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Die Welt · 1912-01-26 · 4 (26.1.1912) · page 17

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
4 (26.1.1912)
Date
1912-01-26
Page
– (sequence 17)
Language
German
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Nr. 4 DIE3SELT Beth hamidrasch, eine Jeschiba und 20 Wohnungen für Studierende enthalten soll. Aus dem Fonds sollen diese zwanzig, die nur dem Studium leben sollen, unterstützt werden. Ein anderes Vermächtnis, welches jetzt veröffentlicht wurde, betrifft gleichfalls die palästinensischen Juden. Jacob Hindin in Riga stellte testamentarisch dem Baron E. v. Rothschild den Betrag von 90 000 Rubel zur Verfügung, der an eine i io Reihe von Institutionen verteilt werden soll. Es wird erzählt, Baron Rothschild sei von diesem Plan nicht sehr eingenommen, da er es lieber gesehen hätte, wenn das Geld für kolonisatorische Zwecke verwendet würde. Es soll bereits ein Delegierter der im Testament bedachten Wohlfalirtseinrichtungen in Palästina nach Paris gereist sein, um das Geld in Empfang zu nehmen. ff □□ □ □ □ D o s£ vfc= FEUILLETON o □□□□□□1lO O-- 4 o Golus-Romantik Von Sch. Garelik. Die westlichen Zionisten sagte ein Bekannter aus Rußland zu mir, ein Mensch mit reicher Vergangenheit und müden Augen durchleben jetzt eine Art Sturm- und Drangperiode. Sie sind wirklich jung, munter, und auf ihren Versammlungen herrscht eine ganz merkwürdige Sicherheit. Sehen Sie sich z. B. den jungen Mann an, der soeben mit einem Portefeuille unter dem Arme, worin sich wohl ein gedrucktes Programm und zwei, drei Broschüren befinden, hereinkam. Er ist sichtlich überzeugt, dal] er die Wahrheit mit sich herumträgt. Er erinnert an Leute, die zum ersten Rendezvous gehen. Der erste Roman! Naivität mengt sich mit Einseitigkeit und Egoismus. Alles ist in bester Ordnung, und lächerlich sind die, die mit mißmutigen Gesichtern umherwandeln und überall Zweifel und lyrische Resignation säen. Wozu sich denn die Dinge komplizieren und verwirren, wo doch um Gottes Willen alles so einfach und klar ist? Aber Sie werden sehen fuhr mein Bekannter nach einer kleinen Pause fort die Zukunft gehört ihnen. Sie werden die besten Arbeiter liefern. Haben sie denn ein tieferes Verständnis für den Zionismus? fragte ich. O nein. Ganz im Gegenteil. Sie kennen nur sein ABC. Aber eben deswegen. Will jemand den Zionismus künstlerisch erfassen, dann rate ich ihm, zu uns zu gehen. Farben, Nuancen wird er bei uns finden. Musik und Melodien auch nur bei uns. Doch für das reale Leben taugen wir nicht. Wenn Sie wollen, werde ich Ihnen das später beweisen. Inzwischen sage ich nur, daß der russische Zionist eine tragische, durchaus tragische Figur ist, der Philosoph, der Hamlet des Zionismus, während dem westlichen Zionisten die Tragik durchaus fehlt. Gerade deshalb aber wird er siegen, und vielleicht wird sich in Hinsicht auf den Zionismus wieder einmal das große darwinische Gesetz bestätigen, daß die Starken und Arbeitsfähigen leben bleiben, die lyrisch Schwachen aber untergehen. Die Geschichte wird von begrenzten Menschen, von jenen gemacht, die nur einen Weg wissen, wie Crom well, der beschränkte Bauer, oder wie der langweilige Franzose Robespierre. Was hat die Girondisten ins Unglück gestürzt, wenn nicht die Gedanken? Es ist sehr interessant, sich mit einem östlichen Zionisten zu unterhalten, er ist so reich an Gedanken, aber mit einer Sendung würde ich ihn nicht betrauen. Von seitwärts mischte sich ein Dritter ins Gespräch: Sie spielen mit Gegensätzen, machen eine Einteilung in östliche und westliche Zionisten. Diesen gehört die Prosa, jenen die Poesie. Wenn ich Sie recht verstehe, meinen Sie, daß der westliche Zionist für seinen Zionismus keinen Preis bezahlt, daß seiner Bekehrung keine Katastrophe vorhergeht, daß er keine .intimen Ideenerlebnisse kennt, und daß er so schnell, froh und gläubig auf sein Ziel lossteuert, weil er nicht mit innerlichen Konflikten belastet ist. Wenn Sie es auch nicht deutlich sagten, so hört man es doch aus Ihren Worten heraus, daß Sie ihn mit einem Proletarier vergleichen, der früher gar nichts hatte. Das ist doch nicht richtig. Sie dürfen doch nicht vergessen, daß er über die Assimilation zum Zionismus kommt, daß die jungen westlichen Zionisten einen Kampf mit ihren Eltern, die noch an ihre alten Assimilationsgötter glauben, führen müssen. Nach meiner Meinung liegt die Sache ganz anders. Die russischen Zionisten sind einfach älter geworden, und im Alter ist eben Enthusiasmus eine Seltenheit. Der April und Mai des Zionismus sind für sie schon vorbei. Russische Zionisten leben von Erinnerungen, sind Leute aus dem ersten Kampf, Veteranen. Hören Sie nur zu, wenn ein paar von ihnen zusammenkommen. Da fragt einer den andern: Erinnerst du dich . . .? und haben sich so viel zu erzählen, hören nicht aui, Erinnerungen auszutauschen und geraten ein wenig in Schwermut, in angenehme, süße Schwermut, denn es sind ja die Jugendtage, die Zeiten des Hohenliedes, deren sie gedenken. Ich stelle mir zwei russische Zionisten vor, wie sie Arm in Arm dahergehen, sich leise unterhalten, zwischendurch über die verlorene Jugend seufzen. Aber plötzlich, . . Es ist schon so Gesetz: Wenn alte Leute einen jungen Gymnasiasten seilen, der mit erhitztem Gesichte, eine kecke Melodie pfeifend, dahinstürmt, lächeln sie skeptisch und glauben, man verstelle nicht, daß sie einfach neidisch sind. Das kluge, erfahrene Alter ist immer neidisch. Denn niemand ist jemals satt, jeder will noch einmal jung sein. Und, entschuldigen Sie, hinter Ihrer Charakteristik der westlichen Zionisten verbirgt sich der bloße Neid. Sie beneiden sie, weil sie noch jung sind, das ABC des Zionismus erst lernen und mit der fröhlichen Lebhaftigkeit von Schuljungen aus ihren Versammlungen gehen. Das Gespräch wurde immer ernster. Es bildete sich ein Kreis von Zuhörern. Man rückte Stühle heran. Einer, der nur wie im Vorbeigehen stehen geblieben war, legte den Mantel ab, offenbar auf lange, lange Debatten gefaßt. Das Wort nahm nun wieder mein russischer Bekannter, der Mann mit der reichen Vergangenheit und den schwermütigen, müden Augen: Sie wollen uns zu alten Leuten machen. Nun, ganz ableugnen läßt sich's ja nicht leicht. Die Falten auf der Stirne, um die Mundwinkel sind ja wirklich da. Und am Ende ist doch Alter keine Schande. Sie haben auch mit Ihrer Behauptung Recht, daß wir sehr viel in Erinnerungen leben. Doch das alles hat nichts mit dem zu tun, was ich früher sagte. Damit sind nicht die verschiedenen Psychologien der westlichen und östlichen Zionisten erklärt. Ich fordere, daß der östliche Zionist,

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