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Die Welt · 1912-02-09 · 6 (9.2.1912) · page 2

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Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
6 (9.2.1912)
Date
1912-02-09
Page
– (sequence 2)
Language
German
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168 -D1E2 Lebens diese psychologisch interessanten, aber für die Sache selbst höchst unerheblichen Meinungsäußerungen wenig oder gar nicht informierter Männer der Oeffentlichkeit unterbreitet haben. Die zionistische Bewegung ist in der Rundfrage ebenfalls erwähnt und findet daher auch ihre Beurteiler. Nun wissen wir ja aus langer Erfahrung, mit welchen Einwänden wir im allgemeinen zu kämpfen haben und wundern uns nicht über die schiefen Urteile, die uns vielfach entgegentreten. Aber lohnt es sich überhaupt, die Meinung von Leuten zu kritisieren, die von den elementarsten Voraussetzungen unserer Bewegung offenbar noch nie etwas gehört haben? Es lohnt ganz und gar nicht. Wir können aus dieser Samnielschrift nur eine Folgerung ziehen: Durch unaufhörliche Aufklärungsarbeit unsere Ideen weiter zu verbreiten, damit die Methode der Betrachtung, wie sie noch vielfach üblich ist und auch aus dem vorliegenden Buche spricht, sich von Grund aus ändere. Diese Schriftsteller und Gelehrten, die mit der Judenfrage spielen, die irgendeine Teilerscheinung, irgendeine persönliche Erfahrung herausgreifen und sie bedenkenlos verallgemeinern, müssen darüber belehrt werden, daß die Judenfrage eine nationale Frage ist, daß die Juden nicht Objekte einer theoretischen Forderung, sondern mit eigenem Willen [ELT — Nr. 6 begabte Menschen sind, die sich ihr nationales Leben nach ihrem Ermessen gestalten wollen. Sie müssen erfahren, daß die Juden nicht die Absicht haben, ihre nationale Existenz im Dienst einer ethischen oder naturwissenschaftlichen Liebhaberei aufzuopfern, daß sie weder Versuchskaninchen für Rassenkreuzungstheoretiker nodi Apostel religiöser Missionstheorien sind. Diese Schriftsteller und Gelehrten, die mit so ahnungslosem Gemüt über die Judenfrage handeln, würden es sicher als außerhalb ihres Urteilsbereiches liegend ablehnen, die Zukunft der Chinesen oder der Hindus im Feuilletonstil zu erledigen. Von diesen Völkerschaften aber wissen sie sicher ebenso viel oder ebenso wenig wie von dem jüdischen Volk, dessen Eigenart und dessen Bedürfnisse der Uneingeweihte weder in den Hörsälen unserer Universitäten noch im Literatencafe „ergründen kann. Die Tatsachen unseres nationalen Daseins und unseres nationalen Wollens der Kulturwelt zum Bewußtsein zu bringen, ist unsere Aufgabe. Erst wenn diese erfüllt ist, werden wir auf besseres Verständnis rechnen können. Auch aus diesem Grunde ist es nötig, in unserer Agitation keine Verdunkelung unseres nationalen Programms zu dulden, sondern den nationalen Charakter der zionistischen Bewegung mit aller Schärfe zu betonen. R. L. Zur Entwicklung des zionistischen Gedankens*) (Eine Rundfrage.) Wir setzen die Veröffentlichung der Antworten, die uns auf unsere Rundfrage zugegangen sind, in den nächsteh Nummern fort. Die Fragen lauteten: 1. Haben sich seit den ersten Jahren nach der Begründung der zionistischen Organisation in der theoretischen Fundamentierung des Zionismus Aenderungen vollzogen, d. h. werden die grundlegenden Prinzipien des Zionismus heute anders verstanden als in jener früheren Zeit? Haben sich nur unwesentliche Teile, des zionistischen Gedankenbaues geändert, oder betreffen die Verschiebungen in der Auffassung wesentliche Teile desselben? 2. Welches sind die wichtigsten Aufgaben unserer Organisation bezüglich der Palästina-Arbeit in der nächsten Zukunft? Dr. M. Glücksohn: Ad 1. Die erste Frage bedarf eigentlich keiner Antwort, weil sie nur eine zuläßt. Kann denn noch ein Zweifel darüber bestehen, daß die theoretische Fundamentierung des Zionismus heutzutage eine wesentlich andere ist, als vor fünfzehn Jahren? Die Verschiebung der Auffassung betrifft freilich weniger die Begründung der subjektiven Notwendigkeit des Zionismus. Was P i n s k e r und Achad-Haam, H e r z 1 und Nordau von der inneren Haltlosigkeit der Assimilation, von der physischen und moralischen Judenn ot sagten, gilt in der Hauptsache noch heute. Nur daß mit der Zeit das kulturelle Moment, das Problem des Schöpferischen, schärfer in die Erscheinung trat. Früher war der Zionismus die stolze Zurückgezogenheit des verletz- *) Vgl. „Die Welt" Nr. 5 d. J, ten Selbstgefühls, der vornehme Weg richtiger: Ausweg — des ungerecht gekränkten, in seinen besten Gefühlen beleidigten Doktor Cohn. Heute ist er der Ausdruck eines heißen Ringens nach nationalem Volleben, einer großen, schöpferischen Sehnsucht nach dem eigenen Urwesen, nach innerer Echtheit und Einheit. Aber auch hierin ist ein Fortschritt gegen Achad-Haam nur in der subjektiven Färbung, in der ästhetischen Nuance der Forderung nach innerer Freiheit und Eigenpersönlichkeit zu verzeichnen. Wesentlich verschoben hat sich hingegen die theoretische Begründung der Entwicklung und des Sieges der Bewegung. Der Zionismus war früher bloß eine hehre Idee, ein achtunggebietendes Willensphänomen der gequälten Volksseele, aber den wissenschaftlichen Beweis für die historische Notwendigkeit, oder auch nur Wahrscheinlichkeit seines Sieges blieb er schuldig. Die Beweisführung des Zionismus — nicht seine Berechtigung, sondern sein Gelingen betreffend — war zu jener Zeit naiv und unbeholfen. Man stützte sich auf zufällige Erscheinungen in der Außenwelt, auf wahrscheinliche Kombinationen und Konjunkturen in der Weltpolitik. Heute stützen wir uns auf die Wirklichkeiten und Möglichkeiten einer inneren Entwicklung. Früher war der Antisemitismus die entscheidende Instanz gegen die Assimilation, heute ist es die innere Lebenskraft, der hohe Rassen- und Kulturwert des jüdischen Volkes. Nicht ein äußerer, negativer Machtfaktor, sondern eine innere positive Gegenkraft steht der Selbstauflösung des Volkes im Wege. Herzl argumentiert: „Wir sind ein Volk — der Feind macht uns ohne unseren Willen dazu." „Nur der E)ruck preßt uns wieder an den alten Stamm." Für Ruppin hingegen — um einen der Jüngeren zu nennen — ist der Antisemitismus keim zureichendes Hemmnis der Assimilation. Schwerer fällt das positive Moment ins Gewicht: der Wille zum Leben.

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