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Die Welt · 1912-02-02 · 5 (2.2.1912) · page 6

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Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
5 (2.2.1912)
Date
1912-02-02
Page
– (sequence 6)
Language
German
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140 DIE] Abdul Hamids stieg ihr Triumph zu Kopfe, sie sahen in ihrem Rausehe die Türkei nicht nur befreit, sondern bereits auch groß und herrlich, sich selbst und ihr Element als dasjenige, welches dieses historische Wunder vollführt und so ungeahnte Kräfte entfaltet hatte, daß es zu einer neuen und glänzenden Mission berufen sei, nämlich zur Schaffung einer großen und modernen orientalischen Kultur, die natürlich nur das Signum ihres eigenen engeren Volkstum es, nur des türkischen Volksstammes tragen konnte, das sich so glänzend bewährt hatte. Das war das Erwachen des modernen türkischen Nationalismus. Aber in ihren Zukunftsträuinen voll überschwenglichen Glaubens an sich selbst, stießen sie auf elementare Widerstände: das Vorhandensein anderer Volkstypen und anderer Kulturen in ihren Landesgrenzen, welche das schöne Einheitsbild in gewissem Grade zerstörten. Gleichzeitig glaubten sie auch aus den freilich ganz anders gearteten historischen Zuständen unter dem alten Regime, eine Staatsgefährlichkeit, jedenfalls einen Zentrifugalismus in diesen anderen Kulturelementen erblicken zu müssen, und sie faßten die kühne Idee, diese anderen Kulturfaktoren zum Verschwinden zu bringen, indem sie sich selbst durch Assimilation völlig einverleiben würden. Das war die Entstehung des jungttirkischen Chauvinismus. In dein gleichen Momente wurde auch die ottomanische Judenfrage geboren. Der Versuch, den die Jungtürken gar bald unternahmen, die Juden, wie die anderen Völkerschaften zu assimilieren, mußte unsere ottomanischen Brüder endlich zum Erwachen ihres Selbstbewußtseins bringen. Das dauerte zwar eine gewisse Weile. Noch bei den Wahlen zum Parlamente war es so gut wie gar nicht vorhanden. Man wollte sich die alte Ruhe und friedliche Sicherheit mit Aengstiichkeit bewahren. Das tat man, indem man auf die Absichten der herrschenden Männer einging, indem man sprach, dachte und träumte wie sie. Man vermied aufs sorgfältigste jede Spur von nationalistischen Ansprüchen, man wollte von nichts anderem hören als von rein ottomanischen Interessen. Und so war es damals noch ganz natürlich, daß, entgegen der warnenden und belehrenden Stimme eines einzigen, eines aschkenasischen Juden, die Wahlversammlung der Konstantinopeler Gemeinde es strikte ablehnte, ein irgendwie geartetes eigenjüdisches Programm für die Kammerwahlen aufzustellen, und daß die Vertreter jüdischen Bekenntnisses, die ins Parlament einzogen, durch die Art ihrer Wahl selbst den Stempel als nur ottomanische, nicht jüdische Deputierte erhielten. Durch diese Haltung der Juden ließ sich jedoch die Aufrollung der Judenfrage nicht verhindern. Je mehr die Juden das Echo der jungtürkischen Chauvinisten spielten, desto mehr bestärkten sie diese in ihren Ansprüchen auf vollkommene jüdische Selbstenteignung. Da diese Ansprüche bei den übrigen Nationalitäten auf herben Widerstand stießen, nur bei den Juden nicht, so wurden sie liier, wo sie Schwäche vorfanden, bald uferlos. Die Juden konnten bald gar nicht mehr „ottomanisch" genug sein, sie mochten tun, was immer sie wollten. Wie immer in solchen Fällen trat dann eine Reaktion ein. Die ottomanischen Juden kamen, zu einem kleinen Teile, ein wenig zur Besinnung. Speziell in der Jugend entwickelten sich selbstbewußtere, männlichere, eigenere Tendenzen. Und befruchtet vom Einflüsse eines vorgeschrittneren, nationalistischeren Judentums des Auslandes, dessen Ideen jetzt keine Zensur mehr den Eingang in die Türkei versperrte, entwickelten sich diese Tendenzen bald ziemlich kräftig in den makkabistischen Organisationen und öffneten sich hier und da den Weg zur Presse, deren Vertreter im allgemeinen immer vorgeschrittener waren als die übrigen Schichten des Volkes. Man begann, die Frage der Assimilation einer Prüfung zu unterwerfen, auf ihre Würdigkeit und ihre Möglichkeit; man begann zu untersuchen, was man aufgab und was man gewinnen würde; gELT " Nr. 5 man erörterte die linguistische, die ethnographische, die kulturelle Seite des Problems: die Judenfrage war ins Bewußtsein des jüdischen Volkes getreten. Wie sie ins Bewußtsein aller ottomanischen Völker trat und in einer Form, die immer akuter und akuter wurde, daß sie endlich ins Forum der Kammer drang und dort Stürme entfesselte, die das ottomanische Judentum nicht nur, sondern das universelle selbst erschütterten, ist ein Gegenstand von höchst aktuellem Interesse. Der große Judenfreund Leroy-Beaulieu war der erste, der die neue türkische Welt mit der Information beglückte, daß das türkische Judentum im Begriffe sei, staatsgefährlichen Zielen nachzugehen, indem es nationalen oder gar zionistischen Tendenzen huldigte, und der sich für seine Wahrheit auf die Alliance Israelite Universelle berief: Er war der erste, der ottomanisch und jüdisch in das Licht greller Gegensätzlichkeit rückte. Wie seine Offenbarung unter den Juden der Türkei Schule machte, wie dann die Alliance selbst auf den Plan trat, indem sie die türkische Deputierten-Delegation mit Mißtrauen gegen das nationale Judentum erfüllte, und wie dann eine gewisse spaniolische Presse das Selbstverleumdungssystem ausbaute, ist zu gut bekannt, als daß hier eine neue Darstellung nötig wäre. Hier sei nur der psychologische Erfolg gebucht, den diese Agitation auf die türkische Volksseele und die ihrer Führer übte. Es wurde den Türken von jüdischer Seite gelehrt, daß es Juden gäbe, die staatsfeindlichen Ideen huldigten, daß der Zionismus diese Art Judentum sei, daß auch in der Türkei, und hier ganz besonders, diese Staatsgefahr bestehe, und daß im ottomanischen Judentume der Zionismus in allen möglichen Formen und Verkleidungen vorhanden wäre. Seitdem ist die Ueberzeugung davon eiserner Bestandteil weiter Kreise der ottomanischen Welt geworden, seitdem ist ein Mißtrauen in die gegenseitigen Beziehungen zwischen Juden und Türken getreten, das fast unüberwindlich scheint, und seitdem ist das Judentum im öffentlichen Leben der Türkei überhaupt zu einer so niedrigen Wertung gekommen, zu einem so schlimmen Begriffe geworden, daß es als eine der wesentlichsten Waffen, oder, besser gesagt, Gifte im Kampfe der politischen Parteien des Landes herhalten mußte. Im positiven, für uns irgendwie förderlichen Sinne ist während der ganzen Existenzdauer der aufgelösten Kammer vom Judentum nicht ein einziges Mal die Rede gewesen. Dagegen haben wir dieser Kammer die Entstehung des parlamentarischen Antisemitismus in der Türkei zu verdanken. Das war, weil die Judenfrage in ihr erst aufgerollt wurde, als sie durch die gekennzeichneten Evolutionen hindurch ihre akuteste Form angenommen hatte. Von der Opposition her ist sie in die Debatten der Kammer geschleudert worden als eines ihrer schändlichsten, verruchtesten und — wirksamsten Geschosse. Man kann ruhig sagen, daß diese Opposition weder in der Kammer selber noch besonders draußen im Lande solche Erfolge erzielt hätte, wenn man ihr nicht das Gespenst der Judenfrage zu Hilfe geschickt hätte. Die jungtürkische Partei wiederum weiß sehr wohl, daß ihr durch dieses Gespenst die schlimmsten Streiche zugefügt wurden. Daß es sich in den Parlamentsdebatten vom März und Mai vorigen Jahres eigentlich gar nicht um den Zionismus handelte, sondern um die Judenfrage ganz im allgemeinen, geht daraus hervor, daß der allererste Anfang mit der bekannten Anrempelung der ganz und gar nicht zionistischen Finanzmänner Salem, Menasche und Genossen gemacht wurde. Und noch heute ist der schlimmste Vorwurf, der dem Komitee gemacht wird und dem die ehemalige Kammermajorität mit allen Kräften zu entgehen strebt, der, daß der „Union et Progres" es mit den Juden halte. Wir wissen positiv, daß diese wieder-

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