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Die Welt · 1912-01-26 · 4 (26.1.1912) · page 19

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
4 (26.1.1912)
Date
1912-01-26
Page
– (sequence 19)
Language
German
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DIE ÄELT 121 Nr. 4 Das ist die eine Seite, und nun sehen Sie nach der anderen: Wie falsch es klingt, wenn einer von unseren Dichtern die Sprache der Starken sprechen will. Wir besitzen auch nicht ein mächtiges Lied. Unsere jüdische Marseillaise, „Hatikwah", ist von einem Golus-Juden, Imber, und sie gleicht auch mehr einer Elegie, als Liedern, die Bastillen zerstören. Unsere Künstler sind nur soweit interessant, als sie in ihren Skulpturen, Gemälden und Gedichten das Golus verkörpern. Vielleicht schaffen sie aus Tendenz heraus, in der Absicht, durch den gesenkten Kopf eines polnischen Juden die Heimlosigkeit, die Einsamkeit auszudrücken. Aber wir vergessen die Moral und sind in den melancholischen Blick dieses gebückten polnischen Juden verliebt. Wir fühlen uns außerhalb der Atmosphäre schlecht. Mit einem Worte, es gibt eine ganze Romantik des Golus. Die Schönheit der Trauer dünkt uns schöner als die Schönheit der Freude, zumal in unserer Zeit der Dekadenz. Das Golus das ist die blasse Prinzessin mit großen, erschrockenen und schwermütigen Augen. O! Seien Sie sicher, solche Augen können Sie bezaubern. Warum liebst du mich — fragt ein Mann das Weib. Weil du so schwermütig aussiehst antwortet sie. Das Golus verzaubert uns mit seinem großen Elend, mit seinem schwermütigen Aussehen. Es ist die schwache, kranke Mutter, vor welcher der Held in Asch's Mosch i ach s Zeiten" die Worte sagt: „A kalike mame is fort a mame."'1) Das sind tiefe Worte. Und sicher, wir sehnen uns alle nach der verkrüppelten Mutter. Die Lippen fluchen, aber die Seele sehnt sich, und je mehr sie sich sehnt, desto mehr fluchen die Lippen. Dieser Dualismus ist es, der dem russischen Zionisten die schwersten Leiden bereitet, der hunderte geistige Invaliden geschaffen hat. Wieviel Dramatik liegt bloß in der Sprachfrage, die wie ein schwerer Fluch über unseren Häuptern schwebt. Gewiß, es gibt einzelne, gezählte Leute, die nur mit einem Ohre nach dem jüdischen Leben hinhören. Für diese existiert die Golus-Kultur wirklich nicht. Das sind sehr starke Menschen, aber für die Masse nicht charakteristisch. Bücherbesprechungen Bibliothek der Israelitischen Kultusgemcinde Wien: Katalog der Sa!o Cohnschen Schenkungen von Dr. Bernhard Wachste in. 1. Bücher aus der Sammlung des Rabbiners Nachuni Beer F r i e d m a n n - Sadagora. Wien 1911. Gilhofer Hansenbarg, XVIII und 213 Seiten. Das vorliegende Werk enthält die Beschreibung einer aus 923 Nummern bestehenden Büchersammlung, die sich ehemals im Besitze des Rabbi Nachtun Beer Fried mann in Sadag 6 r a , eines Enkels von R. Israel aus R u z y n , dem Begründer der Sadagöraer Chassidimrabbi-Dynastie, befand und von dem Kultusvorstcher Salo Colin in Wien für die Gemeiiidebibliothek der Wiener israelitischen Kultusgemeinde erworben wurde. Herr Salo Cohn hat bereits in früheren Jahren die Wiener jüdische Gemeindebibliothek mit einer bedeutsamen Schenkung, der Sammlung Fi a 1 b e r s t a m m , bedacht. In der Vorrede zum vorliegenden Katalog schildert W a ch - stein uns in interessanter Weise das Leben der Chassidim und im Zusammenhang damit das Zustandekommen dieser Bibliothek und die Persönlichkeit ihres Sammlers. Unter anderem bemerkt Wachstein: „Bei einiger Kenntnis des chassidischen Wesens muß man gerade keine sonderliche Phantasie besitzen, um sich vorzustellen, mit welchem Hochgefühl die seltensten Bücher aus den entlegensten Winkeln gezogen und dem als Privatmann ,,am Hof" in Sadagora lebenden Rabbi als Reisegeschenke gebracht wurden, zunächst, um die in gemessener Freude leicht bewegte Miene des jungen Rabbi beim Einzug eines exotischen Gastes in seine Sammlung in sich aufzunehmen und sie als bleibendes Gut in der Erinnerung festzuhalten . . Die in dem vorliegenden Katalog beschriebenen Bücher machen übrigens nur den vierten Teil der Bibliothek Rabbi Nachum Beer Friedmanns aus. Der wissenschaftliche Wert dieser Arbeit besteht darin, daß wir hier eine Zusammenstellung von östlichen und palästinensischen Drucken haben, wie wir sie bisher nicht besaßen. Der Verfasser gibt uns daher auch ein „Verzeichnis der in dieser Sammlung vertretenen östlichen Drucker'1. In der Beschreibung der einzelnen Werke sehen wir, welche Mühe und Sorgfalt Wachstein aufwandte. Manche Bücher der Sammlung weisen die eigentümliche Erscheinung auf, daß Teile und Anhänge von Werken durch Radierung der fortlaufenden Pagination und Ersetzung durch eine Neuzählung, als selbständige Werke behandelt werden. Andere Eigentümlichkeiten sind: handschriftliche Ergänzungen und nachgedruckte Titelblätter. Dabei ergibt sich manches, was dem Bibliographen bedenklieh erscheinen mag. Wachstein will dies aber eher dem Ordnungssinn Rabbiner Friedmanns und seiner Liebe für die Büchersammlung zuschreiben, als etwa einer beabsichtigten Irreführung seitens der Verkäufer. Von den Werken sind 57-1 von Rabbiner Friedmann angekauft worden und nur 257 sind durch Schenkung in seinen Besitz gelangt. Unbedeutend ist die Zahl der Bücher, die er ererbte, im ganzen 240 Werke. Dem Inhalte nach behandeln die einzelnen Werke Kahhala, Religionsphilosophie, Kalenderkunde, verschiedene haiachischc Gebiete, Liturgie, Grammatik usw. Auch Gelegenheitsgedichte und Predigten sind darunter. Aus der Fülle des Materials sei folgendes hervorgehoben: Nr. 54 lehrt uns, daß Obermayer in Wien doch irrt, wenn er sagt, das Predigen für das Seelenheil der Verstorebnen hätten die modernen Rabbiner erfunden. Dieses Buch enthält Reden, gehalten nach Ablauf der 30 Trauertage oder des Trauerjahrs nach verschiedenen Personen, die vor nahezu 200 Jahren gestorben sind. Nr. 120: B e t h - H a m i d r a s c h , eine Edition alter Midraschim von Dr. Adolf Jellinek! Man sieht, daß der gefeierte Chassidimrabbi auch die literarischen Erzeugnisse eines geistigen Antipoden wie Jellinek nicht verschmäht hat. Nr. 134 ist durch seinen Verfasser bemerkenswert. Er zählt zu den Exulanten aus Wien. Nr. 175 behandelt die kabbalistische Theorie der Seelenwanderung. Bei Nr. 1Q4 finden wir als Motto, das dem Zahlenwert des Druckjahres entspricht, die hebräischen Worte: „Kaufet dieses wertvolle Buch", also Reklame gleich auf dem Titelblatt. Nr. 225, ein in Safecl im 16. Jahrhundert geschriebenes kabbalistisches Werk, wurde erst 300 Jahre nach seiner Abfassung in Lemberg gedruckt. Interessant ist Nr. 231: Ein Ratgeber für Prediger aus dem Jahre 1547. Nr. 252: Eine homiletische Schrift aus dem Jahre 1809. Unter den Subskribenten aus Düsse 1d o r f finden wir den Namen S a m s o n H e i n e s. (Wachstein führt bei den einzelnen Werken an, ob sie Pränumerantenverzeichnisse enthalten.) Bei Nr. 253 wird eine uralte Pergamenthandschrift des täglichen Gebetbuches erwähnt, die vom Exil aus Tyrnau stammt. In Nr. 292 ersteht dem Grammatiker David Kim.chi ein warmherziger Verteidiger. Nr. 329 enthält das bekannte Gedicht von Salo in o I b n G a b i r o 1 „Kedier Malchuth", am Schlüsse handschriftlich ein interessantes Bittgedicht. Nr. 350 hat einen Proselyten zum Verlasser, der in der Vorrede seine Lebensgeschichte erzählt. Nr. 42S: Dein Verfasser werden beim Chmiclnickischen Kosakenaufstand im Jahre 1648 Frau und drei Sohne ermordet, er selbst gerät in Lebensgefahr. Er gelobt nun, nach Jerusalem auszuwandern. Auf der Rückseite des Titelblattes von Nr. o3ö eine kulturhistorische Merkwürdigkeit: Ein Amulett gegen Zauber, von der Hand des Synagogen dieners in L e i p n i k. Vermutlich in jener Zeit ein gangbarer, gut bezahlter Artikel. Nr. S37 ist ein Produkt der (jefänr>"nismauerii. Der Verfasser wurde in Wien als Spion verdächtigt, und kam schließ'ich vom Gefängnis ins Krankenhaus. So manche der Werke schildern uns die Schwierigkeiten durch die Zensur. Viele weisen originelle Holzschnitte auf. Zahlreiche Anmerkungen erweisen von neuem die Meisterschaft des Herausgebers auf dem Gebiete der hebräischen Bibliographie, der jüdischen Geschichte Lind Genealogie. Mit Spannung erwarten wir den angekündigten Katalog der Sammluii", Halberstamm. Wien. Dr. S. S 4) „Ein Krüppel von einer Mutter ist doch eine Mutter." *

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