Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 6 (9.2.1912)
- Date
- 1912-02-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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DIE BERLIN W15, SACHSISCHE STR. 8. W ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XVI JAHRG. BERLIN, 9. Februar 1912 i:m^? y'önn 'N tsnr N"D ffill Nr. 6 AUFKLÄRUNGSARBEIT Wir können seit einigen Jahren mit Befriedigung feststellen, daß die geistigen Leistungen der zionistischen Bewegung tiefgehenden Einfluß auf die rings um uns herrschende Anschauung vom Judentum ausüben. Unsere Ideen, unsere Formulierung der Juden- Iragc dringen mehr und mehr in das Bewußtsein von Juden und Christen, und vieles von dem, was vor 15 Jahren revolutionär wirkte, scheint heute Gemeingut geworden zu sein. Besonders deutlich ist diese Wirkung in den jüdischen Kreisen zu verspüren, die sich mit Palästinaarbeit oder allgemeinen jüdischen Aufgaben beschäftigen. Der Gedanke der planmäßigen An- Siedlung jüdischer Massen ----- im Gegensatz zur Zerstreuungstheorie der Philanthropen stößt kaum noch auf nennenswerten Widerstand. Schwerer freilich ist die nationale Idee, diese erste Voraussetzung unserer Arbeit, zu neuem Leben zu erwecken, und hier bleibt noch unendlich viel zu tun übrig. Aber auch in nichtjüdischen Kreisen haben sicli seit dem Auftreten des Zionismus bemerkenswerte Wandlungen vollzogen. Man beginnt da und dort den nationalen Willen der Juden zu begreifen und zu respektieren. Manche Kreise freilich — insbesondere die liberalen und sozialistischen Politiker — betrachten die Juden noch immer als Anhängsel ihrer eigenen Parteien, als Träger ihrer Programme und sind noch nicht dazu gelangt, den Juden das Recht auf eigene nationale Existenz, auf eigenes nationales Wollen zuzuerkennen. Als Beispiel beider Spielarten christlicher Betrachtungsweise mögen die jüngst erschienenen Publikationen Professor Sombarts dienen. Seine Schrift .,D'ie Zukunft der Juden" ist eine Zusammenfassung der Ideengänge, die er in seinen Berliner Vorträgen dargestellt hat. Wir haben seinerzeit ausführlich über diese Vorträge berichtet, in denen Sombart für die Erhaltung der jüdischen Art und für den Zionismus eintrat. Wir liaben diese Vorträge als ein Zeichen der Zeit mit Befriedigung begrüßt, wenngleich nicht alle Einzelheiten seiner Argumentation mit der unserigen übereinstimmen. Nunmehr ist die von Professor Sombart und Dr. P a n cl s b e r g e r herausgegebene Schrift „Judentaufen" erschienen. Es ist eine Sammelschrift, die von Sombart eingeleitet wird, und in der Friedrich Naumann, der Zentrumsabgeordnete Erz berger, die Schriftsteller Frank Wedekind, Hanns Heinz Ewers, Heinrich Mann, Fritz Mauthner, Hermann B a h r, Richard De hmel, Israel Zangwill, Rabbiner Maybau ni, sowie eine ganze Anzahl deutscher Universitätsprofessoren zu Wort gelangen. Von Zionisten sind Max Nord au und Di*. Oppenheimer vertreten. Die Fragen der Herausgeber, auf die die genannten Männer Antwort erteilen, beziehen sich auf die voraussichtlichen Folgen, die eine völlige Assimilation der Juden oder aber die Realisierung des Zionismus in geistiger, politischer und wirtschaftlicher Beziehung ausüben würden. Sehen wir von Sombarts Antwort ab, dessen Ansichten ja im wesentlichen bekannt sind, so bleibt eine recht interessante Sammlung von Aussprüchen kluger und gebildeter Leute übrig, die unter sich sehr verschieden, aber — mit wenigen Ausnahmen - durch ein gemeinsames Merkmal gekennzeichnet sind: völlige Unkenntnis des Judentums und der Judenfrage. Es ist amüsant, zu sehen, wie diese Schriftsteller und Professoren das Judentum je nach ihren höchst persönlichen Neigungen für diese oder jene Tendenzsache reklamieren. Der Sprachforscher glaubt, die Judenfrage werde verschwinden, wenn die Juden die Sprachen ihrer Wirtsvölker mit völliger Reinheit sprechen. Fast alle treten für die Assimilation ein. wenngleich einige bereits davon gehört haben, daß die unglücklichen Juden des Ostens irgendwo angesiedelt werden sollen. Persönliche Erfahrungen werden angeführt, um den Wert der Mischehe oder der Vermählung jüdischen und deutschen Geistes zu beweisen. Aus fast keiner dieser Antworten geht hervor, daß der Verfasser die Juden als Gesamtheit kennt oder sich auch nur bemüht hat, sie kennen zu lernen. Es lohnt nicht, auf Einzelheiten einzugehen. Es ist 4a selbstverständlich und bedeutet keinen Vorwurf, wenn wir feststellen, daß die Judenfrage ein zu verwickeltes- Problem ist, als daß ein geistreicher Schriftsteller, ein gelehrter Professor, sich ihre Lösung gelegentlich aus dem Aerrnel schütteln könnte. Es muß aber gesagt werden, daß die Herausgeber der Schrift leichtsinnig gehandelt haben, da sie unter fast völliger Umgehung der wirklichen Kenner des jüdischen