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Die Welt · 1912-02-09 · 6 (9.2.1912) · page 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
6 (9.2.1912)
Date
1912-02-09
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 6 D i e „M ission Israel s". — Was sind wir, was wollen wir — eine ganze Literatur ist aus der Beantwortung dieser Fragen entstanden. Ich möchte nicht viel zitieren; ich beschränke mich auf einen der freiesten und modernsten Denker, james Darmstetter hatte in einer Schrift „Les prophetes d'Jsrael" diese Frage beantwortet. Die Religion ist oder soll sein der höchste Ausdruck der Wissenschaft und des Gewissens. Die Religion erstarrt aber bald im Dogma, und der Zwiespalt entsteht zwischen Glauben und Wissen. Das geschah in manchen großen Konfessionen, die im Kampfe mit der Wissenschaft erlagen, und auch auf dem Gebiete des Guttuns sich unfähig zeigten, die Leitung der Menschheit zu behalten, indem sie, statt die Gerechtigkeit zu unterstützen, sich für berufen erachteten, die Gewalt zu rechtfertigen. Die Wissenschaft wollte nun die Führerrolle übernehmen: mit Ausschluß der Religion; aber vor dem Sieg schon war die Enttäuschung da, und die Sittlichkeit um sie herum verfiel. Der Mystizismus vermag nicht zu helfen; denn er ist eine unfruchtbare Reaktion, der Tod der Seele. Das moderne Gewissen wird das alte Joch nicht wieder auf sich laden; denn esi k(ann das Wissen nicht verleugnen. Die Rettung ist nur möglich durch eine „affirmation de oonscience" — durch den Glauben an das sittliche Lebensideal und an den Sieg des Guten auf der Erde — welche die Wissenschaft nicht diktieren könne und welche sich dem Wissen aufdringen müsse. Auf die Vexierfrage: „Was ist das Wesen, was ist das Eigentümliche" — erwidert Darmstetter: „Die rettenden Wahrheiten sind nicht erst zu entdecken; e 11 e s courent les rues; sie brauchen nur durch eine autorisierte Stimme verkündet zu werden, um zu lebendiger Wirklichkeit zu werden. Diese Stimme ist keine andere als die der Propheten Israels. Der Prophetismus kann diesen Dienst der Wissenschaft leisten, indem er von ihr keinen Verzicht auf irgendeine wissenschaftliche Erkenntnis verlangt, sondern nur Recht und Gerechtigkeit predigt, samt dem Glauben an die bessere Zukunft der Menschheit auf Erden. Einheit Gottes und Messianismus, d. h. Einheit des Gesetzes in der Welt und Sieg der Gerechtigkeit in der Menschheit." Man kann diese Bedeutung des Prophetismus akzeptieren. Wir werden glücklich sein, wenn unsere nationalen Denkmäler des Altertums auf die Moral anderer Nationen einen so segensreichen Einfluß ausüben werden, aber das mag ein Programm für die anderen sein, nicht für uns. Wir müssen weiter leben; das ist die allererste Mission Israels. Denn nur. die Lebenden haben Recht, 175 Es ist sonderbar, wie unbewußt national die ersten Assimilanten dachten. Hören wir, was Abraham Geiger für eine Meinung von der Mission des Judentums hatte: „Mit dem Ausgange des zwölften Jahrhunderts hatte das Mittelalter in seiner Vermählung mit dem Christentum den Höhepunkt erreicht, der überhaupt auf diesem Wege im geistigen Leben zu erklimmen war, und es gelangte zu ihm nur durch die wirksame Unterstützung der arabischen Wissenschaft, die ihm durch die Juden vermittelt wurde . . . Zur geistigen Befreiung der Völker Wales notwendig, daß diese wiederum die zwei Mächte neu für sich gewannen, welche schon einmal ihre weltgeschichtliche Aufgabe vollzogen hatten und nun die Befreiung und Verjüngung der Menschheit unter ganz anderen Verhältnissen wieder aufnehmen mußten. Diese beiden Mächte voll des unversiegbaren geistigen Lebensgehaltes sind: das klassische Altertum, namentlich der Hellenismus, und das Judentum, die hebräische Literatur . . . War die allgemeine Bildung ein Zerrbild des Griechen- und Römertums geworden und mußte sie sich durch den ungetrübten Anblick des edlen Vorbildes wieder läutern, so war die Religion ein Zerrbilid des Judentums und konnte sich erst durch eine volle Vertiefung in dieses wieder veredeln." Und Ludwig Philippsohn schrieb: „Die Kämpfe aui allen Gebieten sichern dem Judentum eine bedeutende Zukunft, sowohl für seine Bekenner wie für die gesamte ringende Menschheit, ebenso wie mitten unter allen Wirren schließlich allein das Judentum einen Gedankeninhalt darbietet, der mit der Geschichte der Menschheit, mit dem Verstände und dem Herzen übereinstimmt." Fürwahr, wenn es einen jüdischen Chauvinismus oder Nationalismus (ich meine Nationalitäts d ü n k e 1) je gegeben hat, so war er nie in unserer Mitte, sondern im Lager der sogen. Assimilanten zu finden. Der sogenannten, denn eigentlich waren die Darmstetter, die Abraham Geiger und die Ludwig Philippsohn begeisterte Juden. Nur haben sie sich zuviel mit der Menschheit beschäftigt. Das war die Richtung der Aufklärungsperiode. Auch wir beschäftigen uns mit der Menschheit, aber hauptsächlich mit demjenigen Teil, der uns näher angeht und mit dem andere sich zu beschäftigen nicht berufen sind — mit unseren Juden, mit deren Existenzbedingungen, mit deren Problemen, mit der Sicherung ihrer Zukunft. Das ist Judentum. DIE^ELT o o o o o o o 1 o o o o o o o 7 AUS DER BEWEGUNG Mährisch-Sch 1 esischer Distriktstag Die Beratungen des mährisch-schlesischen Distriktstages finden am 11. Februar 1. J. im Olmütz, Klubzimmer des Hotels Lauer, statt. Beginn der Beratungen um 4 Uhr nachmittags. Deutschland Berlin. Am 16. Januar sprach Herr Blumenteid in einer .Propagandaversammlung des „Herzl-Klubs" über das Thema „Der Zionismus und die jüdische Jugend". Bochum. Im Jüdischen Jugendverein sprach am 24. Januar Herr Dr. Epstein aus Duisburg vor etwa 400 Personen über „Jüdische Erziehungsfragen" und Frau Berta E p - stein über „Die moderne jüdische Frau". Eschweiler. Am 28. Januar fand ein Lichtbildervortrag der Ortsgruppe statt. Herr Referendar Meyer sprach den begleitenden Text über „Eine Reise durch Palästina". Linnich. Am 26. Januar sprach in der Ortsgruppe Herr Bruno Stern aus Aachen über „Theodor Herzl". Rees a. Niederrhein. Am 28. Januar sprach Herr Rechtsanwalt Wilczek aus Krefeld über „Die Juden und ihr Einfluß auf das Wirtschaftsleben". Halle a. S. Am 24. Januar sprach im Jüdischen Jugendverein vor zahlreich erschienenem Publikum Herr Dr. Schmarja L e v i n über „Die Tragödie der Heimatlosigkeit". Stuttgart. Am 18. Januar Herr Blumenfeld wiederum in öffentlicher \ ^, die von über 500 Personen besucht war, über , Programm des Zionismus". Karlsruhe. Am 15. Januar sprach in einem Diskussionsabend der zionistischen Ortsgruppe Herr Rechtsanwalt Dr. F r i e d b e r g über Dr. Theilhabers Buch „Der Untergang der deutschen Juden". Neumarkt. Der Bayerische Gruppenverband veranstaltete am 21. Januar von Nürnberg aus eine Versammlung, in der Herr Max Stern aus Erlangen über „Die Judenfrage und

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