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Die Welt · 1912-01-26 · 4 (26.1.1912) · page 18

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
4 (26.1.1912)
Date
1912-01-26
Page
– (sequence 18)
Language
German
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120 t» IE LT : Nr. 4 VI besonders der russische, als tragische Figur mit verwickelter Psychologie, mit gebrochenem Gemüt, mit trauriger und immer unruhiger Seele anerkannt werde. Sie fragen, wie er so geworden ist. Ich will Ihnen das bald sagen. Nur muß noch früher der Ideenweg betrachtet werden, den der Westjude zurücklegt, bevor er zum Zionismus kommt. Er braucht nur über die Barriere der Assimilation zu setzen. Oder richtiger: Er, der die Schieppe der Weltprinzessin gehalten hat, in der Vorhalle und zuweilen aucii schon näher gestanden hat, braucht nur die Schleppe fallen zu lassen, nur eine Tür zu öffnen. Einmal war es ja wirklich Heldentum, auf die Assimilation zu verzichten. Das war damals, als die ganze geistige Atmosphäre mit schönen Weltideen angefüllt war. Jetzt aber ist es leicht, notwendig und vor allem eine ästhetische Forderung, der sich niemand, der nur ein bischen Geschmack hat, entziehen kann. Nach allen den Individualitätsideen, die die Welt beherrschten, ist es wahrlich nicht schwer, den Nationalismus anzunehmen. Es gehört kein Heldentum dazu, sondern nur ein bischen Stolz, ein bischen Ehrgefühl, ein bischen Liebe zur Eigenart. Wenn man mir jemanden zeigt und sagt: der ist ein Nationalist, so gehe ich gleichgültig weiter. Denn das ist ja so ganz elementar. Aber heißt es plötzlich: der da ist noch immer Assimilant, dann werde ich aufmerksam, da fange ich mich an zu interessieren und nachzudenken, was er wohl sein mag: ob ein geschmackloser, banaler Bourgeois, der sich von gewissen praktischen Bequemlichkeiten nicht trennen kann, oder vielleicht ein großer, tiefer Denker mit neuen, breiten Horizonten, ein Held, der gegen den Strom schwimmt? .... Es gibt ja keine Ideologie der Assimilation. Sie wird ja ebenso von der Wissenschaft wie von der Aesthetik geleugnet. Sie hält sich ja nur noch dank den Bequemlichkeiten, die sie bietet, aber Seele hat sie doch nicht. Es ist also ideologisch leicht, ein Nationalist, und im Gegenteil sehr schwer, ja direkt unmöglich, ein Assimilant zu sein. Die Assimilation ist keine Kette mehr, sondern ein unreinliches, durchfaultes Seil. Schwache Hände können es zerreißen. Und wenn der Westjude diese elementare Arbeit getan hat, so stößt er auf keine weiteren Störungen mehr. Er geht schnell zu seiner eigenen Kultur hinüber. Die Sprachfrage existiert nicht für ihn. Er sagt sich bloß von der fremden Kultur los. Das kommt ihm leicht an, weil er unter den Westvölkern keine eigene Kultur geschaffen hat. Er hat in fremden Kulturwohnungen gewohnt und dann, als er die elementare Idee annahm, gekündigt. Er hat's leicht, denn der Weg ist ein kurzer. Er braucht nur aufzuhören, die Schleppe zu halten, er braucht nur eine Tür zu öffnen. Er genießt das Vergnügen der Freiheit in vollen Zügen, er trägt die Freiheit zur Schau und den Kopf hoch; er ist satt und sogar ein bischen banal in seiner Sattheit. Er ist wohlbehalten am Ziele angelangt, und wir können schon von ihm Abschied nehmen. Der Psychologe hat da nichts zu tun. Ganz anders aber ist die Lage des russischen Zionisten. Sie ist traurig. Sein Weg ist beschwerlich, voll von Hindernissen. Denn nicht die fremde Kultur muß er überwinden, nicht die Assimilation hat er zu bekämpfen, sondern das Golus, sein eigenes Golus, sich selber. Mit den Wurzeln muß er das ausreißen, woran er sich gewöhnt, was er lieb gewonnen hat, weil es sein Eigenes, mit Blut und Schweiß Erworbenes ist. Denn die Ostjuden begnügten sich im fremden Lande nicht mit der fremden Kultur, sondern bauten mit ihren schwachen Kräften eigene Zelte, brachten sich eiligst aus Deutschland eine fremde Sprache und arbeiteten sie um, paßten sie sich, der eigenen Psychologie an, bliesen dieser fremden Sprache die eigene jüdische Seele ein, schufen den eigenen Stil und den Jargon. Sie sangen keine fremden Lieder, sondern eigene. Kurz, wandernd und hastend zwischen einer Katastrophe und der zweiten, zimmerten sie sich eine Goluswohnung, machten sie sich ein Kleid, das sie hundert Jahre trugen. Fetzen, werden Sie sagen. Gewiß, nach unserem Katechismus, im neuen Sinn, nach dem Dogma — Fetzen. Etwas sehr Armes, Kleines, Geducktes, ohne Muskeln, ohne Blut. Aber es ist unser Seufzen drin, das jüdische Seufzen. Das Herz gerät in schweren Konflikt mit dem Verstände. Der Verstand spricht logisch, fordert Ganzes, befiehlt uns Lossagung. Aber das Herz, das ewig weibliche, das unlogische, will nicht. Das Herz liebt, und gerade diese Golusstädtchen in Lithauen, gerade diese engen Gäßchen mit den halbverfallenen Häusern, gerade dieser schwermütige Talmud-Singsang des Abends in der „Schul", gerade diese besungene Hoffnungslosigkeit, was weiß der westliche Zionist davon? Wohnt er in Palästina, so wird er sich ja manchmal nach Berlin oder Frankfurt sehnen. Aber es wird ihm nicht schwer fallen, diese Sehnsucht zu bekämpfen. Er erinnert sich ja doch, daß es ein fremdes Land ist. Der Ostjude dagegen sehnt sich nicht nur nach dem fremden Lande, sondern auch nach dem eigenen Golus. Nach dem Golus, das Ihr in euren Leitartikeln, in euren Reden, im Sinne der ganzen Philosophie des erwachenden Nationalismus beschimpft? Entschuldigen Sie, daß ich Ihnen ins Wort falle. Aber diese Verknüpftheit mit dem Golus scheint mir übertrieben. Sie stimmt nicht mit der temperamentvollen Negierung, mit euren ewigen Klagen über Fäulnis. Ich verstehe den Widerspruch nicht. Mein Bekannter aus Rußland betrachtete den Fragesteller mit seinem charakteristischen, müden Lächeln. Das ist es doch eben, gab er zur Antwort, daß unser ganzes Leben voll Widersprüche ist. Darum tragen wir ja schwerer als Ihr. Es ist ganz richtig, daß uns die jüdische Tages- und Monats-Publizistik vom Golus zur selben Zeit befreien will, in der uns die ganze jüdische Poesie, die jüdische Kunst mit ihm verknüpft. Bialik schildert in Versammlungen mit heißen, starken Worten die Schönheit, die Ganzheit der Zukunft. Er schreibt sogar Sachen, wie „ba-ssode" („auf dem Felde"), wo wir so viel Sehnsucht nach frischer Luft, nach Feld und Blumen, nach einem freien Lande finden. Er ist stark in solchen Liedern, aber er ist doch noch weit stärker in Sachen, wie „Hamassmid" oder „Schirej choref", d. h. dann, wenn er die Poesie des Golus schreibt. Die jüdische Literatur ist arm, aber die wenigen Kräfte, über die sie verfügt, das bischen Geist, das sie besitzt, gibt sie an das Golus ab. Das „Städtel" von Asch ist eine Apotheose des Golus, und ebenso ist es auch mit den volkstümlichen Geschichten von Perez und mit den Werken der anderen jungen jüdischen Dichter. Hören Sie nur, wovon einer der Jungen träumt: Un wenn ijch wel2) gejn mit majn lijbster spaziren, Soll uns nit baglejten dem nachtigalPs lijd, Nor still soll sijch trogen vun ergez2) a wajten, A tunkel belojehtenem, nidrigen Fenster A stiller, melodischer, jiddischer niggen. . .3) x) werde. 2) irgend. 8) Weise.

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