Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 5 (2.2.1912)
- Date
- 1912-02-02
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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150 o O II □□□□□□ o o V!- -O DIE^ELT FEUILLETON Nr. 5 □□□□□□ =^v o JIS Die Memoiren eines Assimilanten*) Von Dr. Otto Abeles. Ein achtzigjähriger Jude, Großkonfektionär und Politiker dazu, legi seine Memoiren nieder. Ein nüchterner, gesunder Kopf und ein überzeugter Assimilant. Ein gewaltiges Stück österreichischer und ein denkwürdiges Kapitel jüdischer Geschichte hat er mitgemacht: den Vormärz und das Ghetto, das Sturmjahr und den Zug der revolutionären ungarischen Sensenmänner gegen Wien, die Juden emanzipation, die Blütezeit des Altliberalismus, die Nationalitätenkämpfe, die Lebensgeschichte Luegers, die antisemitische Hochflut, die russischen Progrome und die österreichischen Judenexzesse. Um gleich mit einem Streiflicht zu zeigen, wie er diese SO Jahre mitlebte: Die Geschichte von der Donaubrücke, welche die Gemüter der Nordbahnaktionäre gar mächtig bewegte, beschäftigt ihn seitenlang, die Entstehungsgeschichte der „Wiener Pelzkonfektion" gibt er mit behaglichster Breite, der wider seinen energischen Ratschlag unterlassene Ankauf der Tramwayaktien durch den Bürgermeister — ein glänzendes Geschäft für die Kommune wär's gewesen! — bringt sogar sein Blut in Wallung aber das Erstehen der zionistischen Bewegung hat dieser Jude völlig übersehen und tut ihrer in den 400 Seiten seiner „Erinnerungen" kaum Erwähnung. Schönerer und Lueger, Sueß und Mandl, Diner und Hock, Kuranda und Bloch, ja sogar Kleebinder und der Unionssekretär Fleischer treten agierend auf — — aber Theodor Herzl ist in dem Buche nicht genannt. Liegt darin Absicht oder Berechnung? Nein. Die Hauptstärke des Werkes ist -seine Aufrichtigkeit. Die Ursache ist einfach die: diesem Manne, der der Führer der ältesten jüdischen politischen Organisation Oesterreichs wurde, ist zeitlebens alles Jüdische fremd geblieben. Dem Ehrenpräsidenten der österreichischen israelitischen Union ist das Judentum Hekuba. Folgen wir seinem Lebensgange. Im Preßburger Ghetto hat er als Kind reicher Leute anno 1831 das Licht der Welt erblickt. Die anschauliche Schilderung vom Leben und Weben in der Judengaß' muß der sehr gründlichen Entstehungsgeschichte des Preßburger jüdischen Großhandels Platz machen. Der praktische, ach allzu praktische Geist Siegmund Mayers schenkt ihm nicht die Muße, seine Jugenderinnerungen ganz auszuspinnen. Schade! Es gibt nicht viele Achtzigjährige von gleicher Begabung und Frische, die uns Persönliches aus dem Ghetto berichten könnten. Der Statistiker der Abfallbewegung kommt auf seine Rechnung. Man begegnet einer ganzen Schar von millionenreichen Konvertiten, die alle „Preßburger Provenienz" sind, wie sich Herr Mayer branchengemäß ausdrückt. Er berichtet von ihnen mit Humor, von einem andern Preßburger Judensohne hingegen mit Kopfschütteln und Staunen. Er sagt von ihm — einem ge- *) „Ein jüdischer Kaufmann", 1831—1911. Lebenserinnerungen von Sigmund Mayer, Leipzig, Verlag von Dunker & Humblot, 1911. wissen Pappenheim — dieses: „Der Mann, nach Erziehung und Bildung, Charakter und Beruf Gentleman, ist einerseits von modernster Tendenz; er besitzt z. B. die in Europa vollständigste sozialistische Bibliothek — und andererseits ist er von der stärksten jüdischen Empfindung." Herr Mayer kann diese krankhafte Anomalie — gute Erziehung und Bildung in Verbindung mit jüdischem Bewußtsein — nicht begreifen. . . . 1842 öffnen sich die Preßburger Qhettotore, die Firma Mayer übersiedelt als erste in die Christenstadt, und die Wohlhabenden sind rasdi über die Stadt verteilt. Man sieht sofort jene Zweiteilung, die der späteren Geschichte unseres Volkes das Gepräge gab und die (man solange übersehen hat: Nur die Reichen bringen die nötige Münze mit, für welche die Assimilation zu haben ist. Die Armen aber wandern waffenlos aus dem schützenden Ghettotor ins Lager des Feindes und von dort, zusammengepreßt wie eine gejagte Herde, auf die Landstraße. Wie die Annäherung der Begüterten an das neue Milieu versucht wird, ist in dem Buche gut erzählt. Vater Mayer macht eifrigst Bestellungen beim Handwerker rechts, beim Kaufmann links und beim Tabakhändler gegenüber, zahlt mit Wonne die höchsten Preise und kauft unglaubliche Quantitäten. Es nützt nichts. Nachbar Seifensieder und Nachbar Fischhändler bleiben kühl bis ans Herz hinan. Der Sohn knüpft an diese mißglückten Manöver seine Betrachtungen. Er meint, es bestehe uns gegenüber noch ein letzter Rest von Rassenabneigung. Ihn zu überwinden sei der ganze noch zu erreichende Kulturfortschritt. Man sieht, Herr Siegmund Mayer hat das jüdische Problem auf eine genial einfache Formel reduziert. — — Von Preßburg kommt unser Held zu Studienzwecken nach Wien. Die damaligen jüdischen Rechts- und Wirtschaftsverhältnisse in der Kaiserstadt werden eingehend besprochen und lehrreiche Details aus dem Revolutionsjahre mitgeteilt. Den Juden hat die Freiheit nicht gerade liebevoll die Arme entgegengebreitet. Die Wiener beantworteten die Petition der Wiener Kultusgemeinde um Emanzipation mit Pamphleten (z. B. „Die Juden um 2 Kreuzer", „Die Juden wollen Bürger werden") und in Preßburg gab es eine arge Judenhatz. Ein führender Bürger gab die Parole aus: „Was wäre das für Freiheit, wenn man die Juden jetzt nicht wieder vertreiben könnte!", und die guten Preßburger jagen mit Brachialgewalt die ganze Judenheit in das Ghetto zurück, wo sie so lange um ihr Leben zittert, bis das Pester Ministerium militärische Entsetzung sendet. Diese Reminiszenzen fügen sich gut zu einer andern für uns Juden nicht minder denkwürdigen Erinnerung aus dem Sturmjahre, die wir bei Georg Brandes lasen. Der Dichter Moritz Hartmann durchzog an der Spitze einer Rebeilenschar die Straßen. Als der Zug vors Ghetto kam, erwachten plötzlich in der Brust der Freiheitshelden die Rasseninstinkte, statt „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" schrie man „Nieder mit den Juden", und der jüdische Führer mußte das Ghettotor mit seinem Leibe gegen die brüderlichen Kombattanten decken. Wir übergehen den unrühmlichen Anteil Mayers an dem Revolutionsfeldzug des ungarischen Landsturrnies, mmmmummm