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Die Welt · 1912-02-09 · 6 (9.2.1912) · page 11

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
6 (9.2.1912)
Date
1912-02-09
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 6 DIEg Als seinerzeit ein jüdischer Kultusvorstand beim Begräbnis Sonnenthals den anwesenden christlichsozialen Führer über den Sarg des jüdischen Künstlers hinüber, dem übrigens das judenfeindliche Wien das Bürgerrecht versagt hatte, förmlich um Gnade anflehte, hat man nur in unseren Kreisen Schande und Ekel über solches Gehaben empfunden. Diesmal aber fuhr gleich ein Abgeordneter, Dr. Renner, dazwischen, pries mit gutem Humor die „Linie Spitzer- Schneider" (Schneider wollte bekanntlich ein J'udenschußgeld einführen), und riet Spitzer, den Weg zu den wankend gewordenen Judenhassern nicht so öffentlich zu suchen, sonst müßten etwa B i e 1 o h 1 a w e k oder Kunschak, Heine variierend, Herrn Spitzer zuraunen: „Blamier' uns nicht, du jüdisch' Kind, und grüß' uns nicht;unter den Linden . . Spitzer trat daher wohlweislich den Rückzug an. Seine „tatsächliche Berichtigung" ist aber nicht minder schmählich und muß angenagelt werden: Er eximierte nämlich von der vorgeschlagenen Vereinigung ausdrücklich nur die Christiichsozialen. Den deutschnationalen Antisemiten also, die als Judenfeinde der Rathauspartei längst den Rang abgelaufen haben, kriecht Kornel Spitzer weiter nach! Werden Spitzer und die Seinen den üblichen „deutscharischen" Fußtritt erhalten? Vorläufig nicht. Die vieledlen reinrassigen deutschnationalen „Wirtschaftler" brauchen kapitalskräftige Hausjuden bei den Gemeinderatswahlen. Bis sie aber im Sattel sitzen, fliegt der verhaßte Helfershelfer hinaus . . . Vom „Jüdischen Nationalverein für Österreich" lieber den Antrag des Gg. Prof. Dr. Engel (Prag) hat der III. westösterreichische Zionistentag die Einberufung einer nur politischen Konferenz für nötig erklärt und die Vorarbeiten dem „Jüdischen Nationalverein für Oesterreich" übertragen. Dieser hat bereits die sehr umfangreichen Vorbereitungen in Angriff genommen und ist mit den zionistischen Provinzleitungen in Fühlung getreten. Noch vor der politischen Konferenz, die frühestens zu Pfingsten abgehalten werden wird, ist ein großes Stück Aufklärungs- und Propagandaarbeit zu leisten, damit die Tagung einen fruchtbaren Verlauf nimmt und nicht mit überflüssigen, unzeitgemäßen Debatten über Fragen belastet wird, die der Zionistentag einhellig entschieden hat. Der „Jüdische Nationalverein" ist sich der Schwierigkeit der ihm zugewiesenen Aufgabe bewußt und gewissenhaft am Werke. Zwei Vorträge Prof. M. Balabans Der bekannte Lemberger jüdische Historiker, Gg. Prof. Dr. M. B a 1 a b a n , hielt zwei sehr interessante Vorträge. Ueber Einladung des israelitischen Kultusvorstandes besprach er auf Grund eigener, ganz neuer Forschungsergebnisse das Zeitalter und den Lebenslaut des berüchtigten galizischen „Messias" Frank, der so viel Unglück über die galizischen Juden brachte. Als Gast der Vereinigung galizischer Hochschüler „Bar K o c h b a " las er in der Wiener Universität vor dichtgedrängtem Auditorium ein Kapitel aus seinem eben erschienenen Werke über die Geschichte der Krakauer Juden. Das Publikum folgte seiner lebendigen, spannenden Darstellung mit großem Interesse. Brief aus der Bukowina (Von unserem Berichterstatter.) Mit Beginn des akademischen Wintersemesters fängt in der Bukowina und namentlich in der Hauptstadt Czernowitz sowie in Suczawa das jüdische Leben an zu pulsieren. Das Wort „akademisch" muß hervorgehoben werden, denn die Studenten sind es in erster Linie, die zionistische Arbeit leisten. Leider sind es nur die inkorporierten, organisierten jüdischen Studenten, während die Mehrzahl der nicht inkorporierten sich sehr indifferent verhält. Zionistisches Seminar Seit mehreren Jahren wird in Czernowitz ein zionistisches Seminar abgehalten, das von dem akademischen Verein [ELT — 177 „Emunah4' gegründet wurde und mit wachsendem Erfolg arbeitet. Der Vorzug dieses Seminars besteht hauptsächlich darin, daß es in wissenschaftlicher Form und in erschöpfender Weise bestimmte Themen des jüdischen Lebens systematisch behandelt. So wurden beispielsweise drei zusammenhängende Vorträge über die Geschichte des Zionismus gehalten. Das Seminar erfreut sich großer Beliebtheit beim jüdischen Publikum in Czernowitz und hat die zionistische Arbeit erheblich gefördert, was sich in den erhöhten Eingängen an Schekeln und Nationalfondsgeldern äußert. Jüdisch-wissenschaftliche Vorträge An das zionistische Seminar reiht sich eine ältere Einrichtung an, die von der akademischen Korporation , Zephirah" getroffen wurde. Die Verbindung veranstaltet nämlich jährlich einen Zyklus von zehn populär-wissenschaftlichen Vorträgen über Fragen der jüdischen Geschichte und der Gegenwart. So sprachen in den letzten zwei Monaten Dr. Ehrenpreis, Adolf Stand, Kurt Blumenfeld, Dr. Reich, Dr. Pinkus, Dr. Korngrün und Professor Kellner, der zwei Vorträge hielt. Anerkennung der jüdischen Nationalität Seit fast zehn Jahren führt die jüdische Studentenschaft einen Kampf um die Anerkennung der jüdischen Nationalität und der jüdischen Muttersprache an der Universität Czernowitz, an welcher von 1140 Hörern 450 jüdische Studenten, also 40 °/o der gesamten Hörerschaft inskribiert sind. Es war ihr bereits gelungen, zu erwirken, daß die jüdische Muttersprache und in einer Anmerkung auch die jüdische Nationalität angegeben werden durfte. Doch wurde dieses Zugeständnis nach einem Jahre wieder eingeschränkt, da zwar die jüdische Nationalität in Form einer Anmerkung seitens der Studenten mitgeteilt werden durfte, in den offiziellen Berichten der Universität jedoch nicht erwähnt wurde. Hiergegen wurde eine heftige Agitation entfaltet, und der akademische Senat, der sich hinter dem Willen des Ministeriums verschanzte, auf die Autonomie der Universität hingewiesen. In diesem Jahre wurde nun abermals eine Deputation an den Senat entsandt, die die Anerkennung der jüdischen Nationalität forderte und ein Memorandum überreichte. Der Rektor der Universität antwortete der Deputation in entgegenkommendem Sinne, und versprach, für ihre Forderungen einzutreten. Bedauerlicherweise haben sich zwei Verbindungen aus kleinlichen Vereinsinteressen von der Mitarbeit bei dieser Aktion zurückgezogen, doch ist zu hoffen, daß sie sich bald eines besseren besinnen werden. Ueber die von den hiesigen Verbindungen am 8. und 20. Januar veranstalteten jüdischen Bälle wrurde bereits berichtet. Brief aus New York (Von unserem Berichterstatter.) Die Russische Paßfrage Wie von unterrichteter Seite mitgeteilt wird, haben die führenden Kreise der amerikanischen Juden beschlossen, nun, da der Handelsvertrag mit Rußland gekündigt worden ist, in den Hintergrund zu treten und die weitere Entwicklung der Dinge abzuwarten. Obgleich es auch abweichende Meinungen gibt, so ist man hier doch allgemein der Ansicht, daß die amerikanischen Juden durch ihr kühnes Eingreifen in die Paßfrage ein großes Risiko auf sich genommen haben, dessen Resultat sich bald auf verschiedenen politischen Gebieten zeigen wird. Dr. Max Nordaus Warnung, daß die amerikanischen Juden für ihren Mut zu büßen haben würden, ist als Bestätigung der Befürchtungen aufgefaßt worden, dessen sich sogar diejenigen Persönlichkeiten nicht entziehen können, welche am eifrigsten für die Aufhebung des Handelsvertrages agitiert haben. Darum erklärte bei einer Versammlung der Hebrew Sheltering and Immigrant Aid S o c i e t y am 21. Januar Mr. Jacob H. Schiff öffentlich, daß die Juden besser täten, jetzt, nachdem die Aufhebung des1 russischen Vertrages bekannt gegeben wäre, wieder in ihr bisheriges „Abhängigkeitsverhältnis" zur Regierung zu treten.

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