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Die Welt · 1912-02-09 · 6 (9.2.1912) · page 5

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
6 (9.2.1912)
Date
1912-02-09
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 6 inent, auf dem sicher gebaut werden wird, und das nicht mehr entwurzelt und nicht mehr vernichtet werden kann. In diesen beiden Aufgaben gibt es kein „früher" und kein wichtiger". Sie müssen eben beide gleichzeitig und mit gleicher Energie und Intensität erfüllt werden. Denn: Land ohne Kultur ist tot und Kultur ohne Land ist hohl. Schließlich wird ja auch nach beiden Richtungen gearbeitet, freilich nur schwach und langsam. Darauf kommt es an auf das Tempo, den Schwung, den Elan. Starke und klare Anregungen von oben, treue und ausgiebige Mitarbeit von unten -- so kommen wir schon vorwärts. Heinrich Grünau: Wenn als grundlegendes Prinzip der zionistischen Bewegung das B a s 1 e r P r o g r a m m betrachtet wird, das in Palästina eine Heimstätte für das jüdische Volk gründen will, so hat sich meiner Ansicht nach auch nicht ein Jota an dieser Eundamentiemng geändert. Nach wie vor ist das in unserem Programm ausgedrückte Bestreben ein unabänderliches geblieben, ein r och er de bronce, der von der Flucht der Zeiten nicht vom Platze gerückt werden konnte. Wird aber die Art und Weise in Betracht gezogen, wie jetzt die Erreichung unseres Zieles im Vergleiche zu früher aufgefaßt wird, so muß zugestanden werden, daß sich gewaltige Aenderungen vollzogen haben. In dein ersten Stadium der Begeisterung" schien es, als ob das ganze jüdische Volk wie ein Mann dem Rufe des großen Herzl folgen müßte, und als ob wir der baldigsten Verwirklichung unseres Ideals entgegenjubeln dürften. Und aus diesem beseligenden Glauben heraus entstand auch die damalige Kampfweise, die einerseits alle Juden um die Zionsfahne zu scharen, andererseits die Regierungen für unsere Sache zu gewinnen suchte. Die hauptsächliche Tätig- 171 keit konzentrierte sich daher auf dem politischen Gebiete. Nachdem aber Herzls Ruf nicht in dein Maße erw idert wurde, als wir erwartet, und statt dessen nur allerhand Mühsal, Schwierigkeiten und Anfeindungen, hauptsächlich sogar aus eigenem Lager, den Weg zum Ziele hemmten und erschwerten, mußte mit der Zeit auch die Methode geändert und eine andere Richtung eingeschlagen werden. Neben der diplomatischen Tätigkeit wurde ein langsames wirtschaftliches Vordringen, eine p e n e t r a 1 i o n p a c i - fique, eingeleitet, die sich auch heute stetig entwickelt und sogar in den Vordergrund getreten ist. Und darin zeigt sich wohl die Verschiedenheit der zionistischen Auffassung unserer Tage gegen früher am prägnantesten. Die innere Empfindung, daß sich in der zionistischen Anschauung so manch.es geändert haben muß, drängt sich» mir am schärfsten durch die Verschiedenheit der Argumentation auf, die ich heute anwenden muß, wenn ich jemanden für die zionistische Idee gewinnen will. Früher wies ich auf die diplomatischen Errungenschaften hin, heute dagegen suche ich bloß durch den Hinweis auf die kolonisatorischen Erfolge zu überzeugen. Es bleibt nur zu wünschen, daß beide Methoden, die frühere und die heutige, Mand in bland gehen, und die diplomatische Tätigkeit, die vordem Alleinherrschern! war, zum Schaden der gesamten Bewegung nicht entthront werde. Als wichtigste Aufgaben der Palästina-Arbeit betrachte ich die Festigung der bereits erzielten Positionen, die Weiterentwicklung aller verheißenden Keime und die nationale Erziehung der einheimischen Judenheit. Der Türkei hingegen müssen bei jeder Gelegenheit die großen Vorteile klar gemacht werden, die ihr aus der Einwanderung und freien Entwicklung des jüdischen Elements erwachsen, damit sie von unserer Loyalität und Nützlichkeit überzeugt werde. blE^ELT Die Demission des türkischen Großrabbiners Wie wir bereits in einem Teile unserer Ausgabe vom 2. Februar meldeten, hat der Großrabbiner der Türkei sein Amt niedergelegt. Es gehen überraschende Dinge vor. Haim Nalium Lf feudi hat es für richtig befunden, plötzlich von seinem Irone herabzusteigen. Das heißt, bis jetzt ist diese Tat erst angezeigt (wenn auch ganz offiziell, nämlich den Präsidenten beider- Medschlisse), immerhin aber noch nicht ausgeführt, denn die Regierung hat von ihm. noch keine Kenntnis und bei der unbegrenzten Möglichkeit der Ueberraschungen, die hier niemals ausgeschlossen sind, hat man die Absicht noch nicht für die Tat zu nehmen. Freilich hat Haim Nahuni mit solcher Geflissentlichkeit und Energie die von ihm glänzend bediente Presse von der Unwiderruflichkeit seines Entschlusses sprechen lassen, daß es für europäische Begriffe mehr als merkwürdig wäre, wenn er sich die Sache auf einmal wieder anders überlegen sollte. Und was ist die Ursache dieses plötzlichen „Blitzes aus heiterm Himmel?" Man sollte es nicht für möglich halten. Der Anlaß ist der Abschluß des endlichen Friedens zwischen der sefardischen Großgenieinde und den Aschkenasim. Sonderbare Verknüpfung: ein Akt des Friedens und der Eintracht Ursache zu heftigstem Widerstande von Seiten des berufenen Hüters und Förderers von Frieden und Einigkeit in der jüdischen Gemeinschaft! Zu mehr als platonischem Widerstande: MEntweder ihr macht den Friedensvertrag rückgängig oder ich gehe von meinem Platze." Der Vertrag, der zwischen dem Großrabbinate, vertreten (|urch das Zentralkonsistorium der Sefardimgemeinde, und den Delegierten der aschkenasischen Juden zu Konstantinopel am 26. Januar 1912 geschlossen wurde, hat folgenden Wortlaut: •Artikel 1. Der Vertrag vom 19. Juni 1890 zwischen dem sefardischen Konsistorium und den Delegierten der aschkenasischen Juden ist hinfällig. A r t i k e 1 2. Die aschkenasischen Juden in den verschiedenen Vierteln der Hauptstadt bilden eine Kommunalverwartung (Haschgacha) mit dem Zentralsitze im Viertel Galata-Pera. Artikel 3. Diese Kommunalverwaltung ist einem speziellen inneren Reglement unterworfen. Artikel 4. Die Kornmunalvenvaltung untersteht religiös und administrativ dem türkischen Großrabbinate bezüglich ihrer Rechte, Pflichten und Stcuerbeiträge. Artikel 5. Das Großrabbinat, resp. das Zentralkonsistorium, subventioniert wie bisher, die aschkenasische Kommunalverwaltung mit 4626 Piastern monatlich. Hingegen nimmt diese die Lasten aller Spenden, Subventionen und Kosten für ihre Wohltätigkeits- und Schulinstitute, für ihre Administration usw. auf sich. Artikel 6. Die an die Aschkenasim fremder Untertanensehaft aus den 4626 Piastern zu zahlenden Subventionen fallen zu Lasten der aschkenasischen Kommunalverwaltung.

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