Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 6 (9.2.1912)
- Date
- 1912-02-09
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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182 DIE! wesen. Denn nidit durch diese oder jene Akte schnellerer Verwirklichung ist der Zionismus groß, sondern dadurch, daß man ihn überhaupt ersann. Das jüdische Volk, in dem sich genug Phantasie für eine große Idee fand, hat sich als kreditfähig erwiesen. Für den, der das Aufblitzen eines Feuerscheins in finsterer Nacht höher als alles schätzt, der die Spur eines frischen Quells sucht, ist das schon genug. Ich verstehe die ganze Abnormalität des Golus sehr gut. Der Unterschied zwischen mir und Ihnen ist nur der, daß Sie zu dem Typ der idyllischen Zionisten gehören, während ich einer von den tragischen Zionisten bin. Ja, ja, es gibt idyllischen und tragischen Zionismus/' ,„Was ist das für eine neue Einteilung?" rief es von verschiedenen Seiten. „Wenn Sie erlauben, werde ich bei dieser Einteilung länger verweilen. Und wundern Sie sich nicht, wenn ich vor allem bemerke, daß gerade derjenige, der als der tiefste jüdische Denker gilt, daß gerade Achad Haam im Widerspruch mit diesem seinem Rufe sich den leichtesten Weg gewählt hat. Gerade er hat das Idyll akzeptiert, gerade von ihm datiert der pastorale Zionismus. Er ist es, der uns lehrte, uns mit dem kleinen Zentrum, mit der Minorität, zu begnügen, die sich vollständig kulturell und geistig ausleben wird, und der die Millionen, die da werden bleiben müssen, vergaß, sie ignorierte. Achad Haam und nach ihm die meisten Publizisten schufen eigenartige „Obere Zehntausend". Es ist kein Wunder, wenn auf diese Weise das jüdische Problem glänzend gelöst wurde. Um die neun oder zehn Millionen Juden vom Halse zu kriegen, wurden verschiedene Theorien des Unterganges geschaffen. Die Menschen richten sichs eben nach ihrer Bequemlichkeit ein. In einer ganzen Reihe von Büchern, Broschüren und Artikeln wurde eine merkwürdige Mischung von Sentimentalität und unerhörter Grausamkeit kredenzt. Denn liegt nicht eine Grausamkeit sondergleichen in dieser Epidemie von Todesurteilen, die man über diesen oder jenen Teil der Golusjuden in der letzten Zeit zu fällen sich gewöhnt hat. Das, was man gemeiniglich für den tiefen und geistigen Zionismus hält, ist von Tiefe und wahrem Geiste eigentlich sehr weit entfernt. Denn das Idyll, meine Herren, ist sympathisch, aber niemals tief. Das Idyll, von dem ich da sprach, ist auch nicht geistreich, denn es erzählt leichten Herzens von der Entartung von ganzen Millionen, macht sich den Weg leicht, indem es über Gräber schreitet, will vor der Tragik davonlaufen. Man darf nun aber dem Zionismus, der schon etliche Jahrzehnte alt ist, solchen Leichtsinn nicht durchgehen lassen. Es ist, Gott sei Dank, schon eine erwachsene Idee und darf vor dem Ernsten, dem Schwierigen und Verwickelten keine Angst haben. Es ist keine Kunst, auf ausgetretenen Wegen zu wandeln. Man muß sich auch durch Gestrüpp einen Weg bahnen können. Und fällt man einmal hin oder muß sich über Dornen dahinsdileppen, hat man's auch mitzunehmen. Niemand hat das Recht, zu sagen, daß der Zionismus eine leichte Sache ist. Er ist aus dem sentimentalen Stadium heraus und tritt jetzt ins heroische. Das Heroische aber ist doch stets tragisch. Worin der tragische Zionismus besteht? In Folgendem: Die Erfüllung unseres Ideals wird nidit lange auf sich warten lassen. Aber es wird sich nicht für das ganze Volk, sondern nur für einen Teil verwirklichen. Nur ein gewisser Teil wird das ganze Vergnügen eines [ELT Nr. 6' vollkommenen nationalen Lebens genießen. Die pastoralidyllischen Zionisten haben sich, wie gesagt, mit der Vernichtung, mit dem Untergange der Golusjuden, der Mehrheit, abgefunden. Ihre Prognose geht dahin, daß ein Teil sich taufen lassen, der andere sich schlechthin assimilieren wird. So wird also das Zentrum nur für diejenigen bleiben, denen es gelungen ist, sich wie aus einer Feuersbrunst zu retten. Der tragische Zionist aber will sich nicht auf diese Weise seine Aufgabe erleichtern, er fordert Rechnung für jeden Juden, will keinen einzigen an die Theorie der Entartung ausliefern. Die Golusjuden werden fortbestehen, die Mehrheit wird ihr halbes Leben fortleben, und eben deshalb kann sich der tragische Zionist nicht des Bewußtseins freuen, daß der herrliche Augenblick gekommen ist. Er wird traurig sein, weil nicht alle in den jüdischen Zukunftsstaat gekommen, weil Millionen draußen geblieben sind, die voll Liebe, aber auch mit bitterem Neide nach jenen hinblicken, die glücklicher waren als sie. Und ganz eigene Gedanken können dann im tragischen Zionisten auftauchen. Eines Morgens kann er aufstehen und sagen: Schön sind die Felder und Weingärten von Jehuda, sdiön und ruhig sind die Zelte Jakobs. Aber mein Fest ist gestört, ich kann mich nicht an den Tisch setzen, wenn es draußen noch hungrige Golusjuden gibt. Und es kann dann geschehen, daß seine Seele zurück ins Golus will. Ja, die Zukunft breitet schöne, herrliche Tage vor uns aus, aber auch große Leiden. Doch werden es Leiden von hohem, moralischem und ästhetischem Werte sein, und ich weiß nicht warum, aber ich glaube, daß in jenen Zeiten der Messias kommen wird. Der verfeinerte Mensch wird seine Privilegien nicht lange ertragen können, und dann wird erst die wahre Golus-Romantik beginnen. Dann wird sich ein wunderbares Bild entrollen: Die besten der jüdischen Jugend werden ihr heiliges Land, wo sie das ganze Glück eines nationalen Lebens genießen, verlassen und ins finstere Golus ziehen. Die jüdischen Dichter, die jüdischen Künstler des neuen Palästina werden ihre besten Werke den unglücklichen Brüdern widmen, die am anderen Ufer geblieben sind. Es wird eine Eruption wirklicher Bruderliebe sein, nicht so ein Philanthropie-Verhältnis, wie es jetzt zwischen den West- und Ostjuden besteht. Ja, der tragische Zionist weiß, was seiner harrt. Er segnet im Voraus die Leiden, die kommen werden, denn er weiß und fühlt, daß die Seele Israels aus diesen Leiden geläutert und groß hervorgehen wird. „Die Golus-Romantik wird erst kommen", schloß mein Bekannter, indem er aufstand. Einer, der die ganze Zeit geschwiegen hatte, erhob sich nun auch und sprach: „Idi bin mit einem großen Teile von dem, was Sie da sagten, nidit einverstanden. Wollen Sie mir aber nichtsdestoweniger gestatten, daß ich Ihnen in meinem Namen und im Namen, wie idi glaube, der übrigen für Ihre so jüdischen Gedanken den besten Dank ausspreche. Jedenfalls habe ich heute einen sehr interessanten Abend verbracht." Bücherbesprechungen Die Sprachen der Juden. Von Heinrich Loewe. Berlin, Jüdischer Verlag. 1911. Das Buch ist eine durchaus wissenschaftliche Abhandlung, deren wissenschaftlichen Ernst man an den zahlreichen Noten und Quellennachweisen sehr gut ermessen kann. Es ist notwendig, dies zu betonen, weil der lebendige Stil und die