Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1912-02-09 · 6 (9.2.1912) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
6 (9.2.1912)
Date
1912-02-09
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3315709-3316514-3316521--55618-3349440
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 6 Und wie der Ausgangspunkt, so ist auch die Methode eine wesentlich andere geworden. Ursprünglich ein Plan, heute — eine organisch sich entwickelnde Bewegung. Der Zionismus ist uns heute ein evolutiver Prozeß nationaler Gesundung mittels Schaffung einer kohärenten, wirtschaftlich und kulturell produktiven jüdischen Bevölkerung in der alten Volksheimat. Ad 2. Die wichtigsten Aufgaben unserer Organisation bezüglich der Palästina-Arbeit hat der Palästinaauisschuß des letzten Kongresses eingehend erörtert und in konkrete Vorschläge gefaßt. Es bleibt nur noch zu wünschen, daß die diesbezüglichen, voim Kongresse akzeptierten Resolutionen auch zur Tat werden. Kurz gefaßt heißen unsere wichtigsten Aufgaben in diesem Augenblicke: Agrarkredit, 'Arbeiterfürsorge und Erziehung, namentlich Erziehung zur Landwirtschaft. Zurzeit hat die Organisation in Palästtina noch eine weitere, außerordentlich wichtige Aufgabe. Diese Aufgabe ist organisatorischer Natur. Es gilt, alle zionistische Arbeit im Lande zu vereinheitlichen und in ein System zu bringen. In den letzten Jahren wurde von Zio nisten gar manches in Palästina geschaffen, ohne daß diese Leistungen der zionistischen O rg a n i s a t i o n in gebührendem Maße zugute gekommen wären. Das muß nun anders werden. Daß Interesse der Bewegung erfordert es, daß die Arbeit der Zionisten unter der Fahne des Zionismus geschieht. Man tröste sich nicht damit, daß die Ernte doch unser sein wird, wer auch säen mag. Die Genugtuung über fremde Arbeit ist ebenso erbärmliches wie gefährliches Faulenzertum. Alles, was für die Neubelebung des Landes geschieht, muß unseren Stempel tragen, von unseren Ideen beseelt sein. Und zwar nicht bloß des Prestiges wegen. Es handelt sich auch um unseren unmittelbaren Einfluß im Lande —- und in den Golusländern. Jene ungreifbarc und unschätzbare Ausstrahlung, die jetzt schon jede Regung des neuaufkeimenden Lebens in Palästina nach der gesamten Diaspora aussendet, soll unseren Stolz und unsere Hoffnung verkünden. Das „Wie" ist Sache unserer Leitung. Dr. Felix Pinkus: Zur Beantwortung der Frage 1 fühle ich mich nicht kompetent, jedoch bin ich der Meinung, daß sich an den theoretischen Grundlagen des Zionismus nichts geändert hat, wenn auch im Westen der Wohltätigkeitszionismus glücklicherweise vollständig verdrängt scheint. Zur Frage 2: Als wichtigste Aufgabe unserer Organisation in bezug auf die Palästinaarbeit erscheint mir: 1. Die Oeffnung des internationalen Geldmarktes für unsere Banken; 2. Anschluß dieser an einen der großen Orientbankenkonzerne. Dr. S. Franzie-Berenstein: 1. Die theoretische Fundamentierung des Zionismus hat sich meines Erachtens nicht geändert, obwohl gewiß mancher Zionist die grundlegenden Prinzipien der Bewegung heute anders versteht, als es sein sollte, und als sie noch immer zu verstehen sind. Diejenigen, die meinen, der Zionismus habe nur die kolonisatorische Tätigkeit zu leisten, um seinen theoretischen Grundlagen entsprechend zu handeln, oder diejenigen, die unserer Bewegung nur kulturelle Bedeutung beimessen, verstehen ihre grundlegenden Prinzipien falsch. Aber daß solche Strömungen da sind, genügt nicht, um auf eine allgemeine Aenderung in der theoretischen Begründung des Zionismus zu schließen. Noch immer bildet die jüdisch-nationale Idee und der 169 politisch-jüdische Gedanke die theoretische Grundlage des Zionismus. Noch immer will der Zionismus die Pflege einer eigenen national-jüdischen Politik, d. h. er verfolgt das Ziel, das jüdische Volk in seiner alten Heimat zu einer ökonomisch, kulturell und politisch eigen gearteten Volksgemeinschaft heranzubilden. So wird, so weit ich es übersehen kann, die Grundlage der zionistischen Bestrebungen noch immer, sowohl von Zionisten wie von Anti-Zionasten, verstanden. Es mag sein, daß im Anfang mehr die physische Seite der Judenfrage, heute dagegen mehr die psychische Seite zum Ausgangspunkt der zionistischen Forderungen gemacht wird. In diesem Falle betrifft die Aenderung der Anschauung doch nur „unwesentliche Teile des zionistischen Gedankenbaues". Zweifellos ist das System des Zionismus nicht nach allen Richtungen im gleichen Maße ausgebaut, aber das kann an seinem Wesen nichts ändern. Dieser Ausbau muß sich den politischen und ökonomischen Verhältnissen in Palästina und im Orient anpassen, wodurch jedoch die theoretische Fundamentierung nicht berührt wird. 2. Die wichtigste Arbeit unserer Organisation in Palästina scheint mir die Konzentration und die Stärkung unserer bereits vorhandenen ökonomischen Mittel zu sein. Die kulturelle Tätigkeit ist erst an zweiter Setlle notwendig, und soll mehr der Initiative der einzelnen Zionisten als der Arbeit unserer Organisation entspringen. Die Organisation soll nur für die Konzentration und die Systematisierung der kulturellen Arbeiten tätig sein. Jean Fischer: Wiewohl ich mir vom Resultate der Rundfrage und der sich daran unvermeidlich knüpfenden Polemik in der zionistischen Presse für den Fortschritt der Bewegung nicht sehr viel verspreche, will ich doch Ihrer wiederholten Aufforderung Folge leisten. Ad 1. Sie fragen, ob sich in der theoretischen Fundamentierung des Zionismus Aenderungen vollzogen haben? Für mich als politischen Zionisten: Nein. Die Ursachen, welche den Zionismus mit zwingender Gewalt hervorbrachten, bestehen nach wie vor. Diese sind: des jüdischen Volkes anomale Lage in der Diaspora und seine unausrottbare Lebenskraft. Wie die grundlegenden Prinzipien vom einzelnen verstanden werden, ist nebensächlich, Hauptsache ist, daß sie allgemeine Anerkennung gefunden haben. Wenn in der ersten Zeit des Zionismus die ökonomische Seite der Judenfrage mehr betont wurde und wenn jetzt mehr von der Intensivierung des zionistischen Gedankens und von Kulturarbeit die Rede ist, so kann dies keine Aenderung in der Begründung genannt werden. Solange der Zionismus nicht einen wesentlichen Teil seines Programms verwirklicht hat, bleibt sein Ziel und seine Fundamentierung unverändert. Die allergrößten äußeren Schwierigkeiten berühren nicht den Kern der ihm innewohnenden Wahrheit. Manch ungeduldiger Kulturzionist mag in schwachen Stunden vorsichtig lispelnd den Gedanken aussprechen: „Es muß etwas Neues kommen, der Zionismus ist nur der Vorläufer von etwas Größerem, von etwas Großem, das alle Juden mit elementarer Gewalt fortreißen wird." — Im Sturmschritt kommen wir nicht zum Ziel, das ist eine der vielen Erfahrungen, die wir bei der Arbeit gemacht haben. Das Größere kann nicht eintreten, solange die Forderung des Zionismus nicht erfüllt ist, das Große ist nur dann möglich, wenn wir unser Ziel erreicht haben. Das ist der tiefe, unabänderliche Sinn des Herzischen Zionismus. Er erstrebt, das jüdische Volk in solche Lebensbedingungen zu versetzen, welche dessen uneingeschränkte Entwicklung zulassen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.