Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 7 (16.2.1912)
- Date
- 1912-02-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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DIE BERLIN W15, SACHSISCHE STR. 8. ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XVI. JAHRG. BERLIN, 16. Februar 1912 uni^'y'önn 'X tDüty r/O ,yhl2 Nr. 7 STICHPROBEN Ueber das Wesen des Antisemitismus haben sich schon viele Leute unnützes Kopfzerbrechen gemacht. Die Resultate ihres Nachdenkens können mit < en Definitionen vom Wesen des Judentums verglichen werden, die seit den letzten hundert Jahren bei den westeuropäischen Juden Mode sind. Diese Sucht, zu definieren, die Erscheinungen des täglichen Lebens, ja das Leben selbst von einem toten Begriff abzuleiten, ist in beiden Fällen aus dem Drange geboren, die Realitäten des jüdischen Daseins abzuleugnen, weil sie der Assimilation hinderlich sind. Die Tatsache der Existenz des jüdischen Volkes wird von den Assimilanten ganz einfach bestritten, und das ist kein gewöhnliches Schwindelmanöver, sondern eine höchst kunstvolle Autosuggestion. Es ist keine so leichte Sache, ein Europäer mosaischer Konfession zu sein. Man muß dazu mit Fleiß und Hingebung die Kunst erlernen, den Wald vor Bäumen nicht zu sehen. Wer es aber einmal gelernt hat, kann getrosten Herzens auch an die Erledigung des Antisemitismus schreiten. Diesen beseitigen unsere Assimilanten mit der Geschicklichkeit eines Taschenspielers durch bloße Hinzufügung des Wörtchens „nur". Antisemitismus? Das ist doch „nur" ein Ueberbleibsel aus dem Mittelalter, „nur" der Ausdruck wirtschaftlichen Neides, „nur" das Resultat religiöser Unduldsamkeit usw. usw. Dieses „nur" soll besagen, daß wir uns über den Antisemitismus keine Sorgen zu machen brauchen. Er hat seinen zureichenden Grund in einer * Oemütsstimmung, die wir verwerfen, und damit basta. Bei diesen Definitionskünsten ist „nur" eines merkwürdig: daß sich bisher noch nicht feststellen ließ, welches .,11111*" nun eigentlich das richtige ist. Hat der Antisemitismus wirklich seinen Grund im wirtschaftlichen Neide? oder im religiösen Fanatismus? oder in der Historischen Ueberlieferung? Den Anhängern der „Nur"- I heorie scheint es bisher nicht aufgefallen zu sein, wie verschiedenartig ihre Definitionen des Antisemitismus lauten. Und dabei bedeutet „nur" doch eine Beschränkung, die Ablehnung aller anderen Erklärungsweisen. Verschiedenartige „Nur"-Theorien sind logisch unhaltbar »nid können nicht geduldet werden. Auch wäre die gänzliche Beseitigung des Antisemitismus viel leichter, wenn ^•ch alle Juden der Weit auf eine Definition einigen würden, damit diese „viribus unitis" bekämpft, besiegt und gänzlich abgetan werden könnte..... Es ist zuzugeben, daß eine solche Einigung schwierig wäre. Denn wenige Hinweise auf Vorkommnisse des täglichen Lebens würden zeigen, daß sich für die drei erwähnten Definitionen, und wohl noch für einige mehr, Beispiele anführen ließen. Und so sind wir denn genötigt, sämtliche „Nur"- Theorien für falsch zu erklären und zu gestehen, daß, wie die Armut von der pauvrete, so der Antisemitismus vom Judenhasse kommt. Daß der Judenhaß eine einzigartige historische Erscheinung ist, kann uns nicht wundern, denn die Existenz der Juden selbst ist etwas durchaus Einzigartiges, und ihr Schicksal erklärt den Antisemitismus, ohne daß es gekünstelter Theorien bedarf. Es gibt nicht eine „letzte Ursache" des Antisemitismus. Es gibt viele Ursachen, die alle nur eine Voraussetzung haben: die Existenz der Juden. Der Instinkt, der sich gegen den Andersartigen richtet, der Haß gegen die fremde Religion, die historische Ueberlieferung, die Juden und Nichtjuden zu weltgeschichtlichen Gegensätzen 'stempelt, der Erwerbsneid, der dazu verlockt, die Konkurrenz mögliehst auszuschalten, der böse Trieb zur Grausamkeit gegen den Schwächeren — das alles sind Ursachen des Judenhasses, und sie alle werden wirken, so lange die Juden über die Erde wandern. Das Leben zeigt uns Tag für Tag den Judenhaß in jeglicher Gestalt, und nur die gänzliche Blindheit unserer Assimilanten vermag nicht zu sehen, was klar vor aller Augen liegt. Wie eine antisemitische Strömung entsteht oder sich vertieft, lehren uns wiederum die Wahlen zum deutschen Reichstag. Soweit die jüdische Presse in mehr oder* weniger verschämter Form den Standpunkt der Assimilation vertritt, herrscht in ihren Spalten eitel Freude über den Niedergang des Antisemitismus, dessen offizielle Vertreter einen großen Teil ihrer Reichstagsmandate verloren haben. Und in der Tat hat der ,,Ruck nach links", der sich im politischen Leben Deutschlands vollzog, die antisemitische Gruppe, die vor den Wahlen und während der Wahlen mit dem konservativ-klerikalen Block zusammenging, er-