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Die Welt · 1912-02-16 · 7 (16.2.1912) · page 4

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Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
7 (16.2.1912)
Date
1912-02-16
Page
– (sequence 4)
Language
German
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202 Dr. Leon Reich: (icehrte Redaktion! In hotlicher Beantwortung1 Ihrer „Rundfrage44 gestatte ich mir, folgendes zu bemerken: Ad 1. Die ökonomische und moralische Judennot, die Unmöglichkeit, in der Fremde ein normales Wirtschaftssystem zu entwickeln, wie die Unmöglichkeit, sich kulturell auszuleben, waren seit jeher die Grundsteine zur theoretischen Fundanientierung des Zionismus. An diesen Grundsteinen ist auch bis heute nichts geändert, ja nicht einmal gerüttelt worden. Verschiebungen jedoch sind im Laufe der Zeit eingetreten in bezug auf die Methode des Ausbaues des zionistischen Werkes, und verwischt haben sich die Begriffe in bezug auf die endgültige Form dieses Werkes. Verschoben haben sich die Begriffe insofern, als diejenigen Faktoren, die zur Zeit Herzls als das allerwichtigste Instrument für die Realisierung des Zionismus galten, ich meine: die diplomatische Tätigkeit in der Türkei und das Appellieren an die .Machte und Völker Europas, heutzutage nur von wenigen Führern der Bewegung an erste Stelle gesetzt, von manchen dagegen verpönt, von der Mehrheit wieder platonisch der sogenannten praktischen Tätigkeit gleichgestellt und in Wirklichkeit derselben untergeordnet werden. - Eine Verwischung und Verdunkelung, vor allem jedoch eine Einschränkung, erlitt die Konzeption betreffend das Endergebnis des Zionismus, das wir auch deswegen nicht mehr in klaren Umrissen ^.u durchblicken und nicht mehr in einem knappen Schlagworte auszudrücken vermögen. Als Herzl sich gedrängt fühlte, zum ersten Male - noch außerhalb des Zionismus stellend der Oeffentlichkeit sein Credo der jüdischen Freiheit zu offenbaren, da predigte er rückhaltlos den „Judenstaat''. Das Baseler Programm stieg von dieser anspruchsvollen Höhe zu einer „öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte" herab, und nachher begnügte man sich mit einem „Charter". Indes will der Zionismus von heute — nach der Auffassung der meisten --- bereits sich mit einer „Autonomie" zufrieden geben; und auch in dieser Richtung herrscht insofern Unklarheit, als die einen diese Autonomie in einer durchweg politischen Selbständigkeit — wenn auch unter gewissen obrigkeitlichen Einschränkungen — konzentriert haben möchten, während die Bescheideneren all ihre „autonoinistische" Sehnsucht bloß zu einem kulturelln a t i o n a 1 e n Selbstbestiinmungsrecht zusammenschrauben. Ob alle diese Aenderungen und Verschiebungen wesentliche Teile des Zionismus berühren, kann trotz der Wichtigkeit dieses Meinungsumschwunges dennoch schwerlich bejaht werden. Denn wesentlich für das Gedeihen unserer Idee ist doch einzig und allein der W i I 1 e , das dolus durch Nr.? das Heimatland zu ersetzen. Und so lange wir unser Streben auf der Höhe dieses Willens erhalten, kann die Verschiedenheit unserer Taktik und unserer Betrachtungen über den Effekt der Bewegung deren Lauf — je nach individueller Anschauung verlangsamen oder beschleunigen; das Wesen des Zionismus wird dadurch nicht beeinträchtigt. Ad 2. Zwei Aufgaben bezüglich der Palästinaarbeit betrachte ich als die wichtigsten für die nächste Zukunft. In erster Reihe: die Regelung der Emigrationsfrage — in Palästina selbst. Wir sind noch immer Zeugen einer ursprünglichen oder einer Rückeinigration aus Palästina. Diese Erscheinung hat ihren Grund darin, daß wir nicht genügenden Absatz für die arbeitswilligen jüdischen Hände in Palästina finden, und auch darin, daß wir kein Institut besitzen, das den Ankömmlingen, welche häufig sogar eine kleine Habe mitbringen, an die Hand geht, um ihnen möglichst rasch eine ihnen und ihren üeklmittcln angemessene Beschäftigung oder Eigentumserwerbung anzuweisen. Das Palästinaamt, von so vielfachen Aufgaben überbürdet, kann solche Hilfeleistung nur sozusagen nebenbei darbieten, und der Mangel an sofortigem Beistand ist es eben, der den Eingewanderten nicht selten nach Verlust des mitgebrachten Groschens — zur peinlichen Rückkehr drängt. Die Erweiterung der Erwerbsmöglichkeit im Lande durch Unterstützung von industriellen Unternehmungen und Ausdehnung des Absatzgebietes nach den überseeischen Staaten (wie es mit den Erzeugnissen des Bezalel der Fall ist), sowie Gründung von Kauf- und Erwerbsvermittlungsbureaus wären imstande, die einheimischen oder zugewanderten jüdischen Elemente nicht nur vom Standpunkte des Gefühles, sondern auch vom Standpunkte des alltäglichen Lebens mit Palästina zu verknüpfen. Und ein besonderes Verdienst wäre es, wenn wir dabei zumindest einen Bruchteil der Chalukahbettler zu arbeitenden und arbeitslustigen Gesell - Schaftsgliedern emporheben könnten. Als zweite - ebenso wichtige — Aufgabe erscheint mir die kulturelle Hebung- Palästinas, vor allem durch Gründung von allgemeinen und fachmännischen Bildungsanstalten. Jede neue Schule in Palästina wird zum Mittelpunkt eines neuen Lebens. Die studierenden Kinder lernen die Schule, und die Eltern und Familien der Kinder lernen durch die Schule Palästina lieben. Die Alliance verdankt ihren Einfluß und ihre I edeutimg in Palästina hauptsächlich den Schulen. Sie bedurfte ihrer zur Assimilierung, wir bedürfen unserer hebräischen Schulen zur Zionisierung. Denn tatsächlich ist der französische Spruch: „L'instruire c'est eonstruire" nirgends mehr berechtigt, als bei uns Juden, die wir ja vorzugsweise auf den Schultern des heranwachsenden und des kommenden Geschlechtes unsere Zukunft und die Zukunft Zions bauen. DIE3^KELT Die Demission des türkischen Großrabbiners Die Fakten Am 30. Januar abends überreichte Rabbi Nahum den Präsidenten beider Medschlisse seine Demission mit der kurzen und undeutlichen Begründung, daß es ihm unmöglich sei, seinen: Posten weiterhin den Gesetzen entsprechend auszufüllen. Am 31. Januar erklärte er den Redakteuren der „Aurare'4 und des „Judio", daß er seinen Entschluß infolge der Abmachung zwischen dem Medschliss dschismani und der aschkenasischen Kultusgemeinde gefaßt habe, welche ungesetzlich sei. Er hätte zwar das Recht, den Medschliss durch die große Nationalversammlung absetzen und erneuern zu lassen, ziehe es aber aus Rücksicht auf die Gemeinde vor, sich selbst zu opfern. Sein Entschluß sei unwiderruflich. Am folgenden Morgen, dem 1. Februar, erschien ein großes Interview Seiner Eminenz an leitender Stelle der nichtjüdischen „Liberte", das feststellen sollte, worin die Ungesetzlichkeiten der Aschkenasim-Konvention bestanden; es war wirr und unverständlich. Nur zwei Dinge gingen klar aus ihm hervor: Nahum habe, trotzdem die Amtsführung des Medschliss dschismani von Ungesetzlichkeiten strotze, keineswegs die Absicht, vor der Regierung als Ankläger gegen ihn aufzutreten; ferner: sein Entschluß sei unwiderruflich. Am 2. Februar wies der Präsident des Medschliss, Nissim Russo Effendi, die Behauptungen Rabbi Nahums durch die „Aurore" energisch zurück und wälzte die ganze Verantwortung für die Krise auf den Großrabbiner. Am gleichen Nachmittage

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