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Die Welt · 1912-02-02 · 5 (2.2.1912) · page 17

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
5 (2.2.1912)
Date
1912-02-02
Page
– (sequence 17)
Language
German
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Nr. 5 den der Autor mit liebenswürdiger Offenheit mitteilt und finden ihn als Juristen in Prag wieder. Hier trägt er sich ernstlich mit dem Gedanken, die Taufe zu nehmen, bleibt aber Jude. Wie kam das? Hatte ein schwerer innerer Kampf in der Brust des Jünglings getobt? Hörte er die Stimme des Blutes im Herzen? Siegte das stolze Bewußtsein, einer uralten, adeligen Gemeinschaft anzugehören? Scheute er vor der Lüge zurück? Lächerliche Begeisterung!! Der alte Mayer hatte einfach von der Sache erfahren und ließ das Söhnchen „seine unverhüllte Meinung 'wissen". Da also der kluge junge Mann zwischen einer unsicheren Karriere und dem sicheren väterlichen Erbe zu wählen hatte, war der Zwiespalt rasch überwunden. So blieb Mayer junior dem Glauben der Väter erhalten, kehrte schleunigst zu Papa zurück und ging, als ihn eine plötzliche Erkrankung am Rigorosieren hinderte, ins Geschäft des Alten. Bald sehen wir ihn als selbständigen Wiener Tuchhändler und späterhin als wohlbestallten Großkonfektionär. Das Geschäft gedeiht, die Filiale in Kairo blüht, und Siegmund Mayer entdeckt anläßlich des Streiks der Arbeiter seiner Branche in sich den Publizisten und Politiker. Er veröffentlicht eine Brochüre gegen die Sozialdemokratie „Die soziale Frage in Wien", beginnt Artikel für den „Oekonomisten" der „Neuen Freien Presse" zu schreiben und hat — praktisch wie er nun einmal ist — den Einfall, mit Hinweis auf diese Publikationen um eine Stelle als Ministerialrat im Handelsministerium zu kompetieren. Er wird abgewiesen, tröstet sich rasch, wird Wortführer in der schon erwähnten Donaubrückenfrage, macht Front gegen den Wiener Gemeinderat und sitzt bald selbst in dieser Korporation, nachdem er schon vorher die Ehrenämter im Bezirksausschusse, Ortsschulrate und Gewerbevereine erlangt hatte. In der Wiener Ratsstube gehört er zunächst der „Vereinigten Linken" an. Im kleinbürgerlichen Milieu dieser Partei fühlt sich aber der Engrossist Mayer nicht am richtigen Platz. Er teilt sich uns, offenherzig wie immer, folgendermaßen mit: „Ich betrachtete diese kleinen Leute als einer, der sie beschäftigte, der ihnen Verdienst gab, sie bei Wahlen als Wahlleiter haranguierte. Aber hier mußte ich mit ihnen als meines gleichen verkehren." Kein Wunder also, daß wir ihn in kurzer Frist im Klub der „Mittelpartei" antreffen. Da kam die antisemitische Aera: „Ich hatte eigentlich schon ganz vergessen, daß ich Jude war. Jetzt brachten mich die Antisemiten auf diese unangenehme Entdeckung. Den Geburtsfehler konnte ich allerdings nicht ändern, aber es widerspricht durchaus meinen Neigungen und meinem Temperamente, zu schweigen, wenn ich aus keinem anderen Grunde angegriffen wurde, als daß mein Vater, Großvater usw. bis zu Abraham hinauf Juden gewesen; da mußte man doch antworten." Wie antwortete Siegmund Mayer? Es ist der dunkelste Punkt in den „Erinnerungen" und du wirst dich, lieber Leser, mit uns für ihn und seine Ahnen bis /u Abraham hinauf schämen, wenn du erfährst, wie dieser Jude „in eklatanter Weise" dem Antisemitismus ntgegentrat. Er vermaderte einen antisemitischen Kommunalmittelschullehrer, der einen zweiten zum Duell gefordert hatte und verlangte in einer Interpellation vom Bürgermeister das Einschreiten gegen diesen Stadtbeamten, „weil er den Kindern das Beispiel einer gesetzlich verbotenen Handlung gebe". Verhülle dein Haupt, Israel! — — 151 Wohlgefällig fügt der Ehrenpräsident der israelitischen Union seinem Berichte über diese Großtat hinzu: „Von da an hatte man im Genieinderat die Courage erlangt, den Angriffen der Antisemiten entgegenzutreten." Nun, die Chronik weiß, daß die Schüler ihren Meister noch übertrumpft haben. Die Stellungnahme der damaligen Juden im Wiener Genieinderate gehört zu den traurigsten Kapiteln jüdischer Selbsterniedrigung und schmachvoller Würdelosigkeit. Die antisemitische Hochflut schwemmt Siegmund Mayer aus dem Gemeinderate weg, und er zieht sich in seine Komptoirs zurück. Die „Oesterreichisch-israelitische Union" stört ihn aber aus der wohlverdienten Ruhe und zieht ihn einer Enquete zu, die sich damit beschäftigt, wie man am besten den Antisemitismus bekämpft. Mayers Elaborat wird zum Vademecum der Union und verschafft ihm die Würde eines Ehrenpräsidenten. Hier sein Rezept: Die Judenfrage teilt sich in zwei Sonderprobleme, und zwar 1. in den politischen Antisemitismus und 2. in das galizische Judenelend. Das erstere Uebel wird durch eine geeignete Wahltaktik von Fall zu Fall gemildert und schließlich ganz behoben werden, vorausgesetzt, daß man das Gegenteil des Judenhasses, den jüdischen Nationalismus, nicht aufkommen läßt. Als oberstes Prinzip hat zu gelten: „Ein Vertreter der Juden im Parlamente muß mehr wirken durch das, was er ist, als durch das, was er allenfalls in demselben redet" (wörtlich Seite 352). Bleibt das zweite Teilübel, die Not in Galizien. Mayer ist viel zu erfahren, um nicht zu wissen, daß dieses fast beispiellose Elend im Lande selbst höchstens gemildert werden kann und daß eine Industrialisierung Galiziens, die auch wir fordern, nur mit Reichshilfe zu erzielen ist. Da die Frage der Repatriierung für ihn wegfällt, körperliche, geistige und wirtschaftliche Regeneration ihm ein Plunder sind und die Industrialisierung mit Reichshilfe erfolgreich nur die von ihm perhorreszierte Gesamtorganisation der österreichischen Judenschaft im Bunde mit den oppositionellen Ruthenen und von der Schlachta ruinierten polnischen Elementen von der Regierung fordern könnte, nimmt er Elle und Maßstab, rechnet aus, daß „nur" 150 000 Erwerbslose unterzubringen sind und will das Kunststück durch Haarnetzindustrie, Spitzenklöppelei und Einführung des in seiner Firma so glücklich verwerteten Schwitzsystems der Kleiderkonfektion zuwege bringen. Ein „galizisches Proßnitz" ist sein Ideal, und die Züchtung eines jüdischen Werkstättenproletariats a la London und New York der Inbegriff der Judenrettung. * Zum erstenmal haben wir das ausgeprägte, ungeschminkte Bild eines Gegners unserer Auffassung vom Sinn der jüdischen Geschichte, vom Sinn der jüdischen Gegenwart und vom Wesen der Judennot in Händen. Zum erstenmal schildert uns ein ganzer und aufrichtiger Mann aus dem Lager der Assimilanten seinen Werdegang. Deutlich unterscheidet er sich von seinen Epigonen, diesen schwächlichen, herumfackelnden Elementen, die wir nie recht fassen können, die, wenn es vorteilhaft ist, auch erklären, Zionisten zu sein und sich sogar als die wahren Erben Herzls ausgeben. Siegmund Mayer heuchelt keine Liebe zum Judentume, seine gegnerischen Ansichten sind ausgeprägt und eindeutig, und er gibt nicht vor, dasselbe zu wollen wie wir.

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