Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 5 (2.2.1912)
- Date
- 1912-02-02
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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148 DIEMKE LT Kräften und Mitteln44 anzukämpfen, nicht begriffen hätte. Die die Fahne des entschiedenen Freisinns stolz tränende ,,P r a w - d a'* bezeichnet es als niederträchtige Verleumdung, wenn ihr die schmachvolle Feigheit zugeschrieben würde, gegen die Juden nicht aufrichtig und energisch genug anzukämpfen. Die freisinnig-demokratische ,,M y s 1 N i e p o d I e g 1 a'' spricht mit Stolz und Emphase von ihrer eigenen Unduldsamkeit den Juden gegenüber. Selbst der Voltaire Polens, der im Kampfe für Recht und Freiheit ergraute AI. S w i e t o c h o \v s k y , bezeichnete neuerdings in seiner „Ku Itura P o 1 sk au die Juden als gefährlichen Schwärm von Ratten, dem das unglückliche Polen hoffnungslos preisgegeben sei. Im allgemeinen herrscht zurzeit in der polnischen Presse verschiedener Schattierungen und Richtungen der Ton des zügellosesten Judenhasses, wie wir ihn nur bei M e n s c h i k o w und Konsorten antreffen. Was aber die Expektorationen des polnischen Judenhasses besonders auszeichnet, ist der spezifische Schlachzizen-Hochmut, die zur Schau getragene Geringschätzung und unendliche Mißachtung der Person und der kostbarsten nationalen Werte des „Gegners". Der wirtschaftliche Boykott der Juden hat in letzter Zeit riesenhafte Dimensionen angenommen und läuft auf einen förmlichen Vernichtungskampf hinaus. Vor den jüngsten Weihnachten, zu einer Zeit, wo das allgemeine wirtschaftliche Leben besonders bewegt pulsierte, boten die jüdischen Geschäfte in den polnischen Städten das Bild trostloser Oede und Verlassenheit. Neben den jüdischen Handwerkern und Kleinhändlern werden auch die jüdischen Proletarier unnachsichtlich aus ihren bescheidenen wirtschaftlichen Positionen gedrängt. Aus allen Fabriken und Werkstätten werden die jüdischen Arbeiter ausgeschaltet. Kein Wunder also, daß sich unter den Juden in Warschau in letzter Zeit viele Tausende Arbeitsloser angehäuft haben, die am Hungertuche nagen. Die Not hat unter der jüdischen Bevölkerung Warschaus geradezu grauenerregende Dimensionen angenommen. Alltäglich wird die jüdische Gemeindeverwaltung von tausenden Arbeitslosen belagert, die den Gemeindevorstand anflehen, sie vom Hungertode zu retten. Vor einigen Tagen ist es bei dieser Gelegenheit sogar zu Ausschreitungen gekommen. Zur Kiewer Ritualmordhetze Die Ritualmordhetzer haben in den letzten Tagen eine schwere Enttäuschung erlebt. Bekanntlich hatten sie es seinerzeit durchgesetzt, daß der gewesene Chef der Kiewer Geheimpolizei M i s c h t s c h u k , der den Verdacht der Ermordung Juschtschinskys auf dessen Verwandte gelenkt und überhaupt die Spuren des Verbrechens in Verbrecherkreisen gesucht hatte, seines Amtes enthoben und wegen Dienstverbrechen angeklagt wurde. Später wurde dann der nachmals durch die Ermordung Stolypins arg kompromittierte K u 1 j a b k o herangezogen, und sofort wurde mit der größten Energie auf den „Ritualmord" hingearbeitet, zu welchem Zwecke auch Beilis verhaftet und in Anklagezustand versetzt wurde. — Nun hatte sich die Kiewer Gouvernementalverwaltung dieser Tage mit dem Fall Mischtschuk befaßt und istx zum Ergebnis gelangt, daß dieser sich keiner Pflichtverletzung schuldig gemacht hat. in den Kreisen der „Rechten"' hat diese Tatsache einen entmutigenden Eindruck gemacht. Herr S a w e n k o , der s. Z. als Erster die Ritualmordhetze in der „Semschtschina" und in der „Nowoje Wremja" inauguriert hat, fordert jetzt seine Freunde auf, die Sache aufzugeben. — Inzwischen bemüht sich Untersuchungsrichter Fenenko, den „Ritualmord" vorderhand noch zu retten. Er hat dem Untersuchungsmaterial die Akten der bekannten Ritualmordprozesse einverleibt. Daneben richtete er an den Kiewer Magistrat das Ersuchen, ihm nähere Angaben über die Anzahl der Synagogen und Bethäuser chassidischer und misnagdischer Richtung, ferner die Personalien der Kiewer Schochtim und Rabbiner und Angaben über deren Zugehörigkeit zur chassidischen resp. misnagdischen Richtung zur Verfügung zu stellen. Was Beilis anbetrifft, so wurde er in letzter Zeit aui Grund einer Verfügung von Petersburg aus im Gefängnis streng isoliert. Es hieß, der Staatsanwalt hätte die Vermutung ausgesprochen, daß jemand die Aussagen des Beilis beeinflusse. Massenelend in Odessa Die Gemeindekommission für Verteilung von Heizmaterial an die notleidende jüdische Bevölkerung der Stadt Odessa hat bis jetzt an mehr als 10 000 Familien Heizmaterial austeilen müssen. Nr. 5 NACHRICHTEN j»g] Die Kämpfe in der Alliance Gründung eines deutschen Landeskomitees Am Sonntag, den 28. d. M., fand in Berlin eine von der Deutschen Konferenzgemeinschaft der Alliance Israelite Universelle einberufene Delegiertenversammlung der deutschen Lokalkomitees statt, die zu dein Vorgehen der Pariser Leitung- Stellung nehmen sollte. Die Versammlung war sehr stark beschickt. Abgesehen von zahlreichen Gästen, die den Verhandlungen folgten, nahmen daran als stimmberechtigte Mitglieder 18 Berliner und etwa 50 Herren aus allen Teilen des Reiches teil. Nach längeren Verhandlungen wurde mit allen gegen eine Stimme die Gründung eines Deutschen Landes-Komitees der Alliance Israelite Universelle beschlossen und ein Komitee aus 5 Personen eingesetzt, das bis zur Einsetzung des definitiven Vorstandes die Geschäfte des Landeskomitees führen wird. Diesem vorbereitenden Komitee gehören auch die Herren Geheimrat Landau und Justizrat Fuchs an. Der Leitung der deutschen Konferenzgemeinschait wurde einstimmig ein Vertrauensvotum erteilt. Ministerpräsident Kokowzew über den russisch-amerikanischen Paßkonflikt In einer Unterredung, die der Petersburger Korrespondent eines amerikanischen Wochenblattes dieser Tage mit dem Premierminister Kokowzew hatte, äußerte sich Kokowzew u. a. folgendermaßen über die Kündigung des russisch-amerikanischen Handelsvertrages: Keine Regierung eines zivilisierten Landes habe jemals Einspruch erhoben gegen das selbstverständliche Recht eines jeden Staates, nach eigenem Gutdünken zu bestimmen, welche Kategorien von Ausländern für den betreffenden Staat unerwünscht sind. Dies sei eine der Hauptgrundlagen des Völkerrechts, und auch Amerika habe von diesem Recht ausgiebig Gebrauch gemacht, indem es die Einwanderung gewisser ausländischer Elemente, die dort aus wirtschaftlichen, sanitären, rassenpolitischen, religiösen oder moralischen Ursachen! als „unerwünscht" angesehen werden, gesetzlich verbot. So hat die amerikanische Gesetzgebung Angehörige von Glaubensgemeinschaften, die die Polygamie dulden, von der Einwanderung ausgeschlossen, während z. B. die russische Regierung in dieser Einwanderung keine Gefahr sieht. Weder die russische noch die amerikanische Regierung habe jemals die verschiedenen Einwanderungsbeschränkungen, die in den Immigrationsgesetzen beider Länder enthalten sind, mit den Bestimmungen des Handelsvertrages vom Jahre 1832 unvereinbar gefunden. Nun hat die russische Gesetzgebung aus wirtschaftlichen und sozialen Gründen für die jüdischen Untertanen Rußlands eine Reihe von Begrenzungen getroffen. Es sei unter diesen Umständen selbstverständlich, daß die russische Regierung den ausländischen Juden keinen freien Zutritt nach Rußland gewähren könne, da ja sonst die ausländischen Juden mehr Rechte in Rußland besäßen, als die jüdischen Untertanen des Reichs. Daß die russische Gesetzgebung die eingeborene Bevölkerung des arbeitenden Standes gegen die Herrschaft eines Fremdvolkes (!) schützen wolle, sollte doch dem amerikanischen Volke verständlich sein, das aus ähnlichen Motiven die Einwanderung von Asiaten nach den Vereinigten Staaten nicht zuläßt. —- "Kokowzew führte ferner aus, die weitere Entwicklung der Angelegenheit hänge von den bevorstehenden Verhandlungen zur Erneuerung des Handelsvertrages ab. Die Vorschläge für diese Erneuerung müßten von der amerikanischen Regierung ausgehen, die den alten Vertrag gekündigt hat. Auf die Frage des amerikanischen Journalisten, wie die russische Regierung sich die Kündigung des Handelsvertrags seitens Amerika erkläre, da sie doch bestreite, die Bestimmungen des Vertrages verletzt zu haben, antwortete Kokowzew, Präsident Taft habe in einer jüngst gehaltenen Rede erklärt, die amerikanische Regierung halte den Handelsvertrag vom Jahre 1S32 für veraltet und habe ihn deswegen gekündigt.