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Die Welt · 1912-02-16 · 7 (16.2.1912) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
7 (16.2.1912)
Date
1912-02-16
Page
– (sequence 2)
Language
German
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heblich geschwächt. Aber es wäre ein Irrtum, daraus ein Abflauen der antisemitischen Stimmung überhaupt folgern zu wollen. Die Judenfrage spielte in diesem Wahlkampf absolut keine Rolle. Es handelte sich um einen Kampf zwischen den rechten und linken Gruppen des Parlaments, wobei die Rechtsparteien — und mit ihnen die Antisemiten — eine Reihe von Sitzen verloren. Wenn dieser Wahlkampf von irgendwelcher Bedeutung für die Stimmung gegenüber den Juden gewesen ist, so kann es sich höchstens um eine Verstärkung der antisemitischen Regungen im konservativ-klerikalen Lager handeln. In ihrem Zorn über die erlittene Niederlage suchen die reaktionären Parteien nach einem Prügelknaben — und siehe da, die Juden sind schuld! Es ist schade, daß unsere Assimilanten ihre politische Weisheit immer nur aus dem „Berliner Tageblatt" und der „Neuen Freien Presse" beziehen. Würden sie in diesen Wochen gelesen haben, welche Flut antisemitischen Unrats sich aus den Spalten der konservativen und klerikalen Blätter ergoß — es würde ihnen bei ihrer Gottähnlichkeit bange werden, und sie würden angesichts dieser Pogrome, die zum Glück nur auf dem geduldigen Holzpapier vor sich gehen, nicht mehr vom Niedergang des Antisemitismus reden. Von unserem Standpunkt haben wir zu solchen Erscheinungen nichts Neues zu sagen. Sic bestätigen nur unsere Auffassung, daß der Judenhaß hundert verschiedene Formen annehmen kann, weil er latent immer vorhanden ist. Kommt Unglück über ein Land, so suchen die Machthaber die Verantwortung von sich abzuwälzen und beschuldigen die Juden, deren sich ja in jedem Lande genügend befinden, um gegebenenfalls als Ablenkung des Volkszorns zu dienen. Als die Pest kam, wurden die Juden als Brunnenvergifter hingestellt, als die Revolution in Rußland ausbrach, mußten die Juden mit ihrem Blute dafür büßen, und als in diesem Jahre in Deutschland die konservativ-klerikale Reichstagsmajorität in die Brüche ging, waren natürlich die Juden schuld daran. Wir ziehen hieraus keine Konsequenzen für die politische Betätigung der deutschen Juden. Ihre Berufsgliederung und ihre politische Ideologie führen sie an die Seite der fortschrittlichen Parteien. Von wenigen seltsamen Käuzen abgesehen, die sich, wie Maximilian Harden, kultur-konservativ gebärden — gewöhnlich steckt hinter dieser Art von Konservativismus nur ein höchst abgeschmacktes politisch - ästhetisches Narrentum — müssen die Juden als demokratische Elemente betrachtet werden, und ihrer demokratischen Grundstimmung entspringt auch ihre politische Betätigung in den einzelnen Ländern. Dennoch ist es eine ungeheure Uebertreibung, wenn die konservativen Kreise Deutschlands ausschließlich dem jüdischen Einfluß den „Ruck nach links" zuschreiben. Diese „Beschuldigung" ist nichts als ein neuerlicher Beweis der antisemitischen Tendenzen, die überall und zu allen Zeiten lebendig sind. Und wenn auch mit dem Fortschritt der Gesittung und dem weiteren Vordringen wahrhaft liberaler und demokratischer Gesinnung der rohe Haß, die niedrige Verleumdung, ihre Macht ein wenig einbüßen, so bleibt dennoch jene antisemitische Grundstimmung zurück, die keiner kunstvollen Erklärung bedarf, weil sie uns in der Geschichte der Zerstreuung unseres Volkes auf Schritt und Tritt und in jeglicher Gestalt begegnet. Diese Reichstagswahl ist nur ein Beweis mehr, eine Stichprobe aus der Fülle der Geschehnisse. Sie lehrt nichts Neues und soll es auch nicht: unser Volk hat zu viel erduldet, um einer neuen „Theorie des Antisemitismus" zu bedürfen. Es will und es soll nicht aus den Ereignissen des Tages eine Wandlung erhoffen, die nur auf einem Wege möglich ist: durch Selbsthilfe. R. L. Zur Entwicklung des zionistischen Gedankens*) (Eine Rundfrage.) Wir setzen die Veröffentlichung der Antworten, die uns auf unsere Rundfrage zugegangen sind, in den nächsten Nummern fort. Die Fragen lauteten: 1. Haben sich seit den ersten Jahren nach der Begründung der zionistischen Organisation in der theoretischen Fundamentierung des Zionismus Aenderungen vollzogen, d. h. werden die grundlegenden Prinzipien des Zionismus heute anders verstanden als in jener früheren Zeit? Haben sich nur unwesentliche Teile des zionistischen Gedankenbaues geändert, oder betreffen die Verschiebungen in der Auffassung wesentliche Teile desselben? 2. Welches sind die: wichtigsten Aufgaben unserer Organisation bezüglich der Palästina-Arbeit in der nächsten Zukunft? Paul Goodman: Ad 1. Das Grundprinzip des Baseler Programms: „Die Schaffung einer öffentlich rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina", ist noch heute das Ziel der zionistischen Bewegung. Die im Programm vorgesehenen Mittel sind auch jetzt maßgebend und vielleicht mit einer Ausnahme („die Erlangung der Regierungszustimmungen4') in voller Anwendung. Die Idee des „öffentlich-rechtlichen" ist in Hinsicht auf die international-religiöse Stellung Palästinas zweifellos von unumgänglicher Bedeutung, und die Erlangung der Regierungszustimmungen (in jedwelcher Art) ist daher sogar mit dem Wechsel der Regierungsform in der Türkei auch nicht hinfällig geworden. Obwohl also die Mittel sowohl wie das Ziel dieselben geblieben sind, kann dasselbe doch nicht von der praktischen Anwendung des zionistischen Gedankens behauptet werden. Der Zionismus hat die religiös-nationale Chibat Zion zu einer internationalen, politischen Frage erhoben, die von den Mächten berücksichtigt und gelöst werden will. Seitens der Türkei sollte, unter vollster Wahrung der türkischen Oberhoheit, eine autonome Entwicklungsfreiheit dem jüdischen Volke in Palästina gegeben werden. Es war teilweise die Schuld des jüdischen Volkes, daß wir das vorgesteckte Ziel nicht erreichten. Die Pflicht der Zionisten ist es aber geblieben, sich den jeweiligen Zuständen anzupassen, und wir haben dabei den Schwerpunkt der zionistischen Tätigkeit von den diplomatischen auf die kolonisatorischen und kulturellen Mittel verlegen müssen. Es hat somit wohl eine Verschiebung in der *) Vgl. „Die Welt" Nr. 5 und 6 d. J.

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