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Die Welt · 1912-02-09 · 6 (9.2.1912) · page 8

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
6 (9.2.1912)
Date
1912-02-09
Page
– (sequence 8)
Language
German
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174 DIETOELTi Nr. 6 unbedruckte Baumwollflanelle und Streichhölzer. In einer Reihe von Artikeln war Italien konkurrenzlos, in anderen ist ein Wettbewerb wohl möglich. Es bleibt aber zu bedenken, daß, falls der Krieg bald beendigt sein wird, ein großer Teil der Kundschaft wieder zu den früheren Lieferanten zurückkehrt. So hat z. B. Oesterreich-Ungarn nach dem Aufhören des Boykotts in verhältnismäßig kurzer Zeit seine Position auf dem hiesigen Platze wieder erobert. (Bericht des Kaiserl. Konsulats Beirut vom 10. Jan. 1912.) Stimmen aus der arabischen Presse. In dem großen Tageblatt Kairos „E 1 - M u k a 11 a m" veröffentlicht der Schriftsteller M a 1 u 1 einen längeren Aufsatz, in dem er die Vorteile der jüdischen Einwanderung für die Türkei darlegt. Als Beweis dafür gibt er 'eine Uebersicht der Entwicklung des Imports und Exports von Jaffa während der letzten 25 Jahre. Daraus ergibt sich, daß, hauptsächlich dank der kulturellen Tätigkeit der in den letzten 25 Jahren eingewanderten Juden, der Güterumsatz sich am Ende der Periode gegen den Anfang vervierfacht hat. In erster Linie hat die ottomanische Regierung daraus Vorteil gezogen, da ihre Einnahmen sich durch die jüdische Einwanderung stark erhöht haben. Die gesamte Landwirtschaft hat von den Juden, welche moderne Geräte, europäische Maschinen und verbesserte Arbeitsmethoden eingeführt haben, vielfach profitieren können. Der Verfasser verbreitet sich auch über die Bedeutung der Juden in der allgemeinen Presse und betont, daß die jüdischen Schriftsteller, treu ihren fortschrittlichen Prinzipien, im Namen der Kultur gegen den türkisch-italienischen Krieg zugunsten der Türkei Stellung genommen haben. Das Revolverblättchen „K arme 1" in Haifa setzt leider seine Arbeit noch immer fort. Durch Verdrehung einiger Stellen aus dem „Jewish Chronicle" wird in albernster Weise der Beweis für die Gefährlichkeit der Juden geführt. Das Blatt „A n n a z i r" in Beirut berichtet ausführlich über den Berliner Vortrag des Herrn Professor Sombart, welcher den hohen Kulturwert der jüdischen Nation beleuchtet. Auch das Blatt „M achrussa" in Kairo nimmt von diesem Vortrag Kenntnis. Was ist Judentum? Wie das jüdische Volk in dem Inbegriffe seiner Kräfte und Eigenschaften besteht, so ist Judentum in abstracto der Inbegriff der Kräfte und Eigenschaften dieses Volkes. Judentum bedeutet die Summe aller Lebenserscheinungen, aller natürlichen Anlagen, aller Lehren, Traditionen, aller eigenartigen Richtungen des jüdischen Volkes. Das Wort bezeichnet nicht sowohl das vielfache Detail der Erscheinungen als einen zusammenfassenden Begriff ihres Wesens, wie sich ihn ein im Vollbesitze der Kenntnis dieses Wesens befindlicher Geist als Anhaltspunkt bilden möchte. Diese Definition ist offenbar unanwendbar auf einige der Bedeutungen, in welchen das Wort in einer Parteisprache gebraucht wird. Sie paßt beispielsweise durchaus nicht auf den gewöhnlichen Sprachgebrauch, nach welchem das Judentum nur ein gewisses metaphysisches System, bzw. eine konkrete Veranschaulichung dieses Systems, des Kultus, darstellt. Hier wird die Erscheinung mit dem Wesen, ein Teil mit dem Ganzien verwechselt. So ist auch Judentum nicht das wissenschaftliche Schattenbild, das theoretische Schema, welches die Philosophie des Mittelalters oder die der Neuzeit konstruiert. Diese Theorien zählen nach Tausenden, sie gehören zur Religiomsphilosophie des jüdischen Volkes, sie sind mehr oder weniger zutreffend, sie offenbaren uns, wie hier der Orthodoxe, dort der Reformer, hier der strenggläubige „Mithnaged", dort der phantasiereiche „Chassid" usw. die Dinge auffaßt und wertet Sie gehören alle zum Volk, zur Geschichte, zum Schrifttum, aber kein einziger Teil ist das Volk, d i e Geschichte, das Schrifttum. Eine solche Auffassung konnte in unserem eigentlichen Volke nie aufkommen, solange wir uns unserer eigenen Sprache bedienten und auch lange noch als wir auch andere Sprachen gebrauchten. Unglücklicherweise aber hat man einer Gruppe von Wörtern, welche eine so große Rolle in der Gedankenwelt unseres Volkes spielen, viele Bedeutungen beigelegt, die von der ursprünglichen verschieden und doch hinreichend mit derselben verknüpft sind, um eine Begriffsverwirrung herbeizuführen. Auf diese Weise haben sich diese Wörter in viele fremde, meistens sehr einflußreiche und zähe Ideen so fest eingedrängt, daß sie viele Gefühle erweckt haben und deren Symbole geworden sind, welche ihre ursprüngliche Bedeutung keineswegs gerechtfertigt haben würde und welche sie zu einer der ergiebigsten Quellen falschen Geschmackes, falschei Philosophie und falscher Sittlichkeit gemacht haben. Demgegenüber ist es die einzig richtige Methode, Abstraktionen dieser Art zu sezieren, indem man die Bedeutung, welche ihnen in dem populären Sprachgebrauche lediglich anhängt, auf eine präzise Begriffsbestimmung zurückführt und die verbreiteten Maximen und Meinungen, an denen sie teilhaben, untersucht und auf die Probe stellt. Gemäß dieser Methode, ist das erste, was mit einem so unbestimmten Ausdruck zu geschehen hat, seine Bedeutung genau festzustellen. Zu den Regeln dieser Methode gehört es auch, daß man die Bedeutung eines Abstraktums am besten im Konkreten, eines Allgemeinen im Besonderen, aufsucht. Wenn wir dieses Verfahren auf das Wort Judentum anwenden, so haben wir zu fragen, was bedeutet es? Offenbar ist es das Abstraktum eines gewissen Objektes, was ist nun dieses Objekt? Die Antwort liegt auf der Hand: das Objekt ist die Gesamtheit der Juden in der Geschichte und in der Gegenwart. Judentum ist also die Totalität der Ideen und Probleme, der Sitten und aller Kultur, der geistigen Güter und Erzeugnisse, des eigenartigen Schaffens und Wirkens, die wir unter den Juden sehen. Je mehr Juden irgendeine Richtung vertreten oder je mehr die gegebene Richtung, Idee, Erzeugnis ein eigenes Gepräge trägt, desto mehr ist es Judentum. Das ist der eigentliche Schlüssel zur Lösung sämtlicher Aufgaben. Die Hauptsache ist das Konkrete, das jüdische Volk, wie es lebt und webt. Wir sind zunächst keine Schattenbilder, wir sind Menschen. Unsere nationale Geschichte beginnt nicht mit einer Mythologie, und haben es manche Ideen-Assimilanten versucht, unsere Erzväter als Analogien der bekannten Götter oder Halbgötter zu stempeln, so waren es Spielereien einer zügellosen Imagination; für uns sind Abraham, Isaak und Jakob der Geschichte Menschen der Vergangenheit und so sind auch die Abraham, die Isaak und die Jakob der Gegenwart — das lebendige Judentum. So oft die Theoretiker nach dem Wesen des Judentums suchen, und den Kern der Idee zu erfassen bemüht sind — gewiß ganz interessante und lobenswerte Bemühungen — habe ich den Eindruck, daß sie in der Luft schweben. Sie mögen doch zu den vielen Juden gehen, mit ihnen zusammen leben, zusammen fühlen. Das ist Judentum. * ... *

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