Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 6 (9.2.1912)
- Date
- 1912-02-09
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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180 DIE3 Die rätselhafte Mordaffäre Justschinsky, die ganz Rußland seit einem Jahre in Aufregung hält, die manchen Ministerrat und selbst die Duma beschäftigt hat, ist jetzt ihrer Aufklärungnahe. Die gestern gemeldeten Enthüllungen des Journalisten Brasul Bruschkowski füllen ganze Spalten der Kievver und sonstigen russischen Zeitungen. Unter dem Drucke der öffentlichen Meinung hat auch die Kiewer Staatsanwaltschaft ihre anfängliche gesetzwidrige Haltung aufgeben müssen. Noch spät am Mittwoch Abend wurde dem Verlangen Brasuls nachgegeben und er und seine Zeugen einem fünfstündigen Verhör unterworfen. Die von Brasul angegebenen Zeugen machten für M i f 1 e und seine Bande sehr gravierende Aussagen. Der Tischler Petrow hat kurz vor der Ermordung Justschinskys gesehen, wie Mifle eine Schusterahle präparierte. Nach der Ermordung Justschinskys fanden zwei Knaben, der Knabe T s c h e b y r j a k o w, der später merkwürdigerweise ebenfalls einen rätselhaften Tod fand, und der Knabe Sarutsky, diese Ahle. Sie war voll Blut. Neben der Ahle fanden sie an der Mordstelle auch eine eigentümliche Feile. Als Mifle Kenntnis von diesem Fund erhielt, wurde er sehr erregt und befahl, diese Gegenstände in eine Klosettgrube zu werfen. Die Mutter des getöteten Knaben Tschebyrjakow und der Knabe Sarutsky machten nach dieser Richtung die bestimmtesten Aussagen. Zugleich erzählte die Mutter, eine ehemalige Geliebte Mifles, von geheimnisvollen Zusammenkünften Mifles und seiner Genossen Neschinski, Prichodko, N'asarcnko und anderen vor und nach der Ermordung Justschinskys. Sie schwuren sich gegenseitig, das Geheimnis ihrer Verschwörung zu wahren und bekräftigten ihren Schwur mit ihrem Blut, indem sie sich Einschnitte in die Hand machten. Mifle äußerte mehrmals vor Petrow, daß seine ehemalige Geliebte ihn zu Grunde richten würde, und er stellte daher ihrem Leben nach. Durch Verbreitung des Märchens von einem Ritualmorde versuchte die Verbrecherbande den Verdacht von sich abzulenken. Zur Chief-Rabbi-Frage in England In der Frage der Neubesetzung des englischen Oberrabbiner-Postens ist ein ernster Konflikt zwischen den von Lord Rothschild geleiteten United Synagogues und der unter Führung Lord S w a y t h 1 i n g s stehenden F e d e - r a t i o n o f Synagogues ausgebrochen. Die Folge dieses Konflikts ist, daß die Federation es endgültig ablehnt, an der Wahl des Chiet Rabbi teilzunehmen. Zwischen den beiden Synagogenverbänden hat nämlich ein längerer Brietwechsel bezüglich des Modus der Chiet-Rabbi-Wahl stattgefunden, ohne daß eine Einigung in dieser Frage erzielt werden konnte. Während die United Synagogues den Standpunkt einnehmen, daß die einzelnen Synagogen und Synagogenverbände nach der Höhe ihres Beitrags zum Gehalt des Chief Rabbi (dem sog. Chiet Rabbi's Fund) in der Wahlversammlung vertreten sein müssen, stellt die Föderation of Synagogues die Forderung auf, daß die M i t g 1 i e d e r z a h 1 allein maßgebend sei für die den einzelnen Körperschafren einzuräumenden Wahlstimmen. Da die Federation den „Vereinigten Synagogen" numerisch überlegen ist —- sie umfaßt 51 Synagogen mit insgesamt 6500 Mitgliedern — erklärt sie, sich mit den ihr angebotenen 20 Wahlstimmen, gegenüber den 340, die die United Synagogues für sich in Anspruch nehmen, nicht begnügen zu können. Die Federation hält es überhaupt für ungerecht und undemoleratisch, daß bei der Wahl des religiösen Oberhaupts der britischen Gesamtjudenheit eine kleine Londoner Körperschaft, bloß weil sie über beträchtliche Geldmittel verfügt, die leistungsschwacheren, aber weit zahlreicheren Gemeinden der Residenz und der Provinzstädte majorisiert. Unter diesen Umständen zieht es die Federation vor, an der Wahl des Chiet Rabbi überhaupt nicht teilzunehmen, hat aber in einem Schreiben an die United Synagogues die Hoffnung und den Wunsch ausgesprochen, diese möchten einen Großrabbiner wählen, der allen Richtungen genehm ist und den auch die Federation anzuerkennen in der Lage wäre. Die Haltung der Federation ist deshalb von großer Bedeutung, weil sie einen ansehnlichen Teil der jüdischen Bevölkerung des East End vertritt und als Wortführerin der konservativen Richtung im englischen Judentum gilt. Ein Kongreß der jüdischen Gemeinden Griechenlands Im nächsten Frühjahr findet hier ein Kongreß der jüdischen Gemeinden Griechenlands statt. Die Zahl der Juden des Königreichs wird auf etwa 8000 Seelen geschätzt; die be- £ELT Nr. 6 deutendsten Gemeinden sind die in Trikala, Korfu, Larissa, Volo und Athen. Eine jüdische Schule gibt es bloß in Larissa. Dieselbe wird von der Regierung subventioniert. Obwohl die Juden Griechenlands in ihren Reihen eine ansehnliche Zahl wohlhabender Personen zählen, ist doch infolge des allgemeinen Indifferentismus allem Jüdischen gegenüber im ganzen Lande kaum eine nennenswerte jüdische Institution vorhanden. So z. B. gibt es selbst in Athen keine einzige jüdische Schule. Wohl hat der Präsident der jüdischen Gemeinde Athens, Herr Constantinides, vor Jahren 500 Pfund für die Errichtung einer Synagoge samt Schule gespendet, doch konnte man den Bau bis heute nicht in Angriff nehmen, angeblich, weil das Zentralkonsistorium, auf dessen Namen die Gebäude eingetragen werden müßten, seit vielen Jahren aufgelöst ist, ohne daß eine Neuwahl vorgenommen wird. - Aus dem gleichen Grunde ist es unmöglich, die Gemeindemitglieder zu besteuern, da eine solche Besteuerung der Genehmigung des Parlaments auf Grund einer Eingabe des Konsistoriums bedürfte. Diesen unhaltbaren Zuständen ein Ende zu machen, ist eben der geplante Gemeindekongreß berufen, für den sich im ganzen Lande — auch unter den Nichtjuden — lebhaftes Interesse kundgibt. Eine Emigrationskonferenz in Petersburg Wie erinnerlich, begaben sich vor einigen Monaten eine Anzahl Petersburger Herren im Auftrage einer jüdischen Notabelnversammlung nach Berlin und Wien, um die dortigen führenden Gemeindekreise für die Einberufung eines allgemeinen jüdischen Emigrationskongresses zu gewinnen. Die Deputation mußte unverrichteter Dinge heimkehren, hauptsächlich, weil Mr. Jacob H. Schiff, der damals in Deutschland weilte, sich entschieden gegen diesen Plan aussprach. Die Abordnung ließ deswegen auch ihren ursprünglichen Plan, von Berlin nach London zu reisen, fallen. Da jedoch die Petersburger jüdischen Kreise, die sich für die Regelung der Emigrationsfrage interessieren, nach wie vor von der unumgänglichen Notwendigkeit eines Emigrationskongresses überzeugt sind, hielten sie vor kurzem wieder eine Beratung über diese Angelegenheit ab, und faßten den Beschluß, einen zweiten Versuch zu unternehmen und insbesondere die amerikanischen Juden für den Emigrationskongreß zu interessieren. Zu diesem Zwecke soll eine neue Abordnung nach Amerika reisen, und zunächst Mr. Schiff aufsuchen, um seine Bedenken gegen die Abhaltung eines Emigrationskongresses zu zerstreuen. Damit die Deputation einen mehr repräsentativen Charakter erhält, fand vorige Woche eine Delegiertenversammlung in Petersburg statt, die aus Kovvno, Minsk, Witebsk, Charkow, Kiew, Warschau, Hornel, Mohile w und Riga beschickt war. Die Versammlung beschloß mit 19 gegen 9 Stimmen, die Abordnung nach Amerika zu entsenden. „Heimkehr'*, Essays jüdischer Denker, herausgegeben vom jüd.-nat.-akad. Verein „Emunah", Czernowitz, mit einem Vorwort von Univ.-Prot. Dr. Leon Kellner. Verlag Louis Lamm, Berlin. Preis 2,50 M. (3 K.), eleg. Leineneinband mit feinem Aufdruck 3,50 M. (4,20 K.). Das Buch erscheint in den ersten Tagen des Monats Februar und kann in Oesterreich direkt vom j ü d. - n a t - a k a d. Verein „Emunah", Czernowitz, Herrengasse 7, bestellt werden. Dieses Sammelwerk enthält folgende Originalbeiträge, die aus den besten Federn stammen: 1. Dr. E. M ü 11 e r - Wien.: „Einiges zum Problem des Golus." 2. Dr. D. P a s m a n i k -Petersburg: „Die sieben Lügen des heutigen Judentum s." 3. Dr. N. Birnbaum-Berlin: „Einsichten und Ausblicke/4 4. Dr. M. R o s e n t e 1 d - Drohobycz: „Die nationale Autonomie in Oesterreich." 5. A. Stand-Lemberg : „Max Nordau." 6. A. Schiller - Jerusalem: A ch a d - H a a m." 7. Prof. Dr. L. K e 11 ne r- Czernowitz: „Was Herzl vorfand." 8. D. T r i e t s c h - Berlin: „Der Umschwung in der Türkei und die jüdischen Palästinabestrebung^e n." 9. Dr. S. Rappaport- Lemberg: „Die jüdischen Aerzte und Apotheker in Krakau im 16. und 17. Jahrhundert." 10. Dr. M. B a 1 a b a n - Lemberg : „Der Anteil der Juden am europäischen Großhandel mit dem Orient." 11. J. S ch i p p e r- Lemberg: „Der Anteil der Juden am europäischen Großhandel."