismani einen neuen und letzten Versuch, die Krise auf gütlichem Wege zu beseitigen. Er sendet zwei Mitglieder zu Nahum, um ihm die Zurücknahme seiner Demission und neue gemeinsame Diskussion der Aschkenasim-Konvention in der Freitagsitzung vorzuschlagen. Nahum verlangt Bedenkzeit bis nächsten Morgen S1/? Uhr. Als die Delegierten ihn nach Ablauf der Frist aufsuchen, pachte er folgende Gegenvorschläge: der Medschliss solle die Konvention für null und nichtig erklären und zweitens schriftlich versprechen, sich künftig das Gesetz zur Richtschnur zu%nehmen. Diese Bedingungen bezeichnet die Delegation als entwürdigend und unannehmbar, die Verhandlungen werden endgültig abgebrochen. Am 8. Februar wird bekannt, daß die Nahumpartei die ganze Angelegenheit in Regierungskreisen als eine Intrige des Deutschtums dargestellt habe, die griechische Zeitung „Proodos" entwickelt sie in diesem Sinne als hochpolitischen Kampf zwischen der deutschen und französischen Einfluß-Sphäre. Freitag, den 9. Februar, hält der Medschliss seine Sitzung. Es herrscht die frühere Entschlossenheit und Einstimmigkeit. Er billigt die Haltung seiner Delegierten und beschließt, nun ohne Rücksicht die Ersetzung Rabbi Nahums durchzuführen. Er faßt infolgedessen einen Takrir an die Regierung ab, der um schleunigere Beendigung der Krise und vor allem um die Erlaubnis ersucht, nunmehr zur Wahl des Kai'makams schreiten zu können. Am gleichen Tage erläßt der Medschliss dschismani ein Communique an die Mitglieder der Nationalversammlung, das sie verwarnt, irgendwelcher Einladung zu einer Sitzung derselben Folge zu leisten, da niemand anders als der Dschismani das Recht habe, sie einzuberufen. Am 10. Februar übermittelt eine Delegation des Medschliss seinen Takrir dem Justiz- und Kultusminister Memduh Bej. Bis dahin sind die Dinge gediehen. Es kann sich nun nur noch um wenige Tage bis zur endgültigen Entscheidung handeln. Die Ursachen Es wird immer klarer, daß es sich um einen Bluff, um eine große Komödie handelt, aufgeführt, um den Medschliss dschismani an die Luft zu setzen. Es hat viel Wahrscheinlichkeit für sich, und manches deutet darauf hin, daß die Order zum Anzünden der Mine in Paris gegeben wurde. Es dürfte sich um einen Versuch handeln, den großen Kampf, der augenblicklich in Europa innerhalb der Alliance Israelite Universelle zwischen Berlin und Paris im Gange ist, hier im Orient zur Entscheidung zu bringen. Schon einmal, bei Gelegenheit der Erneuerungswahlen zum Zentralkomitee, war ja hier die ausschlaggebende Wühlarbeit verrichtet worden, es ist bekannt, mit welchem Erfolge. Diesmal sollte durch einen starken Coup die Herrschaft des Herrn Bigart im türkischen Orient endgültig befestigt werden. Wenn es wirklich gelang, dieses Konsistorium zu stürzen und die Clique der Bigartschen Vertrauensmänner ans Ruder zu bringen, so konnte man dann wohl, wie in Paris die Alliance-Statuten, so hier das Organische Statut der jüdischen Nation in der Türkei, das „Chacham-Chane-Nisam-Namesi" in einer Weise reformieren, die künftighin jeden Versuch zu einer Demokratisierung, Nationalisierung und Ottomanisierung des jüdischen Gemeinde- und besonders seines Schulwesens unmöglich machen würde. Die Verwirklichung der beiden großen Projekte des gegenwärtigen Medschliss dschismani, der Einführung des allgemeinen nationalen Programm es für die jüdischen Volksschulen und der Gründung des nationalen Rabbiner- und Lehrerseminars, schien in allzu bedrohliche Nähe gerückt; man hielt es für an der Zeit, sie mit einem kühnen Schlage zu zerschmettern, Ein anderes Moment, das zu der Haupt- und Staatsaktion mit Veranlassung gegeben hat, ist die Frage der Wahlen zum Parlamente, und auch hier spielen die Interessen der Alliance eine Rolle. ... ■' Die Aussichten Es ist unmöglich, hier Bestimmtes, auch nur für vierundzwanzig Stunden, vorauszuprophezeien. Es ist aber gute Aussicht vorhanden, daß die Krise bald mit einem S»iege des Medschliss dschismani endigt. Moralisch hat ihn dieser bereits