Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 5 (2.2.1912)
- Date
- 1912-02-02
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Prager Juden aufleuchten gesehen hat, als „Der Alef-bejß", „Jißrolik, kum ahejm", „Der bal-agole un di ajsenbahn", und „An alte Kasche" gesungen wurden, der glaubt nicht mehr an die Möglichkeit, daß einer größeren Gruppe von Juden ihre Volkseigenart ganz entfremdet werden kann. Der Volksliederabend war ein überzeugendes Argument für die Einheit unseres Volkes. Allerdings war es den Veranstaltern auch gelungen, das Programm in ausgezeichneter Weise zusammenzustellen. Leo Gollanin, als lieber Gast zum zweitenmal in Prag begrüßt, ist der glänzendste Interpret der Volkslieder, den man sich denken kann. Die Klavierbegleitung besorgte, verständnisvoll zurückhaltend, Frau Ida Gollanin, die Gattin des Sängers. Abwechselnd mit den Liedervorträgen wurden von Fräulein Margarethe Neff, der liebreizenden Schauspielerin vom Königlichen Deutschen Landestheater, ostjüdische Gedichte von Schneier, Reisen, Nomberg, Frischmann, Menachem rezitiert. Alle diese Gedichte hatte, mit Ausnahme von Schneiers „Kirschen'1 in der Uebertragung Dr. Hugo Zuckermanns, Dr. Hugo Herrmann ins Deutsche übertragen, den eigenartigen Schmelz der Originale möglichst schonend und doch formvollendete Wirkung erzielend. Vor Gollanins Gesang und Fräulein Neffs Rezitation hielt aber zuerst einer der besten Kenner des Ostjudentums eine einleitende Conference. Dr. Nathan Birnbaum (Mathias Acher) wußte ein klares Bild der ostjüdischen Psyche zu entwerfen und damit eine Stimmung vorzubereiten, die dann die Lieder selbst hemmungslos genießen konnte. Birnbaum versuchte vor allem die Vorurteile, die über das Ostjudentum herrschen, zu zerstreuen. Er sprach darüber, daß im Ostjudentum durchaus nicht jener Weltschmerz, jene Zerrissenheit herrsche, wie im Westjudentum. Dort seien ganze Juden, ganze Menschen, Urwüchsigkeit und Weisheit, Humor und echtes religiöses Pathos, gesundes Liebesempfinden und lebensfroher Optimismus. Der Weltschmerz ist eine vvestjüdische Erfindung, und, auf die Ostjuden bezogen, ein optischer Irrtum. Seine psychischen Analysen belegte Birnbaum mit konkreten Beispielen an der Hand der Volkslieder. Birnbaum, der das Ostjudentum genau kennt und innig liebt, wußte seine Rede klar und sachlich aufzubauen und geistreiche Zusammenfassungen für seine Konstatierungen zu finden. Stürmischer Beifall dankte Nathan Birnbaum, und seiner Rede ist es nicht zuletzt zu danken, wenn sich der Jüdische Volksliederabend als ein Schlüssel erwiesen hat, der das Tor zur verschütteten und vergessenen jüdischen Eigenart aufzuschließen vermag. Brief aus Galizien (Von unserem Berichterstatter.) Die höher gehenden Wellen unseres durch Dr. Levin, den Hebräertag und die X. Landeskonferenz bewegten Parteilebens haben sich wieder gelegt und die kleine Arbeit des zionistischen Alltags hat begonnen. Das wichtigste Ereignis der letzten Wochen, die heikle Teilungsfrage, ist bereits als geschlichtet anzusehen. Der Repräsentant dieses Gedankens, Dr. Leon Reich, hat die Wahl ins Zentralkomitee, die er bei der Konferenz ablehnen zu sollen glaubte, wieder akzeptiert und die Leitung der landespolitischen Agenden im Rahmen der zionistischen Landesorganisation übernommen. Somit stand der Konstituierung des Zentralkomitees nichts mehr im Wege. Bei der letzten Sitzung, die am 17. Januar 1911 im Lokale der Kredit-Union stattfand, wurde Dr. Gerschon Z i p p e r zum Vizepräsidenten ernannt, aus den Mitgliedern des Z.-K. eine Sektion für landespolitische Betätigung, eine zweite für Agitation und Presse, eine dritte für die Palästinaarbeit gebildet und das Parteisekretariat für Galizien ins Leben gerufen. Die schweren Pflichten eines Generalsekretärs übernahm der bewährte Gesinnungsgenosse Dr. Meyer Geyer, dem die Schaffung eines besoldeten regelmäßig arbeitenden Bureaus übergeben wurde. Bei der Kreierung dieser Arbeitsstelle trug man in erster Reihe dem allseitig empfundenen Bedürfnis nach einer energischen Zentralisation der zionistischen Arbeit Rechnung, und zwar desto lieber, weil unser Wunsch diesbezüglich mit den Forderungen des Berliner Bureaus übereinstimmte. Das Sekretariat wird in nächster Zeit seine hoffentlich intensive und ersprießliche Tätigkeit beginnen. Inzwischen wurde als erste Ehrenpflicht die erste Teilzahlung für den Zentralfonds an die Leitung abgesandt. Die zionistische Landespoliitk beschäftigte in den letzten Tagen das Z.-K. wiederum sehr lebhaft. Die Reform der Wahlordnung für den galizischen Landtag steht wieder auf der Tagesordnung. Auch an den Landtag ist das Drängen der aufsteigenden steten Massenbewegung mit dem gebieterischen Verlangen herangetreten, die alte, verrostete Kurialwahlordnung zu demokratisieren. Die Herren verteidigen sich hartnäckig. Das von Dr. Starzynski dem Landtag vorgelegte Projekt einer neuen Wahlordnung bemüht sich, das Vorrecht der konservativen polnischen Majorität mit allen Mitteln aufrecht zu erhalten. Im Gewirr der verschiedensten Parteimeinungen und Kämpfe sind für uns zwei Momente von Wichtigkeit: der Ausgleich zwischen den Polen und den Rutenen und die Frage, inwiefern die jüdischen Interessen bei der Reform berücksichtigt, besser gesagt unberücksichtigt bleiben werden. Denn als sicher erscheint, daß die Juden, wie überall so auch hier, eine Zurücksetzung erfahren werden. Nach ihrer Zahl, noch mehr aber nach ihrer Bedeutung im Handel und Gewerbe des Landes gebührt den Juden zumindest 15 Prozent der Mandate im Landtage, d. i. wenigstens 20 von den in Aussicht genommenen 192 Abgeordnetensitzen, und es wäre die Pflicht der heute im Landtag sitzenden Juden, alles aufzubieten, damit den Juden diese Vertretung gesichert werde. Die Herren Löwenstein & Co. hätten in dieser Sache alle Juden auf ihrer Seite, weil es sich um das gemeinsame jüdische Interesse handelt. Daß diese Herren die Sache nicht mit dem gehörigen Nachdrucke verfolgen werden, ist klar. Die Juden werden ein Maximum von fünf Mandaten geschenkt bekommen und werden die Kosten der polnisch-rutenischen Freundschaft bezahlen. In dieser Sache veranstaltete die Lemberger lokale Organisation eine Volksversammlung, bei der Adolf Stand unsere Meinung darlegte und unsere Wünsche betreffend Schaffung nationaler Kurien und Berücksichtigung der jüdischen Interessen promulgierte. — Außerdem wurden gleichzeitig acht Versammlungen in den größeren Provinzstädten veranstaltet. Ob sie von Erfolg begleitet sein werden, ist bei der judenfeindlichen Haltung der Landesregierung fraglich, aber als Ehrenrettung werden sie jedenfalls gelten können. Das zionistische Vereinsleben der Hauptstadt zeigt eine stete lobenswerte Lebhaftigkeit. Von besonderem Interesse war der Diskussionsabend der Verbindung Emunah, wo nach dem Rechenschaftsbericht des Herrn Dr. Rothf e 1 d eine leidenschaftliche und gründliche Aussprache über die jetzige Situation im galizischen Zionismus stattfand. Für den nächsten Monat sind geplant und in Vorbereitung begriffen seitens der zionistischen akademischen Verbindung Makkabäa die Veranstaltung eines zionistischen Seminars, welches Vorträge über vorherzischen, Herzischen und nachherzischen Zionismus enthalten soll, seitens der Verbindung Hasmonäa zwei Vorträge von Prof. Dr. Werner Sombart über „Die Juden und das Wirtschaftsleben" und „Die Zukunft der Juden". Prof. Sombart wurde auch von einer Anzahl zionistischer Verbindungen in der Provinz zu einer Vortragstournee eingeladen, die gewiß von hohem Interesse sein wird. Brief aus Rußland (Von unserem Berichterstatter.) Polnisches Die polnische Bevölkerung erlebt zurzeit einen förmlichen patriotischen Paroxismus. Die rücksichtslose Knebelungspolitik der russischen Regierung, die in letzter Zeit dem polnischen Volke neue empfindliche Wunden geschlagen (die Expropriation der Warschau-Wiener Bahnlinie und die Abtrennung des Cholmgebietes), hat es mit sich gebracht, daß das ohnehin krankhafte polnische Nationalgefühl in wütenden Chauvinismus ausartete. Das verletzte nationale Gefühl macht sich nicht nur Luft in romantischer Schwärmerei von einem unabhängigen Polen, wie sie sich neuerdings der gesamten polnischen Intelligenz bemächtigte, sondern es sucht sich auch aktiv zu betätigen. Da man den eigentlichen historischen Blutfeinden der polnischen Freiheit, der russischen und deutschen Großmacht, nichts anhaben kann, so wird der patriotische Tatendrang in der Richtung des geringeren Widerstandes abgelenkt, d. h. er richtet sich — gegen die Juden, Der radikale „Kurier Poranny" erklärte vor kurzem mit stolzer Genugtuung, daß es zurzeit keinen einzigen polnischen Publizisten gibt, der das „Unheil der jüdischen Gewaltherrschaft" und die Notwendigkeit, gegen dieselbe „mit allen