Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 4 (26.1.1912)
- Date
- 1912-01-26
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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116 DIE] ethisch verurteilt. In diesen Tagen haben sich die tschechischen Assimilanten, die jene Rede Prof. Krejcis noch immer nicht vergessen haben, an ihn um neuerliche Präzisierung seines Standpunkts gewendet. In dem — veröffentlichten — Briet antwortet nun Professor Krejci klar und deutlich, d a ß er nach wie vor den Standpunkt als ethisch verfechte, man müsse einer Nationalität treu bleiben, und deshalb gehören seine Sympathien dem Prinzip des Zionismus; daß er jene Juden, die wirklich in keiner Beziehung mehr Juden sind, nicht zu unmoralischen Deserteuren stempelt, ist ganz in der Ordnung. Auch wir Zionisten reden nur für jene Juden, die sich irgendwie doch als Juden fühlen. Und das ist das Widerspruchvolle an jeder Assimilation, auch an der tschechischen, daß sie auch Juden, die sich bewußt als Juden fühlen, zu Anhängern hat. So schreibt im tschechischjüdischen Assimilantenblatt ein Führer der Assimilanten, gegen seine e i g e n e n Parteigenossen polemisierend, daß er und die von ihm so verstandene Assimilation sich zu ihrem Judentum e b e k e n n e n; für diese Assimilanten paßt also die Entschuldigung Professor Krejics nicht; sie fühlen sich als Juden, und die Ehrlichen unter ihnen werden die Konsequenzen ziehen müssen. Zum Schlüsse sei über eine Versammlung berichtet, die am S. Jänner von der Wiener „Oesterreichisch-israelitischen Union" in Prag veranstaltet worden ist. Es war keine Volksversammlung — 54 Anwesende — und doch sprach der Referent so „volkstümlich", als wenn die Prager Juden niemals davon gehört hätten, wie die „Union" in Wien Politik macht. Wenn man nicht gründlich informiert wäre, müßte man nach dem Gehörten alle Erfolge bewußten jüdischen Auftretens der Union zuschreiben und ebenso den Sieg der Freiheitlichen über die Christlich-sozialen. In Wirklichkeit hat die Union einmal die getauften Juden bekämpft — ein anderes Mal haben wieder die ihr nahestehenden assimilatorischen Politiker in den Getauften das kleinere Uebel gesehen und ihre Wahl unterstützt. Die Politik der Union hat keine Konsequenz, und darum wird sie in Böhmen keine politischen Anhänger werben. Brief aus London (Von unserem Berichterstatter.) Zur Wahl eines Chief Rabbi Der erste Schritt zur Wahl eines Chief Rabbi ist getan. Am 14. d. Mts. begann die Konferenz einer großen Anzahl Delegierter aus allen Teilen des Landes, und es wurde ein Komitee gewählt, das den geeigneten Kandidaten vorschlagen und die Einzelheiten der Wahl festsetzen soll. Die Rede, die der Vorsitzende, Lord Rothschild, bei dieser Gelegenheit hielt, ist für die allgemeine jüdische Welt von Bedeutung, da seine Worte zweifellos die Ansicht der maßgebenden englisch-jüdischen Kreise widerspiegeln. Die Herren wollen einen orthodoxen Rabbiner, aber seine Devise soll sein: „Nicht zuviel Eifer." Gewiß soll er auch in den hebräisch-talmudischen Fächern bewandert sein, doch ist das offenbar nicht die Hauptsache. Lord Rothschild schloß nämlich seine Rede mit den Worten, es sei die Pflicht des Komitees, einen Herrn zu wählen, der des Amtes würdig ist, der unsere Nachkommen in den Traditionen des Judentums und insbesondere zu guten, aufrichtigen und treuen Bürgern dieses großen Landes erziehen soll. Diese Schlußworte waren das Leitmotiv seiner ganzen Rede. Der Chief Rabbi soll vor allem englisch fühlen und englischer Patriot sein. Es sprach auch aus seiner Rede ein gewisses Gefühl der Erbitterung gegen die fremden Elemente, die sich gegen diese Anschauungen auflehnen, und das wird auf eben diese Elemente eine peinliche Wirkung ausüben. Die Verdienste Lord Rothschilds um das Wohl der in den letzten drei Jahrzehnten Eingewanderten sollen nicht verkannt und seine Bemühungen um die Wahrung der bürgerlichen Rechte und der sozialen Stellung der englischen Juden nicht herabgesetzt werden. Aber wohin soll es führen, wenn der Oberrabbiner zu einem Inspektor des englisch-jüdischen Patriotismus degradiert wird? Des weiteren meint Lord Rothschild, es sei eine der ersten Pflichten des Chief Rabbi dafür zu sorgen, daß alle „Ministers" (Kultusbeamte) und Chasonim englisch verstehen, und er solle alles aufbieten, um die Verbreitung eines Kauderwelsch wie „Yid- KELT Mr. 4 dish" zu verhindern. Ueberhaupt scheint Lord Rothschild über die geistigen Bestrebungen seiner ausländischen Stammesgenossen sehr schlecht unterrichtet zu sein. Was sollen wir von seinem Verständnis für den Zionismus halten, wenn er mit einer einleitenden Entschuldigung für seinen Freimut sich wörtlich folgendermaßen äußert: „Als die Pogrome ganz besonders wüteten, glaubte Dr. HerzI, mit dem ich befreundet war, die Uebel des Antisemitismus könnten geheilt werden, wenn man irgendwo auf der zivilisierten Erde einen Platz fände, wo die Juden einen selbständigen Staat bilden und alle Vorteile des Landes genießen sollten; wo sie aber auch, ich will nicht gerade sagen gegen die Gesetze handeln, aber diese Gesetze umgehen würden, wenn es nach ihrer Ansicht im Sinne der jüdischen Religion läge." Bei aller Achtung für Lord Rothschild braucht man wahrlich kein Wort über diese gewiß unfreiwillige, aber doch groteskie Entstellung der Herzischen Judenstaats-Idee zu verlieren. Die bevorstehende Wahl des Chief Rabbi erhält noch einen komischen Beigeschmack durch eine Aktion seiner späteren Untergebenen, die den gegenwärtigen Moment für richtig halten, um eine Palastrevolution ins Werk zu setzen. Der Permanenzausscfruß der Ministers-Konferenz hat nämlich in aller Stille ein Memorandum ausgearbeitet, das die geistlichen Angelegenheiten völlig den Händen eines von den Ministers gebildeten Konsistoriums ausliefert. Dieses Memorandum hatte das Unglück, vorzeitig in die Redaktion des „Jewish Chronicle" zu gelangen, und es wurde noch lächerlicher durch einen geharnischten Protest der Chasonim, die gänzlich von der „Führerschaft" ausgeschlossen waren. Es war für den Stand der Ministers nicht sehr ehrenvoll, daß Lord Rothschild, der bezeichnenderweise keinen Unterschied zwischen Predigern, Ministers und Chasonim kennt, über dieses „hirnverbrannte" Memorandum verächtlich zur Tagesordnung überging. Die Wallfahrt nach Rußland Der Besuch einer Anzahl englischer Parlamentarier und anderer Persönlichkeiten, vornehmlich aus Finanzkreisen, der jetzt Rußland abgestattet werden soll, ist einigem Protest begegnet. Es muß anerkannt werden, daß die Herren, die diesen Besuch veranstalteten, und aus verschiedenen Gründen an ihm teilnehmen, gleichzeitig doch eine gewisse Scheu zeigen. Es liegt nach Ansicht vieler Kreise zurzeit keine rechte Veranlassung zu diesem englisch-russischen Verbrüderungsfeste vor, und die finanziellen Gründe, die dahinter stecken, lassen sich noch weniger als die politischen offen anführen. Der Präsident des Hauses der Gemeinen hat erklärt, er nehme als Privatmann an der Fahrt teil, und man weiß noch nicht recht, wie die Auswahl der Teilnehmer zustande gekommen ist. Es hat den Anschein, als ob diejenigen englischen Parlamentarier, die sich in Rußland mißliebig gemacht haben, von der Fahrt ausgeschlossen worden sind. Zur rechten Stunde hat Israel Z a n g w i 11 in einem Briefe an die „Westminster Gazette" darauf hingewiesen, daß man den drei jüdischen Mitgliedern des englischen Ministeriums in Rußland keinen Einlaß gewähren würde. Nun läßt sich auch Herr W. T. Stead vernehmen, der es sich zu seiner Lebensaufgabe gemacht hat, Rußland in der öffentlichen Meinung Englands reinzuwaschen. In einem Artikel betitelt „Der Jude als Feind des Friedens" warnt Mr. Stead seine jüdischen „Freunde" vor einem Rachezug gegen Rußland, da dies der antisemitischen Bewegung Vorschub leisten könne. Es sei wegen der asiatischen Politik unumgänglich nötig, daß zwischen Rußland und den englisch sprechenden Ländern ein gutes Einvernehmen bestehe. Die Juden in Amerika aber hätten eine andere Stellung eingenommen. Während Rußland nicht dagegen protestiere, daß seine chinesischen Untertanen von Amerika ausgeschlossen würden, verlange Amerika, daß Rußland seine jüdischen Bürger nicht zurückweise. Es sind schon viele wunderliche Dinge im Namen der Freiheit geschehen. Jetzt aber sollen gar die Juden den englisch-russischen Bund nicht zu stören wagen, weil dies dem Frieden in Asien nicht zuträglich sei! Wenn man sich vergegenwärtigt, wie man uns behandelt, und was man von uns verlangt, so muß man Dr. N o r d a u zustimmen, der in einem Briefe an einen bekannten Gesinnungsgenossen, Herrn N. S. Burstein, der die russische Paßfrage in englischen Zeitungen behandelt hatte, seine sehr pessimistische Meinung über den mutmaßlichen Ausgang der Angelegenheit darlegt.