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Die Welt · 1912-01-26 · 4 (26.1.1912) · page 16

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
4 (26.1.1912)
Date
1912-01-26
Page
– (sequence 16)
Language
German
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118 — DIEEj land, Deutschland und Rußland Fortschritte gemacht hat, eröffnete nun ihre Aktion auch in Oesterreich. Unter der Aegide des Vorstandes des Jüdischen Kolonisationsvereins in Wien, der österreichischen Mitglieder des Zentralrates der A. J. K. O., des Präsidiums der Wiener Kultusgemeinde, des Oberrabbiners Dr. Güdemann und eines Kreises von Wiener Industriellen und üroßkaufleuten fand am 15. Jänner im Sitzungssaale der Wiener Kultusgemeinde eine gut besuchte Versammlung namhafter Mitglieder der Gemeinde statt. Den Vorsitz führte Universitäts-Professor Dr. S. Ehr mann. Als Referenten waren Dr. Alfred Nossig, der Vorsitzende des Geschäftsführeriden Ausschusses der A. J. K. O. und Herr Ernst Löwenberg aus Berlin eingetroffen. Im Namen der Kultusgemeinde begrüßte Präsident Dr. Alfred Stern die Erschienenen mit einer herzlichen und aufmunternden Ansprache. Dr. Nossig entwickelte in seinem Referat die leitenden Gesichtspunkte der neuen ()rientkolonisaiionsbewegung. Er schilderte die Bedeutung der Kolonisation im Verhältnis zur Emigration, die spezielle Eignung des Orients zum jüdischen Siedlungsgebiet, den gegenwärtigen Stand der Kolonien und die organisatorischen Maßnahmen, welche die A. J. K. Ü. zur Fortführung des Ansiedlnngswerkes auf kaufmännischer Grundlage getroffen hat. An diese Ausführungen knüpfte Herr Ernst Löwenberg einen Bericht über die von der A. J. K. O., bzw. von ihrem Finanz-Institut, der „Orient Colonising Co." eingeleiteten Kolonisations-Uiiternehmungcn und beleuchtete die Notwendigkeit des Zusammenschlusses der Kräfte auf dem Gebiete der neuen, kommerziell basierten Kolonisation. Im Laufe der Diskussion, welche den mit Beifall aufgenommenen Referaten folgte, regte der Generalkonsul der Republik Bolivia, Bankier J. Weiß, die idee an, jüdische Emigranten in Bolivia statt im Orient anzusiedeln. Demgegenüber hoben nicht nur die Referenten, sondern auch alle nachfolgenden Redner die unvergleichliche Ueberlegenheit des Orients hervor. Der Vizepräsident der Wiener Kultusgemeinde, Dr. Gustav K o h n , w ies auf die Gefahren der Niederlassung von Juden in einer ungeeigneten Umgebung hin. Nach den Erklärungen, die der bekannte New Yorker Philanthrop Jacob H. Schiff ihm gemacht hätte, ist die Ablenkung des Auswandererstromes von Nord-Amerika eine dringende Notwendigkeit. Da könne kein anderes Gebiet als der Orient in Betracht kommen und es sei erfreulich, daß die A. J. K. O., in steter Fühlung mit allen dem gleichen Ziele zustrebenden Organisationen, durch konkrete, großzügige Koloiiisatioris-Uniernehmungen und durch Gewinnung neuer Kreise das Werk fordere. Regierungs- Rat Prof. Dr. Jerusalem setzte sich, unter lebhafter Anerkennung der Ausführungen der Referenten, in einer begeisternden Ansprache für die Orientkolonisation ein, die bereits auf festem Boden stehe und deren weitere Aussichten für jeden Vorurteilslosen überzeugend seien. Im gleichen Sinne und mit derselben Wärme sprach der Reichsratsabgeordnete, Dr. Ofner, zu Gunsten des Werkes der A. J. K. .O, das den Mann dem Boden, den Boden dem Manne anpasse. Kais. Rat W. Anninge r und Fabrikant S. Kassel erörterten Details der kolonialen Unternehmungen. Kais. Rat Jonas Weil, Vizepräsident der Börse für landwirtschaftliehe Produkte, betonte die Notwendigkeit der Aufbringung eines tunlichst beträchtlichen Kapitals für das kommerzielle Kolonisations-Institut, da nur dann seriöse Resultate erzielt werden können und sprach die Ueberzeugung aus, daß die Wiener Judcnheit hier im Verein mit anderen Gemeinden ihre Pflicht tun werde. Von großer Wirkung war die Ansprache des k. k. Kommerzienrates Heinrich Mendl, der die Idee der kommerziellen Kolonisation als zeitgemäßen Fortschritt der Philanthropie begrüßte. Diese Idee wäre geeignet, die gesamte Judenheit Europas tatsächlich, wie die A. J. K. O. es anstrebt, im Rahmen eines wirklich aussichtsreichen Werkes zu vereinigen. Er selbst stelle sich der neuen Bewegung als überzeugter Apostel zur Verfügung. Zum Schlüsse beantragte Kais. Rat W. Anninger, daß Mitglieder des einladenden Komitees und die durch die eben stattgehabte Besprechung gewonnenen Freunde des Kolonisationswerkes die Aufbringung weiterer Mittel für die Institute der A. J. K. O. persönlich in die Hand nehmen. Es erfolgte dann auch sofort eine Verständigung zwischen den betreffenden Personen, die die weitere Aktion übernommen haben." Warten wir ab, ob es der A. J. K. O. gelingen wird, ansehnliche Beträge für ihr Finanzinstitut zu werben. Wir würden es im Interesse der palästinensischen Kolonisation begrüßen, wenn die Ä. 1. K. O. endlich über das Stadium der Propaganda hinaus und zu positiven Leistungen gelangen würde. [E LT Nr. 4 Die galizische Landtagswahl reform und die Juden In dem Kampfe um die Landtagswahlreform, der gegenwärtig das politische Leben in Galizien beherrscht, haben auch die Juden Stellung genommen. In einem Aufruf, den das L e m b e r g e r Zionistische Zentralkomitee an die galizischen Juden erläßt, werden die jüdisch-nationalen Forderungen wie folgt zusammengefaßt: Allgemeines, gleiches, direktes und geheimes Wahlrecht für alle volljährigen Personen, also auch die Frauen; Einführung von nationalen Kurien, also auch einer jüdisch-natiou a 1 e n Kurie; Zuerkeiinung eines der jüdischen Bevölkerungszahl entsprechenden Prozentsatzes der Mandate. Mit Rücksicht darauf, daß die ersten zwei prinzipiellen Forderungen keine Aussicht haben durchzudringen und dal) die Reform 200 Mandate vorsehen wird, verlangen die Jüdisch-Nationalen 20 Mandate, die folgendermaßen aufzuteilen wären: Zwei Virilmandate für den Vorsitzenden und den Stellvertreter der zu gründenden Organisation der galizischen Kultusgemeinden; 12 Mandate in der städtischen Kurie, und zwar zwei Mandate in L e m b e r g , je ein Mandat in K r a k a n , P r z e m y s 1 , S t a n i s 1 a u , T a r n o p o 1 (durch Abgrenzung der von Juden bewohnten Gassen) und die Mandate von T a r n o w , B r o d y , I) r o h o b v c z , K o 1 o m e a , Rzeszo w und S t r y j; drei Mandate in der allgemeinen städtischen Kurie und die drei H a n d e 1 s k a m n i e rma n d a t e. Der Aufruf kündigt eine rege Agitation für die aufgestellten Postulate unter der jüdischen Bevölkerung an. Ueberdies wird die schädliche, unmännliche und den Juden verderbliche Politik der jüdischen Assiniilanten im Landtage einer vernichtenden Kritik unterzogen. Ein Protest Krakau. Am IS. Januar fand auf Veranlassung der hiesigen akademischen Verbindung H a s c h a c h a r '* eine zahlreich besuchte Versammlung jüdischer Studenten aller Parteien, mit der Tagesordnung: „Die Selbstverwaltung in Russisch- Pole n" statt. Nach einem Referate des Herrn stud. jur. S. Lichtig wurde eine Resolution einstimmig angenommen, welche energisch gegen die in dem Selbstverwaltungsgesetze enthaltenen Beschränkungen der jüdischen Rechte protestiert, die Stellungnahme des polnischen Klubs im russischen Parlament, wie auch der gesamten polnischen Presse brandmarkt, den jüdischen Abgeordneten N i s s e 1 o \v i t s c h und Friedmann dagegen den herzlichsten Dank für ihre tapfere, leider erfolglose Verteidigung der jüdischen Interessen ausspricht. Eine englisch-jüdische landwirtschaftliche Schule Eine Reihe einflußreicher judischer Persönlichkeiten tili England interessieren sich zurzeit sehr für das Projekt, in England eine jüdische landwirtschaftliche Schule zu errichten. Es soll jungen Juden und Jüdinnen Gelegenheit zur praktischen Ausbildung in der Landwirtschaft gegeben werden, so daß sie sich später auf dem Lande ansiedeln können. Es soll zunächst ein Versuch mit 200 300 Schülern gemacht werden, und zwar werden vorwiegend jüngere Einwanderelemente aus dem Osten dafür herangezogen werden. Man schätzt die Koster. der Einrichtung auf 100 000 Pfd. Diese Summe soll durch Ausgabe von Grundschuldbriefen auf den Besitz des Instituts aufgebracht und jährlich mit 2\j <>o verzinst werden. Ferner soll ein Gut zum Preise von 5O--6OO0O Pfd. erworben werden. Weitere 10 000 Pfd. für Nebenausgaben sind vorgesehen. Die in jdie Anstalt eintretenden Schüler sollen zwischen 13 und 17 Jahre alt sein und wenigstens 5, höchstens / Jahre in der Schule bleiben. Die Schüler sollen am Reingewinn beteiligt werden und ihr Gewinnanteil wird ihnen gutgeschrieben und ihnen beim Abgang von der Schule ausgehändigt. Die Kosten für einen Schüler sollen nach Berechnung 15 - 20 Pfd. jährlich betragen. Neben der landwirtschaftlichen Ausbildung sind Abendkurse vorgesehen; die hebräische Sprache und jüdische Religion sollen besonders gepflegt werden. Ein eigenartiges Vermächtnis Ein in Indien kürzlich verstorbener reicher Jude, hat die Summe von 2 200 000 M. hinterlassen, deren Zinsen zur Errichtung eines Gebäudes in Jerusalem bestimmt sind, das ein

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