Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 6 (9.2.1912)
- Date
- 1912-02-09
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 6 DIE^LT 181 Eine Zeitschrift für hebräische Sprachwissenschaft Der Petersburger hebräische Sprachverein „Chowewe Sephath Ewer" gibt von Anfang d. J. ab eine Monatsschrift unter dem Titel „nassapha" (Die Sprache) heraus, die ausschließlich der modernen hebräischen Sprachwissenschaft und den Bestrebungen zur Neubelebung und Weiterbildung der hebräischen Sprache gewidmet sein soll. Die Zeitschrift wird ihr Augenmerk insbesondere der wissenschaftlichen Pflege und Ausgestaltung der Sprache des täglichen Lebens, sowie der Sammlung und Bereicherung der wissenschaftlichen Terminologie und des technischen Sprachguts zuwenden. Sämtliche hebräischen Neuerscheinungen sollen ferner in der Zeitschrift vom sprachwissenschaftlichen Gesichtspunkte besprochen werden, wobei auf die gebräuchlichen Irrtümer und Verstöße gegen die Sprachgesetze — namentlich in der modernen Journalistik — hingewiesen werden soll. o r, O II □ □ □ □ □ D o o vs —o FEUILLETON =^V "□□□□□□Ii 6 -JJ o Golus-Romantik*) Von Sch. Garelik. Man ängstigt sich oft vor Geistern, die man selbst gerufen hat. Und so hatte auch mein Bekannter aus Rußland Angst, daß seine Worte nicht Folgen zeitigen, die er mit alier Kraft vermeiden wollte. Daß sich nämlich nicht der Wurm der Skepsis in die Seelen der jungen Zuhörer hineinschleiche, die so der schwersten Neurasthenie überantwortet werden könnten. So tief auch zuweilen seine eigenen Zweifel gruben, sah er doch ein, wie wichtig die sind, die unermüdlich, mit festem Glauben im Herzen, ihre Arbeit tun. Und vor ihnen wollte er nicht mit seinem traurigen Gesichte erscheinen, um sie nicht zu stören. Gleichzeitig aber gehörte er zu jenen, die mit großem Respekt dem menschlichen Gedanken gegenüberstehen, und wußte, daß eine große Idee alle Krisen übersteht, wenn man nur eins von ihr fernhält: die Langeweile. Sie kannte er als den gefährlichsten Feind, an dem die größten Ideen sterben. Darum liebte er es, sich mit Jugend zu umgeben und sich in lange Dispute mit ihr einzulassen, und ganz besonders, in . diesen Disputen besiegt zu werden. Der unglücklichste Abend war für ihn der, an dem ein starker Opponent fehlte, um alle seine Thesen niederzuschlagen, ihn aus allen seinen Positionen zu werfen. Er liebte seine Gegner. Er war ein sonderbarer, gebrochener Mensch, mein Bekannter, ein Mensch, der Furcht hatte, im Rechte zu bleiben. . . Der heutige Abend war ihm offenbar angenehm. Denn niemand wollte sich ergeben, besonders Einer nicht, der auf gegensätzlichem Standpunkt stand und diesen mit aller Energie und mit Glauben vertrat. Einem solchen Gegner gegenüber konnte sich mein Bekannter gestatten, alles das, was er dachte und fühlte, herauszusagen. . . Jetzt sprach dieser Andere. Mein Bekannter lauschte in leicht gebückter Haltung, wie dies seine Gewohnheit war, wenn er aufmerksam zuhörte. „Sie predigen uns da die Religion der Schwachen. Für die zionistische Idee ist das eine Gefahr. Ich dachte oft darüber nach, wie unbesiegbar eigentlich die Schwachen sind. Man kann ihnen nichts anhaben. Mit Seufzern, mit blassen Gesichtern gewinnen sie den Kampf. Sie schilderten uns die Poesie des Golus, die Poesie des kranken Stils. Die internationale Kunst hat diese Liebe zum Blassen und Blutlosen auch gekannt. Aber dann kam doch die Renaissance, und die Künstler verstanden wieder, um wie viel schöner das Gesunde wäre. *) Siehe „Die Welt«, Nr. 4. Auch wir haben schon der Welt genug große Lyriker, Neurastheniker und melancholische Künstler gegeben. Nun müssen wir wieder ein gesundes Volk werden, meinetwegen selbst mit geminderter Begabung. Mich schreckt der Gedanke nicht, daß man in Zukunft über uns das sagen könnte, was man heute über die Schweizer sagt: Ein gesundes, ruhiges Volk, nur schrecklich langweilig, philiströs. Erlauben Sie uns einfach, langweilig zu sein, sogar ohne Aussichten auf eine glänzende Karriere. Die hatten wir ja schon in der Vergangenheit, keiner kann es bestreiten. Gaben wir ja sogar der Welt einen Gott, wofür man uns allerdings mit ungeheuren Verfolgungen bezahlte. Ja, es ist unser zionistisches Ideal, daß es in dem zukünftigen Bädecker heißen soll: Da, in seinem alten Heim wohnt ein kleines, gesundes Volk, das Weingärten und Felder besitzt. Seine Frauen sind gesund und schön. Die jungen Leute führen Pferdeheerden auf die Weide. Des Abends kehren sie mit Gesang zurück, von lächelnden, schönen Bräuten erwartet. Und was die besondere Mission anlangt, die die offenen und versteckten Assimilanten so gern im Alunde führen, so antwortet diesen der Zionismus: „Entschuldigen Sie, meine Herren, das jüdische Volk will ausruhen. . ." Wenn es den russischen Zionisten so schwer fällt, auf das Golus zu verzichten und ihnen alte Melodien nicht aus den Köpfen wollen, dann kann man ihnen nur ein kurzes Gedächtnis wünschen, auf daß ihnen ihre Arbeit leichter werde. Von zwei Dingen eins: Entweder zur Härte entschlossen sein und das tun, was Einige schon jetzt tun, nämlich das Golus ganz ignorieren, oder die Kunst lernen, auf einem Fuße zu stehen und dem Volke raten, in der Diaspora zu bleiben. Ihr Dualismus ist vielleicht für ein Drama sehr interessant. Aiber wenn! jman bauen soll, dann schadet das Verwickelte. Nicht eine Kolonie, nicht eine Schule wäre in Palästina gegründet, nicht eine Straße gebahnt, wenn Ihre Ideen und Stimmungen die herrschenden wären. Oder vielleicht geht es Ihnen gar nicht so sehr um Kolonien, Schulen und Straßen, und Sie ziehen es vor, sich in den Abgrund der tragischen Konflikte zu stürzen?" „Nein", antwortete mein Bekannter aus Rußland, „mir ist jeder Dunam jüdischer Erde in Palästina ebenso teuer wie Ihnen. Ich werde oft traurig, wenn ich mich erinnere, daß ich bei meinem Alter nicht mehr hoffen darf, noch in unserem herrlichen jüdischen Wald, der obendrein einen so schönen Namen trägt, wandeln zu dürfen. Ueberhaupt werden Sie jetzt wohl niemanden finden, zu welcher Partei er auch gehören mag, der nicht wünschen würde, daß alles das, was bis jetzt geleistet wurde, seine weitere Entwicklung finde. Allerdings habe ichs nicht eilig, ich will die Zukunft nicht e r h a s t e n. Der wichtigste Moment ist ja schon ge-