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Die Welt · 1912-02-09 · 6 (9.2.1912) · page 7

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
6 (9.2.1912)
Date
1912-02-09
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 6 DIE2KKELT 173 dieser Vermutungen wirklich durch die nachfolgenden Ereignisse bestätigt, so erschiene die Handlungsweise Rabbi Nahums noch in einem viel traurigeren Lichte. Diese Art, zu gehen, weil man hatte gehen wollen und den Rücken gut gedeckt wußte, wäre unqualifizierbar. Es wäre fast nicht zu glauben, daß ein oberster geistlicher Vertreter, ein „Friedensfürst", einen solchen Abgang, mit Zurücklassung von Anklagen, Unruhe und Verwirrung, hätte inszenieren können. Die mildeste Form, die sich für die eigentlichen und wahren Gründe des Rücktrittes Rabbi Nahums finden läßt, und die zugleich die allergrößte Dosis von Wahrscheinlichkeit in sich trägt, ist aber die folgende: Der ganze Akt ist nur ein Manöver. Er ist darauf berechnet, den gegenwärtigen Medschliß dschesmani an die Luft zu setzen. Rabbi Nahum konnte ihn schlechterdings nicht mehr ertragen. Er war ihm zu national, er war ihm ,,zu zionistisch". Er ließ sich absolut nicht wie der vorige von dem Großrabbiner nach den Orders des Herrn Bigart in Paris kommandieren. Er war ihm zu ernst, zu reformerisch, zu energisch, zu erfolgreich. Er war ihm zu aschkenasisch. Er enthielt Personen, die ihm außerordentlich peinlich waren, die seinen im alten Regime erworbenen politischen Kampfmethoden gewachsen waren. Er trug seinen Ansprüchen auf äußerliche Ehrungen und Huldigungen nicht genügend Rechnung. Er hielt sich alle jene Kreaturen aus der Gemeindestube und der Presse, die früher die Herrschaft der Honoratioren begründet hatten, entschieden vom Leibe. Er schien ihm zuviel Fühlung zu haben mit dem unschuldigen, aber als Konkurrenz der Allianz von ihm gefürchteten Orden Bene Berith. Das alles waren zum größten Teile Phantasien, aber es wurde auf die Dauer für Rabbi Nahum unerträglich. So benutzte er denn die erste ihm geeignet erscheinende Gelegenheit, um sich von diesem Alb zu befreien. Sicher ist, daß die alte Clique in letzter Zeit wieder ständig, wenn auch heimlich, um ihn war. Es gab im Großrabbinate eine Menge inoffizieller Sitzungen, in denen getuschelt und verschworen wurde. Die guten Freunde haben ihm den schlechten Rat gegeben, daß es an der Zeit sei, einen Coup zu versuchen. Sie selber hatten dabei nicht viel zu verlieren: sie waren sowieso aus dem Spiele und ohne Einfluß. Gelang der Streich nicht, so war der Großrabbiner eben geopfert, der unter den obwaltenden Umständen ja doch nichts für sie bedeutete; gelang er aber, nun dann um so besser, so konnten sie vielleicht jetzt wieder ans Ruder gelangen. Sie müssen mit Rabbi Nahum geglaubt haben, daß die traditionelle Aschkenasimfurcht und das Schreckgespenst des angerufenen Gesetzes genügen würden, um eine allgemeine Revolution der Gemüter hervorzurufen, um einen Staatsstreich zur Rettung des geliebten Großrabbiners und zum Sturze des Medschliß dschesmani herbeizuführen. Man dachte wohl, die von Nahum bereits wieder zum Teil „gewonnenen" Rabbiner und den großen Medschliß, die sogenannte Nationalversammlung, in der man eine Majorität zu finden hoffte, gegen den Dschesmani aufzurufen. Man erwartete jedenfalls von dem großen Medschliß ein Mißtrauensvotum gegen den kleinen und diesen entweder demissionieren oder gewaltsam ersetzt zu sehen. Dann würde der zum Scheine zurückgetretene Großrabbiner wieder auf der Bildfläche erscheinen und die Zügel der bekannten antinationalistischen Regierung wieder in die erlauchten Hände nehmen. Es läßt sich im Augenblick noch nicht übersehen, wie der Kampf ausgehen wird. Der Medschliss dschesmani hat, wie die letzten Telegramme aus Konstantinopel melden, die Demission des Großrabbiners e i n s t i m m ig a ngenomm e n. Doch scheint damit nur die erste Phase des Kampfes beendet zu sein. CSSD (SMS) Die wirtschaftliche Lage in Beirut. Bereits zu Anfang des Jahres 1911 war die Geschäftslage des Beiruter Marktes recht ungünstig. Eine schlechte Ernte hatte die Kaufkraft vermindert, die Unruhen im Hauran und überhaupt die unsichere innerpolitische Lage hatten große Zurückhaltung und Vorsicht im geschäftlichen Verkehr zur Folge. Gegen Ende des Sommers trat dann an verschiedenen Plätzen Syriens, vor allem in Damaskus, Tripolis und Haifa, die Cholera auf. Beirut selbst ist, wohl dank seiner guten Wasserleitung, verschont geblieben. Nur zwei vereinzelte Fälle wurden konstatiert. Die Wirkung, die die Cholera auf den hiesigen Platz gehabt hat, war auch sonst nur gering. Schwerwiegender sind aber die Schädigungen, die der Handel durch den italienischtürkischen Krieg erlitten. In den ersten Wochen nach der Kriegserklärung war das Geschäftsleben wie erstarrt. Neue Engagements wurden nicht abgeschlossen, alte suchte man vielfach, selbst unter Verlust, rückgängig zu machen, die Kredite wurden stark beschnitten, bares Geld war kaum zu bekommen. Allgemein wurde ein großer Krach befürchtet, da es hier viel ungesunde Elemente gibt, die ganz ungerechtfertigte Kredite in Anspruch nehmen. Als es sich dann aber herausstellte, daß der Handel der neutralen Mächte mit der europäischen und asiatischen Türkei durch den Krieg keine Beschränkung erfuhr, und daß die Feindseligkeiten in der Hauptsache auf Tripolis beschränkt blieben, trat hier wieder größere Beruhigung ein und das geschäftliche Leben fing wieder an, sich in normalen Bahnen zu bewegen. Großes Verdienst muß den hiesigen großen Banken zugeschrieben werden. S i c haben durch eine vernünftige Kreditpolitik wesentlich dazu beigetragen, daß Beirut von stärkeren Erschütterungen verschont geblieben ist*). In letzter Zeit ist eine größere Zahlungseinstellung vorgekommen. Es handelt sich um eine einheimische Privatbank, deren Passiva etwa 2 Millionen Frank betragen. Bemerkenswert ist aber, daß dieser Konkurs nicht durch die ungünstige Geschäftslage, sondern durch mehrjährige Veruntreuungen von Angestellten verschuldet worden ist. Auch sonst sind einige weniger bedeutende Zusammenbrüche erfolgt, deren Zahl das Normale übersteigt, so daß man von einer sich langsam verschärfenden Krise sprechen kann. Eine Katastrophe dürfte aber für den Platz zunächst nicht zu befürchten sein. Je länger die gegenwärtige unsichere innere und iäußere Situation andauert, desto größer wird aber die Gefahr eines allgemeinen Krachs. Italienische Waren werden hier nicht mehr eingeführt, da der Wertzoll von 100 % als Prohibitivzoll wirkt. Bei dem durchweg schlechten Geschäftsgange hat sich dieser Ausfall bisher nicht sehr bemerkbar gemacht, da erst die vorhandenen Vorräte aufgebraucht werden. Bald wird sich aber die Notwendigkeit eines Ersatzes herausstellen. Italien war in erheblichem Maße an der Einfuhr beteiligt. Vor allem lieferte es Baumwollgarne, Manufakturwaren, namentlich bedruckte und *) Von uns gesperrt. (Die Redaktion.)

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