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Die Welt · 1912-01-26 · 4 (26.1.1912) · page 13

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
4 (26.1.1912)
Date
1912-01-26
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 4 DIEX&ELT IIS Der nächste Delegiertentag wurde auf Sonntag, den 30. Juni und Montag, den 1. Juli festgesetzt. Er wird wahrscheinlich in Ottawa stattfinden. Brief aus Frankfurt a. M. (Von unserem Berichterstatter.) Die Verschmelzung von Religion und Politik war von jeher eine der unerfreulichsten Erscheinungen des religiösen Klerikalismus. Das wird uns neuerdings wieder durch den „Israelit4', demonstriert, das Organ der Frankfurter Trennungsorthodoxie. Der „Israelit" gibt nämlich seit dem 1. Januar eine besondere Beilage unter dem Namen ,,Der Frankfurter Israelit4' heraus. Dies würde die weitere jüdische Oeffentlichkeit wenig interessieren; was aber das Bemerkenswerte an der Sache bildet, das ist die Tatsache, daß dieselbe Redaktion und Leitung des „Israelit4' jedesmal eine beträchtliche Metam o r p h o s e durchmacht, wenn sie von der Redaktionsstube des „Israelit" in die des „Frankfurter Israelit" eintritt. Der „Frankfurter Israelit" hat nämlich einen ganz besonderen Zweck, den der allgemeine „Israelit*4 nicht hat: er soll die gesamte Frankfurter Judenheit heranziehen und interessieren; alle Juden Frankfurts, ob sie nun zionistischapikorsisch oder at heistisch -neo- 1 og oder inkonsequent-konservativ sind. Was folgt daraus? Daß man die extreme Einseitigkeit und prinzipientreue Konsequenz, die man bisher im lokalen Teile des „Israelit4' und audh jetzt noch im allgemeinen „Israelit44 verfolgt, im „Frankfurter Israelit" vergißt und dort die Maske toleranter Versöhnlichkeit und milder Liebenswürdigkeit aufsetzt. Ein einziges Beispiel, das ja vielleicht kleinlich, aber gerade darum so überaus charakteristisch ist, soll das beweisen: Der „Israelit" hat bisher aus Prinzip die Aufnahme von Nachrichten und Berichten von Vereinen, die nicht auf seinem Standpunkt standen, stets verweigert; verschiedene Vereine haben sich eifrig bemüht, Wandel zu schaffen, aber ohne Erfolg; und darin war der „Israelit44 zweifellos konsequent; wer auf ausgesprochenem Trennungsboden steht, für den existieren die andersgesinnten Vereine nicht. Seit dem 1. Januar 1912 hat die Leitung des „Israelit" selbst ihr Prinzip geändert; wohlverstanden, nicht im ,,Israelit44 selbst, wohl aber im „Frankfurter Israelit" : Dieser bringt die Voranzeigen aller hiesigen Vereine und zwar unaufgefordert, ohne daß ihm die Vereine diese zugehen lassen; nicht nur dies, er bringt über alle Versammlungen lange, ausführliche Berichte und zwar vvieder unaufgefordert, ohne daß ihm die Vereine die Berichte zugehen lassen, und was das Interessanteste ist, er berichtet recht objektiv, unparteiisch; man meint förmlich, wenn man die Berichte liest, der Leiter des „Israelit44 habe seiner bisherigen Richtung Valet gesagt und sei aus einem einseitigen unbeirrten Trennungsmann ein versöhnlicher Anhänger der geeinten Orthodoxie geworden; doch dann braucht man nur den „Israelit4' selbst aufzuschlagen, und sofort wird man sich überzeugen, daß er in Wahrheit derselbe geblieben ist; im „Frankfurter Israelit'4 erfordert die Politik eine andere Miene, flugs hat er diese aufgesetzt; das ist es ja eben: Religion und Politik; man treibt Politik aus Religion und propagiert Religion aus Politik; man stellt die Politik in den Dienst der Religion und — was noch viel schlimmer ist die Religion in den Dienst der Politik. Dies hat die Schaffung und Redigierung des „Frankfurter Israelit44 wieder einmal deutlich gezeigt, in einer Weise gQZQigt, die die ganze Gefahr dieser Richtung erkennen läßt, und darum ist diese scheinbar so unwichtige Erscheinung doch von Interesse für die jüdische Oeffentlichkeit. Brief aus Prag (Von unserem Berichterstatter.) Wenn man von Zeit zu Zeit die Kleinigkeiten, die im Laufe einiger Wochen in Prag vorfallen," zusammenklaubt, wenn man die Versammlungen und Vorträge, die für das jüdische Publikum berechnet sind, aneinanderreiht, und wenn man schließlich aus den jüdisch-nationalen und aus den assimilatorischen, aus den deutschen und aus den tschechischen Zeitungen charakteristische Notizen und Ansichten zusammenträgt —, so ist man immer wieder selbst überrascht, daß sich das jüdische Leben in Prag doch ununterbrochen entwickelt; man kann mit Freude konstatieren, daß in Prag gerade die zionistische Bewegung alle jene inneren und äußeren Wandlungen verursacht hat, aus denen selbst der dem Westjudentum mißtrauisch gegenüberstehende Beobachter Hoffnung und neuen Mut zu schöpfen wagt. Natürlich haben die Prager Zionisten alljährlich ihre traditionelle Makkabäerfeier: heuer hielt, im jüdischen Volksverein Zion, Heinrich L ö \v e aus Berlin einen die Vorführung schöner Lichtbilder begleitenden Vortrag, und eine Reihe von Schauspielern und Dilettanten rezitierte in deutscher und tschechischer Sprache nationale Gedichte. Diese traditionellen Makkabäerfeiern, die eine Zeitlang der Außenpropaganda dienten, werden nunmehr immer mehr einer inneren Propaganda unter den Zionisten selbst zu dienen haben; alles, was allzu schablonenmäßig und unbeseelt ist, wird von der Bildfläche verschwinden, und auch die Makkabäerfeiern werden jüdischer werden. Alles, was wirklich jüdisch ist, findet in Prag schon ein empfängliches Publikum. Das j ü d i s c h e Theater, das schon seit Monaten im „Savoy44 spielt, hat sich einen treuen Kreis von Freunden, ja Bewunderern erworben, gerade unter jenen, an denen alle „zion i s t i s c h e4' Propaganda abzugleiten pflegt. Wo man eben dem Inhalte nach jüdische Wesensäußerungen zu spüren bekommt, erwacht selbst in den theoretisch extremsten Assimilanten eine Stimme verständnisvoller Verwandtschaft. Darum erwartet die zionistische Gemeinde Prags so viel von den Festabenden Bar K o c h b a s , die mit sicherem Bewußtsein darauf ausgehen, „Ideenpropaganda44 zu treiben und dabei die Kenntnis jüdischer Werte zu verbreiten. Der heurige Festabend, der am IS. Jänner stattfinden soll, wird dem Jüdischen Volkslied gewidmet, Dr. N a t h a n Birnbaum (Mathias Acher)-Berlin wird über „Das Lied der Ostjuden" sprechen, Leo (3 o I I a n i n (Berlin) wird jüdische Volkslieder singen und eine Prager Schauspielerin ins Deutsche übersetzte Jargondichtungen rezitieren. Ein tiefgefühltes Bedürfnis nach jüdischen Kulturwerten besteht auch auf dem Gebiete der Jugendschriften, der Kindererziehung. Der Religionsunterricht ist unseren Kindern leer und kalt; statt des lebendigen Judentums erhalten sie tote Abstraktionen. Sollen die Kinder denselben steinigen Weg gehen, den unsere Generation gehen mußte: erst durch den Antisemitismus ans Judentum erinnert zu werden? Einige Prager zionistische Studenten haben den Versuch gemaent, anläßlich des Makkabäerfestes schon unsere Allerkleinsten mit der Bedeutung dieses Tages bekanntzumachen. Das kleine illustrierte Heftchen, das sie herausbrachten, „Chanukah, das Lichterfest. Verse und Bilder für jüdische Kinder'*, wurde überall mit großer Freude aufgenommen, m wenigen Tagen war die Auflage vergriffen und überall hört man nun erzählen, daß die Kinder die ganze Geschichte auswendig kennen und von ihr sehr begeistert sind. Und da die Wirkung in der Kinderwelt diesmal das Entscheidende ist, verlangt man nun von den Autoren des ersten Heftchens schon eine Fortsetzung für Purini. Hoffentlich kommt sie zustande .... Das Erfreulichste im neuen zionistischen Leben Prags sind aber die H e b r ä i s c h k u r s e , die unter der Leitung eines Hebräisch als Muttersprache sprechenden Lehrers stehen. Natürlich hat dieser Unterricht noch nicht jene Anteilnahme gefunden, die er verdient. Aber doch gewinnen die Kurse von Zeit zu Zeit neue Teilnehmer, ein hebräischer Sprechklub wurde gegründet 'und das Beispiel wirkt weiter. Schon ist auch draußen in der Provinz der Wunsch wach geworden, ähnliche Hebräischkurse einzurichten, und wenn die Arbeit richtig organisiert wird, wird die hebräische Bewegung in ganz Böhmen Fortschritte machen können. Allen diesen erfreulichen Erscheinungen gegenüber ist es fast gleichgültig, die Versuche der Assimilanten, ihr Judentum den Deutschen oder den Tschechen anzupassen, beobachten zu müssen. Deutsche Juden, die sich für ihre „Assimilation44 mit den Zionisten herumschlagen wollten, gibt es nicht mehr; es gibt auf deutscher Seite nur „gute Juden44, die nicht mehr ,,aus ihrer Haut" heraus wollen. Die tschechisch -jüdischen Assimilanten sind dafür aggressive Zionistenfeinde, und ihr einziger Programmpunkt ist der Kampf gegen den Zionismus. Vor einigen Jahren hat ein bekannter Üniversitätsprofessor (der tschechischen Universität), der als Anhänger der realistischen (Massaryk-) Partei Einfluß besitzt, in aufsehenerregender Weise den Standpunkt des Zionismus gebilligt und das Assimilationsstreben als im-

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