Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 6 (9.2.1912)
- Date
- 1912-02-09
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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170 DIEE^ELT Nr. 6 Die veränderte politische Lage in der Türkei hat auf die theoretische Begründung des Zionismus keinen Einfluß. Kaum, daß wir in unserer Taktik dadurch angetrieben wurden, noch viel schärfer als früher unser Augenmerk darauf zu richten, die Sympathien der ottomanischen Regierung und der Bevölkerung zu erlangen. Wollten wir eine A e n d e r u n g der Theorie konstruieren, um definitiv die Arbeitsmethoden des Herzischen Zionismus zu verlassen, so wäre dies ein verhängnisvoller Fehler. Verschiebungen in der Auffassung des Zionismus sind in jenen Kreisen entstanden, die im Beginn nur von der humanitären oder philanthropischen Begründung ergriffen wurden und sich erst allmählich zum Zionismus mit all seinen Konsequenzen durcharbeiteten. Oder vielleicht auch bei jenen, die durch andere Voraussetzungen, als die reinen Herzlianer zum Zionismus gekommen sind. Die Chowewe - Zionisten haben immer die Palästinaarbeit an sich in den Vordergrund gestellt. Nun scheint diese bei manchen, allerdings nur bei manchen, nach und nach den ganzen Gesichtskreis auszufüllen, und in demselben Maße nimmt bei ihnen das Verständnis für den politischen Zionismus ab. Die Kulturzionisten, die den Dingen immer tiefer auf den Grund gehen wollten, sind im ganzen dieselben geblieben. Die wenigen Jahre zionistischer Propaganda haben bloß ihren „berechtigten4' Forderungen mehr Anhänger erworben und ihre Arbeit etwas leichter und möglicher gemacht. Alle, die vom Herzischen Zionismus durchdrungen sind, wissen von keiner Aenderung der Theorie, sie sehen in der praktischen Arbeit, soweit sie die Organisation leisten kann, ein Mittel zum Zweck, und in der Kulturarbeit eine natürliche Begleiterscheinung der nationalen Renaissance. Die Rückkehr zum Judentum, das Vordringen bis zu den Urquellen echt jüdischen Geistes ist Grundbedingung des Zionismus. Ad 2. Unsere wichtigsten Aufgaben bezüglich der Palästinaarbeit sind: Erstens: Alle unsere Palästina-Unternehmungen zu konsolidieren und erst dann an neue Gründungen heranzutreten, wenn diese Arbeit durchgeführt ist. Unsere praktische Arbeit muß nach kaufmännischen Prinzipien von Fachleuten geleitet werden, deren Fälligkeit nur auf dem Gebiete der Arbeit zu suchen ist. Eine Unternehmung, die auf einer Theorie aufgebaut, von Theoretikern geleitet wird, gibt keine genügende Sicherheit der Lebensfähigkeit. Hier besteht ein Begriff sunterschied, auf den nicht oft und kräftig genug hingewiesen werden kann, um endlich von allen verstanden zu werden. D i e Theorie ist unantastbar in beziig auf unser ganzes Programm. Im Detail, in der Ausführung einer Arbeit im Dienste der Theorie hat nur die nüchterne Praxis zu entscheiden. Zweitens ist unsere Aufgabe, alle unsere Gesinnungsgenossen dazu zu erziehen, einen Teil ihres Vermögens in Palästina-Unternehmungen anzulegen. Solange dies nicht geschieht, ist eine erfolgreiche, praktische Pionierarbeit im großen Stil, die durch ihre eigene Kraft wächst und werbend wirkt, nicht denkbar. Die Tat, die fertige Tat, spricht die deutlichste, die unwiderleglichste Sprache. Dr. O. Thon: Sehr geehrter Herr Redakteur! Verzeihen Sie mir, wenn ich es Ihnen rund heraus sage, daß Ihre erste Frage so formuliert ist, daß auf sie eine objektive Antwort zu geben überaus schwierig, wenn nicht gar unmöglich ist. Zweifellos hat es von allem Anfang an sehr viele Zionisten — sogar in führender Stellung — gegeben, die den Zionismus in allen seinen ideologischen und gefühlsmäßigen Grundlagen, sowie in allen seinen praktischen Ausläufern so tief erfaßt, erkannt und erlebt haben, daß eine weitere Vertiefung nicht mehr denkbar ist. Ebenso zweifellos ist es, daß es noch heute sehr zahlreiche Zionisten — vielleicht sogar auch in führender Stellung — gibt, denen der Zionismus noch bis heute nicht ein tiefes, die ganze Seele ergreifendes und durchdringendes Erlebnis geworden ist. Es wird wohl darauf ankommen, von welcher Gegend her man zum Zionismus gelangt ist. Wer, mitten im vollen, lebendigen Judentum aufgewachsen, seine Literatur in sich aufgenommen, seine Anschauungen gründlich erkannt hat, von seinem Streben und Hoffen erfüllt war, Zionist geworden ist, für den ist Zionismus bloß eine Klärung und Vertiefung seines jüdischen Bewußtseins, seines Lebensgefühls, sozusagen seiner ganzen ratio essendi. Da ist Zionismus die natürliche, endgültig vollzogene und bewußt-erlebte Synthese des Judentums mit dem modernen Menschentum. Wer aber zum Zionismus erst auf Grund einer Art von Bekehrung gekommen ist, während er früher in fremde Welten einzudringen versucht und verschlossene Türen oder abweisende Wächter vorgefunden hat, und dann aus Stolz oder Trotz Zionist geworden, -- dem mag der Zionismus wirklich bloß eine mehr oder minder oberflächliche neue gesellschaftliche Bindung, ein neues ungestörtes Arbeitsgebiet, ein neues Programm gewesen und geblieben sein. Indessen wird durch lange Uebung wohl auch bei dieser Kategorie von Zionisten das Verständnis und die Erkenntnis des Judentums sich einigermaßen vertieft haben. In diesem Sinne darf man von einer Vertiefung, von einer V e r j u d u n g und N a t i o n a 1 i s i e r u n g des Zionismus sprechen. Nicht für uns östliche Ur zionisten, sondern für die Masse der g e wo rdenen Westzionisten. In diesen Kreisen --- aber auch nur in diesen — darf auch von einer Verschiebung mancher T^eile des zionistischen Gedankenbaues gesprochen werden. Der „Juden staat" mußte naturgemäß dem „Judenz entrurn" weichen. Eine sehr ernste Grundlage des zionistischen Programms war doch der Juden staat im Grunde genommen niemals. Auch für Herzl war der „Judenstaat'4 mehr ein Schlachtruf, als ein fest und klar umrissenes Programm. Zu dieser Frage muß aber noch eines gesagt werden: Eine v o 11 e , umfassende theoretische Fundam e n t i e r u n g des Zionismus besitzen wir noch nicht. Es sind wohl schon manche Bausteine, darunter auch wertvolle und für das Fundament verwendbare, zusammengetragen worden. Ein Bau ist noch nicht errichtet. Ich glaube, daß es keinen Zionisten gibt, der auf Grund von eigener Begabung und entsprechendem Studium überhaupt an eine derartige Aufgabe sich heranwagen kann, der nicht davon träumt, diese grundlegende Arbeit zu leisten. Ich für meine Person betrachte es geradezu als meine Lebensaufgabe, den Zionismus in seiner ganzen Breite von allen Seiten her, der sozialen, ökonomischen, religiösen und allgemein kulturellen, theoretisch zu begründen. Es wird mein Lebensglück sein, wenn es mir gegönnt sein wird, diese Lebensaufgabe zu erfüllen. Die zweite Frage ist allerdings leicht zu beantworten und dürfte wohl im großen und ganzen zu nicht viel Meinungsverschiedenheit Anlaß geben. Da sind die Richtlinien fest vorgezeichnet. In Palästina müssen wir jetzt und später Land erwerben und Kultur schaffen. Land erwerben — das heißt natürlich auch: Juden ansiedeln. Und was die Kultur anlangt, so glaube ich, daß wir jetzt ungefähr die Zeit Esra's und Nehemia's durchleben. Und da gilt es eben, wie damals, das Kulturfundament zu legen. Jüdische Schulen, der Ausbau der hebräischen Sprache in Wort und Schrifttum, jüdische Kunst und überhaupt jüdische Eigenart in allen Lebensformen und Lebensinhalten, — das alles ist ein Funda-